Vertrauen lernen – in 10 Metern Höhe

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Beim Klettern mussten sich die Teilnehmer aufeinander verlassen können – Vertrauen war gefragt.

Wie funktioniert ein gutes Miteinander? Antworten auf diese Frage suchten junge Flüchtlinge und Erlebnispädagogen des Diakonischen Werks Plettenberg in luftiger Höhe, im Wald, auf dem Sportplatz und am Lagerfeuer.

Mohamed ist nervös. Er ist noch nie geklettert, in seiner Heimat Damaskus gehörte das nicht zur Freizeitbeschäftigung für Teenager. Jetzt steht er hier, mitten in einem sauerländischen Wald, in zehn Metern Höhe. „Du kannst das, halte dich einfach gut fest“, ruft Mia Werk.

Die Erlebnispädagogin von „Kräftespiel“, einem Anbieter für Naturerlebnisse und Erlebnispädagogik, hat schon viele nervöse Menschen in zehn Metern Höhe gesehen, nicht nur Teenager. Aber dieses Wochenende ist schon etwas Besonderes. Ein Ausflug mit 15 Flüchtlingen im Alter von 13 bis 18 Jahren mit dem Ziel, die Zutaten für ein gutes Miteinander auszuloten – das ist für alle Beteiligten eine neue Erfahrung.

Die Jugendlichen aus Afghanistan und Syrien haben sich in den Herbstferien für drei Tage mit vier Betreuern des Diakonischen Werkes Plettenberg auf den Weg in den SGV-Jugendhof in Arnsberg gemacht.

Das Klettern ist Teil eines umfangreichen Programmes von Mia Werk und ihrem Kollegen Julian Kolbe. Sich beim Klettern auf die Unterstützer am Boden zu verlassen oder selbst jemandem Sicherheit zu geben, für Suleiman und die anderen ein intensives Erlebnis. Ängste und Unsicherheiten wahrzunehmen, diese zuzulassen oder zu äußern: Das ist beim Klettern ein wichtiger Aspekt.

Mohamed hat sein Kletterziel erreicht. Er ist stolz auf sich und die Jungs, die am Boden für seine Sicherheit gesorgt haben.

„Stopp!“ – Belal hält seine Hand ausgestreckt vor seinem Körper. Gestik und Mimik machen deutlich: Hier geht es nicht weiter. Sein Gegenüber respektiert Belals Haltung und bleibt stehen. Auf dem Programm steht eine Übung zur Einhaltung von Grenzen. Dabei erleben die Jugendlichen, die Grenze des anderen zu respektieren und die eigene Grenze deutlich zu machen und, dass dies ein wichtiger Baustein im Zusammenleben ist.

Vertrauen erfahren und geben, Fremd- und Eigenwahrnehmung üben, Zusammenhalt erleben und etwas bewegen – durch verschiedene Gruppenspiele und Aktivitäten erfahren die Jugendlichen, was wichtig für ein gutes Miteinander und das Erreichen von Zielen ist.

„Wir brauchen mehr Holz und Äste zum Verkleiden“ ruft Lourans den anderen zu. Die Gruppe um Laurenz hat einen Plan, Aufgaben verteilt, und verlässt sich aufeinander. Schnell ist ein Tipi gebaut und alle haben Platz. Aufgabe erfüllt. Wieder machen die Jungs die Erfahrung, wie wichtig Zusammenhalt, Absprachen und Regeln für das Erreichen eines gemeinsamen Zieles sind.

„Ich möchte Arzt werden“, ist sich Mohammed ganz sicher. Er hat ein großes berufliches Ziel. „Ich werde Friseur“, schreibt Farhad sein Ziel auf einen Klebestreifen und heftet ihn wie alle anderen auf eine große Folie. Nun gilt es, obwohl alle auf der Folie stehen, diese zu wenden. Niemand darf dabei die Erde berühren. Ausdauer, Absprachen, Nähe zulassen und Unterstützung sind gefordert. Nach sechs Anläufen ist es tatsächlich geschafft. Die Jugendlichen sind etwas genervt aber auch stolz, durchgehalten und diese Aufgabe gemeinsam gelöst zu haben.

Die Tage sind gefüllt mit neuen Eindrücken, Erlebnissen und intensiven Erfahrungen. Die Stimmung in der Gruppe ist überaus positiv. Die Jugendlichen haben Spaß und machen gut mit.

Mahmud ist an der Reihe, das Erlebte zu reflektieren. Jeder der Jungen gibt eine Rückmeldung. Offen, überlegt, auch kritisch aber überwiegend positiv.

Mia Werk und Julian Kolbe sind von den Jungs begeistert und loben die hohe Bereitschaft, sich einzubringen. Das Betreuerteam des Diakonischen Werkes hat die Jugendlichen in einem Umfeld fernab vom Alltag erlebt und sie dabei näher kennengelernt. Am Ende der drei Tage gibt es ein großes Lob für ein positives Miteinander, einen respektvollen Umgang untereinander und eine vertrauensvollen Offenheit.

Diese Erfahrungen motivieren die Betreuer dazu, als nächstes ein ähnliches Angebot für geflüchtete Mädchen zu planen und durchzuführen. Möglich machte dieses Projekt eine private Spende.

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