Mobile Glockengießerei in Affeln lässt Glocken erklingen

Die Christuskirche mit der mechanischen Kirchturmuhr und dem Glockenturm.

Plettenberg/Affeln -  Der Tag des Internationalen Glockenläutens am 21. September bietet einen willkommenen Anlass, an die Glockengießer der Firma Rincker aus Leun bei Wetzlar zu erinnern, die vor fast 200 Jahren in Affeln für die dortige Lambertuskirche sowie für andere heimische Kirchen mehrere Glocken gegossen haben.

Renate Schröder-Martin, Kirchenführerin der Evangelischen Kirchengemeinde Plettenberg, entdeckte nach einem Hinweis von Glockenbauer Hanns Martin Rincker einen Bericht aus dem Süderländer von 1977. Dort war folgender Text aus dem Jahr 1823 zu lesen, der vom reformierten Prediger Johann Carl Paffrath verfasst wurde: „Ein paar Jahre vorher war für eine Glocke, die zersprungen war, eine neue Glocke angeschafft und in Affeln durch den Glockengießer Rincker gegossen worden, die 160 Reichstaler und die alte Glocke kostete.“ Rincker schaut in das Firmenarchiv Anhand dieser Angaben wurde die heute immer noch existente und in der 14. Generation geführte Glockengießerei Rincker zu dem historischen Eintrag befragt. 

Die Glocken in Affeln haben eine besondere Geschichte.

Geschäftsführer und Inhaber Hanns Martin Rincker schaute in das Firmenarchiv und gab folgende Auskunft: „Die uns vorliegenden Unterlagen sind in diesem Fall ausschließlich aus ,fremder Hand’. Da aber mehrere Quellen über Glockengüsse in Affeln berichten, dürfte es grundsätzlich wirklich stimmen“, sagte Rincker und fand Belege dafür, dass „wir 1811 für Affeln Glocken gegossen haben an Ort und Stelle.“ An den neuen Glocken konnten sich die Affelner nur kurz erfreuen, denn beim großen Dorfbrand im Herbst 1814 waren die ersten von Rincker gegossenen Glocken gerade einmal drei Jahre alt, als sie zerstört wurden. Belegt ist laut Rincker, dass die Glockenbauer aus Wetzlar fünf Jahre später, im Jahr 1819, erneut ihre Zelte in Affeln aufschlugen und dort eine Art „mobile Glockengießerei“ unweit der Lambertuskirche errichteten. Laut Rincker wurden 1819 vier Glocken in und für Affeln gegossen. Weitere Glocken wurden für Kirchen in Ergste und Aplerbeck hergestellt und mit Pferdegespannen dorthin transportiert. Bei der dritten Glocke, die in Affeln gegossen wurde, war der Transportweg vergleichsweise kurz, denn nach den Unterlagen im Rincker-Archiv war diese Glocke für die Christuskirche in Plettenberg bestimmt.

Dass die von Rincker übermittelten Daten zutreffend sind, wird auch von dem emeritierten Pfarrer F. A. Höynck bestätigt und durch die Angabe des genauen Datums weiter präzisiert, der um 1905 schrieb: „Die vier neuen jetzigen Glocken wurden am 18. und 19. Juni und 16. August 1819 in Affeln durch Wilhelm Rincker aus Leun gegossen. Sie wiegen zusammen 3 204 Pfund, 472 Pfund weniger als das Gesamtgewicht der früheren Glocken betrug.” Höynck weiß auch noch von einer Glocke für Hagen (Allendorf) zu berichten, die vermutlich auch in der mobilen Glockengießerei gegossen wurde: „Der Turm verlor in dem Brand von 1816 seine drei Glocken, die zerschmolzen. Aus dem übrig gebliebenen Metall wurde vorläufig eine 1000 Pfund schwere Glocke hergestellt, die auf Lambertus und Nikolaus getauft ist. Gegossen 1819 von Vater und Sohn Rincker aus Leun bei Wetzlar.“

 Die Rincker-Glocken in Affeln gibt es heute nicht mehr, denn diese wurden im Ersten und Zweiten Weltkrieg ausgebaut und eingeschmolzen, um aus dem Material Waffen und Kriegsgerät herzustellen. Deshalb finden sich in vielen Kirchen heute auch eher einfachere Stahlglocken, die in den Nachkriegsjahren installiert wurden. Das heutige Geläut in der Affelner Kirche wurde 1948 von der Firma Juncker in Brilon gegossen. Die größte Glocke ist den Heiligen Petrus und Paulus geweiht. In der Plettenberger Christuskirche ergänzte die Rincker-Glocke aus Affeln die im Jahr 1725 installierten Glocken. Im Ersten Weltkrieg wurden die dortigen Bronze-Glocken eingeschmolzen und nach den Recherchen von Martin Zimmer im Jahr 1920 durch die „Gloriaglocke“ (1900 Kilogramm), die „Tagesglocke“ (1100 Kilogramm) und die „Friedensglocke“ (800 Kilogramm) aus Stahl ersetzt.

Alle drei Glocken, die vor fast 100 Jahren vom Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation installiert wurden, läuten heute noch in Plettenberg werktags um 7 und 19 Uhr, samstags um 18 Uhr und sonntags vor dem Gottesdienst. Mit Rücksicht auf die Anwohner entfällt seit einigen Jahren das Glockenläuten um 7 Uhr an Sonn- und Feiertagen. Beschwerden von neu zugezogenen Plettenbergern gab es auch, als nach zweijähriger Kirchturmsanierung die Uhr der Christuskirche im Jahr 2015 wieder im Viertelstundentakt die Zeit bekannt gab. Die Stadt Plettenberg wies die Beschwerde jedoch ab. Grundsätzlich urteilen Gerichte in Deutschland in der Regel für den Glockenklang und werten diesen als „Kulturgut, so lange es liturgisch begründet ist“. Wenn heute die Glocken bundesweit und konfessionsübergreifend läuten, soll damit an das Ende des Ersten Weltkriegs (1918) und an den Ausbruch und das Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) erinnert werden.

Von Theo Dickopf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare