Erinnerungen an fast 100 Jahre Lebensmittelgeschäft Dattinger

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Helga und Alfred Dattinger mit Kundin Rosi Worm. Neben dem Süderländer Tageblatt im Vordergrund steht die rund 40 Jahre alte, wieder reaktivierte Rechenmaschine.

Plettenberg - Ein Original verlässt die Plettenberger Bühne. Alfred Dattinger hat gestern die Türen seines Lebensmittelmarktes am Landemerter Weg für immer geschlossen – fast 100 Jahre, nachdem seine Großeltern mit dem Hausverkauf den Grundstein für den späteren Tante-Emma-Laden gelegt haben.

„Ach, hallo Rosi“, ruft Alfred Dattinger, nachdem eine Frau mit grauen Haaren den Laden betreten hat. Die Kundin grüßt freundlich zurück und äußert ihren Wunsch: „Kannst du mir wieder die ‘Hildegard’ bestellen?“ – „Wird gemacht“, antwortet Dattinger und macht sich eine Notiz auf dem Block. ‘Hildegard’, das ist eine Brotsorte vom Bäcker, die Dattinger bestellt und dann am nächsten Morgen in seinem Geschäft hat.

So wie die Kundin Rosi Worm haben viele Grünetaler die Dienste von Alfred Dattinger genutzt. Ob per Telefon oder vor Ort im Laden –er und seine Frau Helga haben den Kunden immer das verkauft, was sie brauchten. Bis vor zwei Jahren fuhr Dattinger auch mit seinem Milchwagen Haus für Haus ab. Aber diese Zeiten sind vorbei. Ebenso wie nun die des Geschäftes.

Alles begann im Jahr 1929, als die Großeltern in ihrem Haus Flaschenbier, Sprudel und Zigaretten verkauften. Gut 20 Jahre später erweiterte Alfreds Mutter Emilie den Verkauf um Süßigkeiten. So kam auch der Kontakt zu einem Lebensmittelgroßhändler zustande, und die Idee für ein eigenes Geschäfte reifte. Fotos aus dem Jahr 1954 zeigen Emilie Dattinger hinter dem Tresen ihres ersten Lebensmittelgeschäftes. Neben ihr steht schon damals ein kleiner Junge. Es ist Alfred Dattinger.

Die Haare sind mit der Zeit etwas ergraut, aber das verschmitzte Lächeln ist bis heute das gleiche geblieben. Gut gelaunt wie immer empfängt Alfred Dattinger die nächste Kundin an der Kasse. Melanie Anheier aus Landemert ist gerade auf der Durchreise. Ihren Wocheneinkauf erledigt die junge Mutter in den Märkten in der Stadt, aber wenn sie mal etwas vergessen hat oder die Kinder noch ein Eis haben möchten, dann schaut sie bei Dattinger vorbei. Schließlich bekommt sie hier auch alles: Obst, Gewürze, Milch, Chips, Schokolade, Zahnpasta, Sprudel – um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Sie mag die Atmosphäre des Ladens. „Es ist so gemütlich, nicht so schnelllebig“, sagt Melanie Anheier.

Ja, irgendwie ist die Zeit im Vergleich zu Supermärkten und Discountern hier stehen geblieben. Das zeigt allein schon ein Blick auf die Kasse. Weil die Registrierkasse im Frühjahr den Geist aufgegeben hat, arbeitet Dattinger wieder mit dem alten, 20 Jahre alten Modell. Noch älter ist die manuelle Rechenmaschine, „made in Brasil“. Sie funktioniert wie eine Schreibmaschine; jede Zahl des Warenpreises wird von Hand eingegeben. EC-Kartenzahlung – geht nicht. „Nur Bares ist Wahres“, lacht Dattinger.

Die Zeit ist auch deshalb stehen geblieben, weil das Geschäft fast noch so aussieht wie im Jahr 1959, als der Anbau hinzugekommen ist. Seit dieser Zeit ist auch Alfred Dattinger aktiv dabei. Was ihn auszeichnete, war der gute Draht zu seinen Kunden. Er hörte immer zu, wenn sie etwas zu erzählen hatten, auch wenn das gar nichts mit dem Geschäft zu tun hatte. Eine Kundin, erzählt Dattinger, hat ihn gerne angerufen, um nach 25 Minuten Plaudern zu sagen: „Ach ja, ich hätte übrigens gerne die gleiche Bestellung wie letzte Woche.“ Eine andere Stammkundin, Hedwig Voßloh, empfing Dattinger und seinen Milchwagen seit 1972 zu ihrem Tod vor anderthalb Jahren im Alter von 96 Jahren jedes Mal mit Kaffee und Kuchen. Es sind diese schönen Geschichten, die den Abschied für die Dattingers so schwer machen.

Drei Geschäfte gehörten Alfred Dattinger im Lauf der Zeit: das am Landemerter Weg, eines an der Wendeschleife der Wohnsiedlung Burg und der „Ihre Kette“-Laden am Eschen, den vor 14 Jahren die Familie Schlenck übernommen hat. „Nachdem die beiden anderen Geschäfte längst abgegeben bzw. geschlossen wurden und auch der Milchwagen das Rentenalter längst erreicht hat, ist es nun auch für uns an der Zeit, unser Geschäft zu schließen“, heißt es in einer Art Abschiedsbrief, den Alfred Dattinger in den letzten Tagen an seine Kunden verteilt hat.

„Abschied nehmen ist nicht leicht“, schreibt Dattinger in dem Brief weiter. „Wir waren bei unseren Kunden immer mit dem Herzen dabei. Heute möchten wir uns bei allen, die unseren Laden mit Leben gefüllt haben, recht herzlich bedanken und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute und viel Gesundheit. Mit den besten Wünschen, Helga und Alfred Dattinger.“ Wer will dem Paar diese Entscheidung verdenken? Die Dattingers, mittlerweile 68 und 72 Jahre alt, wollen die freie Zeit nun nutzen, um Freiheiten zu genießen, die sie nie hatten: Urlaub machen zum Beispiel. Stammkundin Rosi Worm bringt die Gedanken vieler Grünetaler kernig auf den Punkt: „Wie ich die Schließung finde? Total beschissen, auf Deutsch gesagt. Aber ich kann die beiden verstehen. Ich hätte ja an ihrer Stelle schon längst zu gemacht.“

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