Im Interview

„Hassparolen nicht einfach stehenlassen“: Diese Frau aus dem MK wehrt sich offen gegen Alltagsrassismus

Gudula Mueller-Töwe aus Plettenberg zeigt Schauküsse, die immer noch zu oft als Negerkuss bezeichnet werden.
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„Wenn es auf der Welt nur einen gibt, der wegen dieser Wörter eine Träne vergießt, dann muss ich es doch nicht mehr sagen“, meint Gudula Mueller-Töwe und blickt auf die Schaumküsse in ihrer Hand, die von vielen noch oft unbedacht als Negerküsse bezeichnet werden.

Gudula Mueller-Töwe kann es oft nicht begreifen, warum der Alltagsrassismus noch so offen in der Gesellschaft nach außen getragen wird. Deshalb wehrt sie sich, sucht mit Menschen das Gespräch - auch wenn es manchmal zäh ist, wie sie im Interview erzählt.

Plettenberg - Am letzten Sonntag hätte die NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl ihren 100. Geburtstag gefeiert. In den Tagen davor und danach gab es viele Meldungen, die mit Hass und Rassismus im Zusammenhang standen: der Bundestag hat ein neues Gesetz beschlossen, das es Menschen einfacher machen soll, Hass im Internet zu melden; Ex-Fußball-Nationaltorwart Jens Lehmann sorgte mit seiner Aussage über Ex-Profi Dennis Aogo „Ist Dennis eigentlich euer Quotenschwarzer?“ für eine Welle der Empörung und die Grünen versuchen, ihr Mitglied Boris Palmer nach wiederholten rassistischen Äußerungen auszuschließen.

Diese kleine Auswahl an jüngeren Beispielen zeigt, wie die Themen Hass und Rassismus zu unseren ständigen Begleitern geworden sind. Eine, die sich offen dagegen wehrt, ist Gudula Mueller-Töwe. Die Plettenbergerin hat selbst viele Jahre in Afrika gelebt und wird im Internet nicht selten Zielscheibe für böse Anfeindungen. Weil sie nicht schweigt, sondern sich wenn nötig gegen Hassparolen ebenso stemmt, wie gegen den oft unbedachten Alltagsrassismus. Sebastian Schulz traf sie zum Interview.

Frau Mueller-Töwe, mögen Sie die Geschichten von Jim Knopf oder Pippi Langstrumpf?

Jim Knopf fand ich als Kind selbst cool. Leider gibt es hier in den Ursprungsversionen Passagen, in denen das N-Wort [„Neger“; eine Umschreibung für eine früher gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze] auftaucht. Ich habe mir als Kind nie darüber Gedanken gemacht, aber als Mutter von zwei Kindern sehe ich das heute etwas anders.

Wie denn?

Wenn ich später aus Jim Knopf vorgelesen habe, habe ich mir immer die Frage gestellt: Soll ich die Passage mit dem N-Wort überspringen? Wie ist der richtige Umgang? Wenn man jemanden damit verletzt, sollte man es Kindern nicht beibringen.

Gibt es denn bei Ihnen im Umfeld Freunde und Bekannte, die noch das Wort „Negerkuss“ verwenden?

Ja, die gibt es. Ich finde es immer schwierig, wenn ich Diskussionen über solche Wörter wie dieses oder zum Beispiel Zigeunerschnitzel höre. Ich kann nicht verstehen, warum diese Wörter den Menschen so wichtig sind.

Einige argumentieren, dass mit solchen Wörtern oder den Originalgeschichten Traditionen bewahrt werden sollen.

Es gibt da ein schönes Zitat, das lautet: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Traditionen haben sich immer entwickelt und entwickeln sich weiter. So ist es auch hier. Wenn es auf der Welt nur einen gibt, der wegen dieser Wörter eine Träne vergießt, dann muss ich es doch nicht mehr sagen.

Wer ist Gudula Mueller-Töwe?

Die gebürtige Plettenbergerin Gudula Mueller-Töwe ist von Beruf Schauspielerin. Sie lebte fast 20 Jahre im Ausland, darunter in Spanien, Simbabwe und Malawi. Während dieser Jahre tourte sie mit der Fura dels Baus durch die verschiedenen Länder Europas und Südamerikas, bevor sie sich in Harare, der Hauptstadt Simbabwes, niederließ. Hier war sie Leiterin und Regisseurin des internationalen Theaterensembles La Reina Theatre. Einer ihrer größten Erfolge dort war das Stück Frog Queen, ein deutsches Stück, in dem auf teils satirische Weise die Lebensumstände alleinerziehender Mütter thematisiert werden und das Mueller-Töwe auf die Situation in Simbabwe übertrug. 2013 kehrte Mueller-Töwe aus Malawi nach Deutschland zurück. Hier arbeitete die Mutter von zwei Kindern zunächst als Theaterpädagogin in Soest und Dortmund, ehe sie durch eine glückliche Fügung, wie sie selbst sagt, eine Nische beim Diakonischen Werk in ihrer Heimatstadt Plettenberg entdeckt hatte. Seitdem arbeitet Gudula Mueller-Töwe hier als Schulsozialarbeiterin und koordiniert Sprachkurse für Geflüchtete und Zuwanderer. Sie spricht fließend Englisch, Französisch, Spanisch und Katalanisch, dazu hat sie Grundkenntnisse in Portugiesisch und Italienisch.

Was ging Ihnen letzte Woche durch den Kopf, als sie von der Jens-Lehmann-Äußerung gehört haben?

Es war ein typisches Beispiel. Es sind oft diese unbedachten Äußerungen, diese Alltagsphrasen, die nicht hinterfragt werden. Das meiste geschieht ja aus Unbedachtheit.

Was zum Beispiel?

Während der Ebola-Epidemie in Westafrika war zum Beispiel der beleidigende Vorwurf in Mode, angeblich Ebola zu haben, wenn man aus Afrika kommt. Manchmal sind es auch ganz banale Dinge: zum Beispiel vor einigen Jahren eine Eisdiele, die in Schokolade getunkte Hörnchen als Eisneger verkauft hat. Die Leute dort waren bass erstaunt, hatten darüber gar nicht nachgedacht und wollten ganz bestimmt niemandem etwas Böses. Jetzt heißt das Hörnchen Eismohr. Es gibt ganz viele solcher Anekdoten, auch viele Sachen, die in einer Grauzone sind, bei denen man sich selbst fragt: Ist das Diskriminierung? Bin ich zu überempfindlich?

Warum schreiten Sie trotzdem in vielen Fällen ein, auch wenn es um solche vermeintlich banalen Sätze geht?

Steter Tropfen höhlt den Stein. Wenn ich etwas immer wieder höre oder lese, dann brennt sich das ins Bewusstsein ein – ebenso ist es, wenn ich immer wieder widerspreche.

Ist das auch der Grund dafür, warum Sie zum Beispiel auf Facebook immer wieder auf Hassparolen reagieren?

Ja, ich kann mich da nicht raushalten und etwas so stehen lassen, wenn etwas falsch ist. Man muss im Gespräch bleiben. Ich glaube auch, dass man mit vielen Leuten reden kann, auch wenn viele sagen, es lohne sich nicht. Wenn wir die Chance haben wollen, die Spaltung aufzuhalten, dann müssen wir die geistigen Mauern abbauen.

Ist das nicht äußerst anstrengend, immer wieder auf solche Parolen oder auch auf unbedachten Alltagsrassismus zu reagieren?

Ich habe da schon oft Resignation erlebt, Sätze wie „Das ist halt so, das wirst du nicht ändern können“. Aber wenn ich dann überlege, dass meine damalige Schwiegermutter in spe selber noch in Zeiten der Apartheid gelebt hat, dass ihr gesagt wurde, sie dürfe nicht über den Bürgersteig gehen, weil sie wegen ihrer Hautfarbe keine Bürgerin sei, dann finde ich: Da ist doch schon viel passiert, es hat sich doch etwas verändert. Es braucht eben Zeit, manchmal zehn, zwanzig Jahre, damit sich die Dinge verändern.

In den letzten Jahren sind Hass und Rassismus zu global viel diskutierten Themen geworden. Der Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd war dafür ein Beispiel.

Ja, und auf einmal hatten alle ihre Profilbilder geändert und wollten Anteil nehmen an George Floyds Tod. Viele haben gesagt: „Die haben doch alle keine Ahnung. Die springen nur auf einen Zug auf.“ Ja, auch wenn das nur eine Mode ist und auch wenn Leute das in ihrem Status posten, aber gleichzeitig einen rassistischen Witz äußern, so ist es dennoch gut, dass die Leute merken, dass da etwas verkehrt läuft.

Auf der anderen Seite hat es trotz Rassismus- und Ausgrenzungsdebatte in Deutschland und in vielen anderen Ländern in den letzten Jahren einen spürbaren Rechtsruck gegeben. Bereitet Ihnen das Sorge?

Ja, schon. Wenn ich sehe, dass es Stadtteile gibt, in denen die AfD auf 20 Prozent der Stimmen kommt, denke ich: Wie bitte?! Ich habe mich schon mehr als einmal gefragt, ob es eine gute Idee war, wieder zurück nach Deutschland zu kommen, obwohl wir uns hier im Ort sehr wohl fühlen.

Sie waren ja während Ihrer Zeit in Afrika selbst mal eine Fremde. Wie haben Sie das erlebt?

Es hat mich geprägt, denn ich habe ganz viel gelernt. Im positiven Fall bewirkt so etwas, dass man am Ende reicher ist. Ich fühle mich durch meine Auslandsjahre nicht weniger deutsch, sondern eher deutsch plus.

Haben Sie in Afrika Rassismus erlebt?

Als ich in Simbabwe war, habe ich gedacht, Rassismus wäre vorbei, das wäre etwas von vorgestern. Stattdessen habe ich dort Rassismus zum ersten Mal richtig gespürt. Und zwar auch dort den Schwarzen gegenüber. Als Partner einer weißen Frau zum Beispiel gelten sie einigen Weißen dort weiter als völlig inakzeptabel.

Vorurteile gegenüber Fremden haben Sie also auch andernorts erlebt?!

Ja, Vorurteile und gewisse Unsicherheiten gegenüber anderen gibt es überall. Das ist hier in Deutschland nichts Exklusives.

In Ihrem Beruf als Sprachkurs-Koordinatorin und Schulsozialarbeiterin versuchen Sie nun, Menschen aus anderen Ländern in Deutschland zu integrieren. Wie gut gelingt Ihnen das?

Es ist nicht einfach, weil der Sauerländer an sich ja sehr reserviert ist. Ich rate da meist zu dem Typischen: Integration über Vereine oder Glaubensgemeinschaften. Aber man muss auch bedenken, dass die Menschen, die teilweise bewusst hierher gekommen sind oder die es hierher verschlagen hat, nicht immer weltoffen oder welterfahren sind. Sie kommen teilweise selbst aus kleinen Dörfern mit festen Strukturen und sind verunsichert, wenn sie in eine völlig andere Umgebung kommen.

Glauben Sie, dass das der Grund dafür ist, warum viele unter sich bleiben?

Ja, es ist wie ein innerer Kreis. Als Türke hat man viele türkische Freunde, als Deutscher hat man viele deutsche Freunde und so weiter. Ich bin gespannt, ob es durch unsere Kinder anders wird, denn in den Schulklassen gibt es heutzutage viele Kinder mit Migrationshintergrund. Dadurch können sie offener an die Sache herangehen und müssen sich bestimmte Fragen nicht mehr stellen.

Was würden Sie sich mit Blick auf Hass und Rassismus für die Zukunft wünschen?

Ich finde, in einer idealen Welt sollten Hassparolen nicht einfach stehengelassen werden. Manchmal sollte man eine Lanze brechen für die, die es selbst nicht können. Das hat dann auch nichts mit einem Helfersyndrom zu tun, sondern liegt daran, dass ich vielleicht in einer besseren Position bin oder mehr Energie habe. Es gibt einfach bestimmte Sachen, die gehen nicht mehr im 21. Jahrhundert. Man muss auch nicht immer ein Fass aufmachen und Grundsatzdiskussionen anzetteln. Manchmal reicht schon ein Satz, der dabei hilft, diesen blöden Alltagsrassismus endlich loszuwerden. Ohne den Rassismus fehlt uns nichts zu unserem Wohlbefinden. Gar nichts.

Anmerkung

Der Redaktion ist bewusst, dass Wörter wie Negerkuss oder Zigeunerschnitzel diskriminierend und rassistisch sind. Gleichwohl halten wir es für erforderlich, die Dinge hier ausnahmsweise für eine klare Verständlichkeit beim Namen zu nennen.

Wie man sich mit Worten gegen Hassparolen und Alltagsrassismus zur Wehr setzen kann, lesen Sie in diesem Artikel über einen „Parolen Paroli“-Workshop im MK.

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