Erbarmen: Theater-Thriller zum Tatort-Termin

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Die Ermittler auf Spurensuche.

Plettenberg - Die Kunstgemeinde hatte für Sonntag zu einem spannenden Theaterabend eingeladen, an dem das Stück "Erbarmen" aufgeführt worden ist.

Während am Sonntagabend wieder Millionen Fernsehzuschauer den „Tatort“ im Ersten verfolgt haben, entschieden sich rund 250 Gäste in der Böddinghauser Aula für einen anderen Krimi. Einen, der sich live vor ihren Augen auf der Theaterbühne abspielte und für den die Darsteller des Berliner Kriminaltheaters am Ende langanhaltenden Applaus bekamen.

Die heiteren ersten Szenen im Stück „Erbarmen“ lassen das Publikum nicht im Ansatz erahnen, welch beklemmenden, skrupellosen Momente an diesem Abend folgen würden. In zwei Handlungssträngen wird das Stück erzählt, beginnend mit der Perspektive des Ermittlerteams – einer engagierten Truppe, bestehend aus einem Kommissar, dem lustigen syrischen Polizeigehilfen Assad und einer Sekretärin, die ausweislich eines etwas zu laut geratenen Kommentars eines Zuschauers durchaus nett anzusehen sei.

Als das Licht auf der Bühne zum ersten Mal erlischt und die Kulisse zu einem neuen Bild umgedreht wird, verfliegt der Spaß. Eine Frau schildert, ähnlich einer Erzählerin, schluchzend und den Tränen nahe die Vorgeschichte, wie sie auf einer Fähre entführt worden ist und seitdem in einer Druckkammer festgehalten wird. Die anschließende Szenerie lässt die Zuschauer erschaudern: die stählerne Kammer, auf die nur ein dunkles Licht scheint; die drei Anzeigen für die Druckluft, die in Kombination mit einem Holzregal darunter im Dunkeln wie ein fieses Gesicht grinsen; und schließlich der Entführer, der sein Gesicht hinter der Maske eines Horrorclowns verbirgt. „Warum halten wir dich wie ein Tier im Käfig?“, fragt der Peiniger die junge Frau, die in der Kammer hockt. Sie weiß es nicht. Und ihre verzweifelte Schreie dringen durch die Aula.

Die Gefühle des Publikums schwanken mehrfach hin und her. Herzliche Lacher kommen auf, wenn Assad nach einer Zeugenvernehmung feststellt ‘Sie war eine Sackkarre’, obwohl er eigentlich das Wort ‘Sackgasse’ meint. Und im nächsten Moment geht ein Raunen durch die Menge, wenn das Bühnenbild wieder in die Opferperspektive wechselt, sich die Entführte wegen Zahnschmerzen auf dem stählernen Boden windet und von ihrem Peiniger ein „Geschenk“ bekommt, das die Schmerzen lindern soll: eine Rohrzange.

Schauspielerisch ist das, was Kristin Schulze in der Rolle des Opfers zeigt, von erster Güteklasse. Schluchzend zitiert sie, gefangen in ihrem finsteren Verlies, die Genesis, und ihre Worte werden von Szene zu Szene zerbrechlicher. Ganz anders dagegen der gebürtige Mexikaner Alejandro Ramón Alonso in seiner Rolle als syrischer Polizeigehilfe Assad, der sich aufgrund seiner amüsanten Sprüche zum Liebling der Plettenberger mausert.

Das Rätselraten um den Täter dauert am Sonntagabend in der Böddinghauser Aula nur kurz an. Während nach den ersten Zeugenvernehmungen zunächst ein Heimleiter verdächtig erscheint, verdichten sich die Hinweise auf den tatsächlichen Täter. Der Mann möchte sich rächen, weil die Familie seines Opfers an einem Unfall beteiligt gewesen ist, bei dem sein Vater starb. Auf die Anschuldigung, er könne zum Mörder werden, entgegnet er nur kühl: „Ich bin ein Richter.“

Zum Schluss laufen die Handlungsstränge des Ermittlerteams und des Entführungsopfers zusammen und münden in einem turbulenten Finale. Der Täter überrascht die Retter mit einer Schusswaffe, wird in einem Gerangel auf der Bühne überwältigt und kann fliehen. Das Ermittlerteam ist zwar verwundet, kann die entführte Frau aber retten, auch wenn das im Theaterstück letztlich nur noch angedeutet wird, denn das Ende kommt etwas plötzlich. Die Romanvorlage liefert noch ein bisschen mehr Aufschluss: Der Täter sprengt sich auf seiner Flucht versehentlich in die Luft, die entführte Frau übersteht den plötzlichen Durckausgleich im künstlichen Koma und ihr Bruder Uffe, der im Theaterstück nur eine nebengelagerte Rolle spielt, spricht erstmals seit dem schrecklichen Unfall wieder.

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