„Haben Ende kommen sehen“

Großer Frust und Resignation bei Dura-Belegschaft - Zwei-Klassen-Gesellschaft?

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Plettenberg - Rund 24 Stunden nach der angekündigten Schließung des Dura-Werkes im April 2019 herrschte am Mittwoch vor dem Werkstor an der Königstraße gedämpfte Stimmung. Noch gut ein Jahr läuft dort der Betrieb, dann gehen die Lichter aus. Und das nicht nur im Bereich Leisten & Blenden, sondern auch in der Dura Holding Body & Glass sowie im Werkzeugbau.

„Auf dem Parkplatz war heute deutlich weniger los“, sagte ein Auszubildender, den es nicht wundern würde, „wenn der Krankenstand in den nächsten Tagen wieder ansteigt.“ 

Zwischenzeitlich lag der Krankenstand in dem Werk an der Königstraße bei 20 Prozent, konnte aber nach Informationen unserer Zeitung zuletzt auf gut acht Prozent reduziert werden. Im Bundesschnitt beträgt der Krankenstand etwas über fünf Prozent. 

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Doch das sind alles nur Zahlen, die nun keine Bewandtnis mehr haben, denn das Kind ist sprichwörtlich in den Brunnen gefallen. „Wir hatten genug Aufträge, aber die Amerikaner haben alles abgelehnt“, bedauerte ein 58-jähriger Maschinenbediener, der die Rolle des Betriebsrates zwiegespalten sieht: „Der Betriebsrat hätte sich mehr einsetzen müssen für die Firma und nicht nur für die Mitarbeiter“, findet der Plettenberger, der wenig Chancen sieht, noch eine neue Anstellung zu finden. „Das Durchschnittsalter bei Dura liegt bei über 50 Jahren“. 

Für die jüngeren Mitarbeiter sei es kein Problem, einen neuen Job zu bekommen, doch seine Altersgruppe werde es sehr schwer haben – auch weil man eine recht hohe Vergütung gewohnt sei. 

Als die Unternehmensführung 230 Mitarbeiter entlassen habe, „gab es Hoffnung“, doch nachdem sich viele wieder zurückgeklagt hätten, habe man „das Ende kommen sehen“. 

Ein anderer Mitarbeiter aus dem Werkzeugbau, der nicht genannt werden wollte, kritisierte vor allem die Zwei-Klassen-Gesellschaft. „In den höheren Ebenen wurden viele Altersteilzeitregelungen durchgesetzt und es gab Übernahmegarantien.“ Doch der „normale Malocher“ komme nicht in den Genuss solcher Vorzüge. 

Am Rande der Ratssitzung äußerten sich drei Kommunalpolitiker so:

Um einen erhöhten Krankenstand zu vermeiden, habe die Unternehmensführung für Überstunden geworben. „Die wollen hier nur noch schnell alle Lager auffüllen, bevor nichts mehr geht“, sagte ein 60-Jähriger im Gespräch mit unserer Redaktion. 

Von Unternehmensseite hieß es am Mittwoch, dass sämtliche bestehenden Aufträge abgearbeitet werden sollen, man aber die Kunden über die geplanten Werksschließungen informieren werde. „Und dann liegt es in der Hand der Kunden, ob sie den Auftrag abziehen, dieser in Plettenberg verbleibt oder an einem anderen Dura-Standort abgewickelt wird“, erklärte ein Dura-Sprecher auf Anfrage. 

Zunächst werde die Geschäftsführung mit dem Betriebsrat sprechen. „Vorher werden keine Kündigungen ausgesprochen“, hieß es von Unternehmensseite.

Erste Entlassungen zwischen 2011 und 2013

  • Seit 1998 ist das ehemalige Schade-Werk im Oestertal Bestandteil des internationalen Dura Automotive-Konzerns.
  • 1886 hatte Wilhelm Schade einen kleinen Betrieb an der Bahnhofstraße gegründet. In den 1930er erfolgte der Ankauf einer stillgelegten Gesenkschmiede im Oestertal, aus der sich später das Hauptwerk entwickelt sollte.
  • Nach der Übernahme durch die US-Amerikaner war der Standort Plettenberg mit rund 1 000 Mitarbeitern der größte Einzelproduktionsstandort des Konzerns.
  • Bereits in den Jahren 2011 bis 2013 waren mehrere hundert Arbeitnehmer im Plettenberger Standort entlassen worden.
  • Seit 2015 stritten IG Metall, Betriebsrat und Konzernführung über einen Sozialplan. Da es hier auch im Oktober 2016 noch nicht zu einer Einigung gekommen war, hatte es der Betriebsrat abgelehnt, Überstunden oder Wochenend-Schichten zu leisten.
  • Daraufhin hatte die Konzernführung 280 Mitarbeiter eines Dura-Werks aus Portugal einfliegen lassen, die die Wochenend-Schicht übernahmen. Dazu wurde mit den portugiesischen Angestellten Werksverträge geschlossen. Die Verhandlungen über einen Sozialplan wurden im August für endgültig gescheitert erklärt.
  • Dura hatte jedem zu Entlassenden eine pauschale Abfindung von 6000 Euro geboten, was die Gewerkschaft jedoch abgelehnt hatte. Zuvor hatte die Belegschaft auch das Angebot der Konzernführung ausgeschlagen, den Bereich Leisten und Blenden für einen Euro zu übernehmen.
  • Mit der Zerstörung der mehrere Millionen Euro teuren Eloxalanlage, einem wesentlichen Bestandteil von Leisten und Blenden, wurde diesem Bereich im September 2017 ein weiterer, sehr schwerer Schlag versetzt.

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