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Grausiger Fund: Kinderskelette am Kirchplatz ausgegraben

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Von: Georg Dickopf

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Auch Kinderskelette wurden bei Ausgrabungen vor dem Heimathaus dokumentiert.
Auch Kinderskelette wurden bei Ausgrabungen vor dem Heimathaus dokumentiert. © Archäologie am Hellweg

 Rund um den Plettenberger Kirchplatz wird derzeit im Zuge der Innenstadtsanierung gebaggert, denn eine neue Entwässerungsleitung muss verlegt werden. Dabei gab es in den letzten Tagen grausige Funde.

Plettenberg - „Dabei handelt es sich meistens um Oberschenkelknochen, aber wir haben auch schon Schädelknochen und andere Skelettteile gefunden“, sagt Andrea Werner, die als Archäologin zusammen mit Steffen Bohm die Bauarbeiten am Kirchplatz begleitet. Beauftragt wurden die Mitarbeiter der Firma „Archäologie am Hellweg eG“ von der Stadt Plettenberg. „Wir stehen bei unserer Arbeit unter der Fachaufsicht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe“, erklärt Werner, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Erkundungen für das Referat für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie beim LWL vornimmt.

Als der Bagger vorsichtig die nächste Schaufel mit Erde aus dem Graben für die Entwässerungsleitung entnimmt, unterbricht die Archäologin das Gespräch und geht mit geübtem Blick zu einem Erdhaufen vor der Christuskirche, wo der Aushub landet. Sie greift in die Erde und zieht zielsicher einen 30 Zentimer langen Oberschenkelknochen heraus.

Mehr als 300 Jahre alt

„Solche Oberschenkelknochen sind nach der langen Zeit am besten erhalten“, weiß die Expertin. Schließlich handele es sich bei den menschlichen Überresten um Skelette von Plettenbergern, die dort teilweise vor mehr als 300 Jahren bestattet wurden.

Wie schon lange vor dem Start der Sanierung des Kirchplatzes bekannt war, befand sich unter dem Kirchenvorplatz einst ein Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde. „Zwischen 1700 und 1825 wurden dort viele Bestattungen vorgenommen“, weiß die Archäologin, die seit gut vier Wochen in Plettenberg tätig ist und zusammen mit Steffen Bohm bereits mehr als ein Dutzend Gräber rund um die Christuskirche dokumentiert hat.

Archäologin Andrea Werner neben einigen ausgegrabenen Knochen vor der Christuskirche.
Archäologin Andrea Werner neben einigen ausgegrabenen Knochen vor der Christuskirche. © Dickopf

Nicht verhindern lasse sich bei den derzeitigen Arbeiten, dass manche Gräber regelrecht durchschnitten werden. Im Fall der neuen Wasserleitungen waren es die Gräber 21 bis 23, die von der Baggerschaufel aufgerissen wurden. Da die Ausrichtung der Gräber früher stets gleich war und die Oberkörper gen Westen und die Gebeine in Richtung Osten lagen, sind es zumeist auch ähnliche Knochenfunde.

Komplett erhaltene Kinderskelette

„Bei den Grabungen vor dem Heimathaus haben wir auch nahezu komplett erhaltene Kinderskelette gefunden“, sagt Steffen Bohm, der den genauen Ort und die Lage fotografisch dokumentiert. Wo mit entsprechenden Funden zu rechnen ist, sehen die Experten auch an den sogenannten Grabschatten – in dem Bereich, in dem sich früher ein Sarg befand, ist die Erdzusammensetzung eine komplett andere.

Holzüberreste der einst verwendeten Särge finden sich nach so vielen Jahren nicht mehr. „Aber wir haben noch historische Tragegriffe und Nägel von den Särgen freigelegt“, sagt Andrea Werner.

Bei der Fachabteilung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe werden die Funde aus Plettenberg ausgewertet. Von einzelnen Knochen werde man dort auch DNA-Proben entnehmen. „Und die Ergebnisse lassen dann ganz genaue Rückschlüsse auf die in Plettenberg beerdigten Menschen zu“, sagt Werner, ehe sie wieder mit wachsamem Blick die Ausgrabungen beobachtet.

Beisetzung der Knochenfunde geplant

Auch Pfarrer Dietmar Auner verfolgt die Ausgrabungen rund um die Christuskirche mit großem Interesse. Anders als in Attendorn, wo rund um die Kirche etwa 6 000 Gräber ausgemacht wurden, ist die Anzahl der Gräber in Plettenberg überschaubar, auch weil hier bereits bei der Sanierung der Christuskirche im Jahr 1984 zahlreiche Gebeine gefunden und dokumentiert wurden. „Wir werden die gesammelten Knochen aus dem ersten Fund am Seiteneingang zusammen mit dem dort ausgegrabenen Grabstein und den nun gefundenen Knochen umbetten auf den Böhler Friedhof“, sagte Auner.

Wenn möglich, werde er die Bestattung der Knochenfunde am Totensonntag im Rahmen einer kleinen Gedenkfeier vornehmen. Allerdings nur, wenn keine weiteren Funde mehr zu erwarten seien. „Das wäre ein würdevoller Umgang mit den Knochen, die dann auf dem zweitältesten Friedhof der Stadt ihre letzte Ruhe finden sollen“, meint Auner.

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