Holocaust-Gedenkfeier: Nachdenkliche Rede des Bürgermeisters

Erde darf nicht zur Hölle werden

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Das Wetter passte sich dem Anlass an: Die Gedenkfeier wurde von Regen begleitet. Dennoch waren mehr als 50 Zuhörer vieler Altersgruppen gekommen, um der Holocaust-Opfer zu gedenken.

Plettenberg – Pünktlich zum Beginn der Gedenkfeier setzte Regen ein. Umso überraschender, wie viele Bürger sich am Sonntagvormittag auf den Weg zum jüdischen Friedhof an der Freiligrathstraße gemacht hatten, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.

„Ich mag den 27. Januar nicht“. gestand Ulrich Schulte gleich zu Beginn seiner Rede. Nicht nur wegen des unebenen Geländes auf dem jüdischen Friedhof und dem oftmals schlechten Wetter sei es für ihn einer der unangenehmsten Tage im Jahr. 

Die Tatsache, dass Schulte in seiner Funktion als Bürgermeister die Gräueltaten der Nationalsozialisten erklären müsse, falle ihm schwer. „Das übersteigt meinen Verstand“, sagte Schulte angesichts der Ermordungen von Millionen unschuldigen Menschen in Deutschland. 

Bezug nehmend auf die Ausstellung im Rathaus stellte der Bürgermeister die Frage, was wohl geschehen wäre, wenn die teilnehmenden Staaten bei der Flüchtlingskonferenz von Evian im Jahr 1938 eine Einigung hätten erzielen können. Wie viele Juden hätten gerettet werden und das von den Nazis diktierte Deutschland verlassen können? Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. 

Denn „weil viele Staaten zunächst an sich selbst dachten“ blieben die Grenzen für die Menschen geschlossen. „Es lebt sich halt besser ohne Flüchtling im eigenen Land“, lautete Schultes bissiger Kommentar zur Entscheidung von Evian. Worte, die angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte auch die Denkweise vieler Populisten wiedergeben, die zurzeit in europäischen Ländern an die Macht drängen. 

Doch der Rassenwahn war nicht nur in der Ferne zu spüren, sondern auch direkt vor unseren Haustüren. Auf der Gedenkstele des jüdischen Friedhofs sind die Namen von ermordeten jüdischen Menschen aus der Vier-Täler-Stadt nachzulesen. „Menschen, die mit ihren Familien seit Jahrzehnten hier lebten und Mitglied unserer städtischen Gesellschaft waren“, betonte Schulte. Und er fragte erneut: „Wie viele dieser Namen würden wohl heute nicht dort stehen, wenn die Konferenz von Evian Erfolg gehabt hätte?“ 

Die Fehler der Vergangenheit dürften sich nicht wiederholen. Schulte betonte daher wie wichtig es sei, Flüchtlinge aus einem anderen Staat aufzunehmen, auch wenn diese eine andere Sprache sprechen und einer anderen Religion angehören. Zur Begründung wählte er die Worte des jüdischen Juristen Fritz Bauer: „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“ 

Nachdem der Bürgermeister ein Blumengesteck an der Gedenkstele niedergelegt hatte, wurde die Gedenkfeier im Rathaus fortgesetzt, wo sich Schüler des Gymnasiums ebenfalls mit der Konferenz von Evian auseinandersetzten.

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