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Engpässe bei Medikamenten: Das „Warum“ ist oft auch Apothekern nicht klar

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Von: Hartmut Damschen

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Ein Großteil der Wirkstoffe und der fertigen Medikamente werden nicht in Europa, sondern in China und Indien hergestellt. Das dürfte einer der Gründe für die derzeitigen Lieferengpässe bei Medikamenten sein.
Ein Großteil der Wirkstoffe und der fertigen Medikamente werden nicht in Europa, sondern in China und Indien hergestellt. Das dürfte einer der Gründe für die derzeitigen Lieferengpässe bei Medikamenten sein. © Matthias Hiekel /DPA

Haben wir uns nicht nur auf dem Energiesektor oder bei der Chip-Herstellung zu sehr von Drittstaaten abhängig gemacht, sondern auch bei Medikamenten? Laut dem Europäischen Parlament lautet die Antwort „Ja“. Und auch die Apotheker vor Ort berichten von Lieferschwierigkeiten bei bestimmten Medikamenten. Die Gründe dafür liegen aber selbst für sie oft im Dunkeln.

Plettenberg - „Engpässe bei Medikamenten und medizinischer Ausrüstung stellen ein ernstzunehmendes Risiko für Patienten dar und setzen nationale Gesundheitssysteme unter Druck. Die Ausbreitung des Coronavirus hat das bereits bekannte Problem der Medikamentenknappheit in Europa noch verschärft“, teilte das Europäische Parlament im Juli 2020 mit. Ob Probleme bei der Herstellung, Parallelimporte (bei denen Preisunterschiede von Medikamenten in EU-Ländern ausgenutzt werden, um Profit zu machen), Quoten, steigende Nachfrage aufgrund von Epidemien oder Naturkatastrophen, Verknappung durch Schließung von Herstellerbetrieben in China, Stopps durch Verunreinigungen von Medikamenten und Wirkstoffen und Lieferschwierigkeiten durch im Moment zumindest reduzierte Transportmöglichkeiten – die Gründe für Medikamenten-Engpässe sind vielfältig, würden den heimischen Apothekern aber nicht immer mitgeteilt.

„Das ,Warum‘ wird uns aber nicht konkret beantwortet. In den Engpasslisten ist meistens zu lesen: Produktionsproblem; unter Details als Grund: Sonstige. Da kann man sich viel aussuchen, hilft aber nicht weiter. Über unsere Filialen werden wir meist auf der Suche nach Alternativpräparaten fündig. Es wurde jetzt schon ein bis zum Herbst andauernder Engpass bei Ibuprofen angekündigt. Da wird es mit Paracetamol wohl nicht anders sein“, erklärt Kathrin Klewer-Scherer von der Apotheke Am Nocken. Bisher sei man immer noch auf dem europäischen Markt fündig geworden, sei es zu Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten in Deutschland gekommen. Und teilweise habe man Salben, Kapseln und Säfte auch schon selbst hergestellt. „Doch für Medikamente wie Blutdrucksenker oder andere Präparate bräuchten wir die notwendigen Wirkstoffe und auch Maschinen, um beispielsweise Tabletten pressen zu können. Das muss die pharmazeutische Industrie leisten“, sagt Klewer-Scherer.

80 Prozent der Wirkstoffe kommen aus China oder Indien

Medikamentenlieferengpässe haben sich laut des Europäischen Parlaments in der EU zwischen 2000 und 2018 verzwanzigfacht. Über 250 Medikamente und Wirkstoffe sind von Pharmnet.Bund, einer Kooperation im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit, aufgelistet, die derzeit einem Lieferengpass unterliegen. Bei mehr als der Hälfte der nicht lieferbaren Medikamente handelt es sich um Mittel zur Krebstherapie, Antiinfektiva (Impfstoffe) und Arzneimittel zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems (Epilepsie, Parkinson). 80 Prozent der Arzneimittelwirkstoffe werden in China und Indien hergestellt. 40 Prozent der in Europa verkauften Fertigarzneimittel kommen aus China und Indien. Aus China und Indien kommen 60 Prozent der weltweiten Produktion von Paracetamol. Bei Penicillin sind es sogar 90 Prozent, bei Ibuprofen 50 Prozent.

Von immer wieder vorkommenden Medikamenten-Engpässen berichtet auch Ralf Brensel, Inhaber der Engel-Apotheke am Maiplatz. „Wir als Apotheker versuchen immer, das verschriebene Medikament zu besorgen. Wenn ein Präparat definitiv nicht lieferbar und auch kein Generikum als Ausweichprodukt verfügbar ist, müssen wir den Patienten zum Arzt zurückschicken. Der muss dann eventuell die Therapie ändern. Aber vorher versuchen wir, wenn es möglich ist, auch auf dem europäischen oder internationalen Markt das Präparat zu bekommen“, erklärt Brensel.

Als Beispiel führt er das Medikament Tamoxifen an, ein Mittel zur Behandlung von Brustkrebs. Dies sei eine Zeit lang überhaupt nicht mehr zu bekommen gewesen, mehrere Versuche seien nötig gewesen, um das Medikament doch noch besorgen zu können. Für die Mehrkosten seien bisher die Krankenkassen aufgekommen. „Doch die zusätzlichen Personalkosten können wir nicht weitergeben“, erklärt Brensel.

Ihn wundere es immer wieder, weshalb Präparate nicht lieferbar seien. „Zum Beispiel wurde Valsartan, ein Blutdrucksenker, Mitte 2018 aus einer chinesischen Produktion kommend wegen einer Verunreinigung vom Markt genommen. Im Herbst des Jahres passierte dasselbe mit Valsartan aus indischer Produktion. Es gibt so viele wechselnde Ursächlichkeiten, mit denen wir täglich zu tun haben. Das Verrückte ist eben normal“, sagt Brensel.

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