Denkmalwürdigkeit ist umstritten

Warum ein altes Arbeiterhaus nicht verkauft werden kann

Das Arbeiterwohnhaus Holbeinstraße 23 in Plettenberg.
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Das Haus an der Holbeinstraße steht schon seit 2019 zum Verkauf. Der Sanierungsstau ist deutlich erkennbar. Eingangstür und Fenster im Erdgeschoss sind zum Teil mit Brettern vor unbefugtem Eindringen gesichert. 

Plettenberg – Denkmal oder nicht? Ralf Beßler machte in der Einwohnerfragestunde zu Beginn der Sitzung des Planungs- und Umweltausschusses sein Problem ausführlich deutlich: Das Objekt Holbeinstraße 23, das der Plettenberger Makler seit Dezember 2019 im Auftrag des Eigentümers an den Mann oder die Frau zu bringen versucht, lasse sich nur schwerlich verkaufen, weil es in die Denkmalliste der Stadt eingetragen werden soll.

„Wir hatten dort schon 15 Besichtigungen, potenzielle Käufer sind aber wieder abgesprungen“, berichtete Beßler. Der Grund in seinen Augen: Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hält das Gebäude für denkmalwürdig. Es sei für ihn aber unklar, welche Teile des Gebäudes damit gemeint seien und was unbedingt erhalten werden müsse. Besonders die Fenster seien ein wichtiges Kriterium: Aus seiner Sicht seien viele nicht erhaltenswert, befand Beßler und regte an, die Fenster von einem Fachbetrieb prüfen zu lassen. Solche Unternehmen seien auch in der Lage, Fenster originalgetreu nachzubauen. „Dann kann das Haus auch verkauft werden“, ist der Makler überzeugt.

Komplett mit Schiefer verkleidet

Eines wird schon bei der Lektüre der Ausschussvorlage klar: Die Abteilung für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur beim LWL in Münster hält das gesamte Innere und Äußere des markanten Gebäudes für denkmalwürdig, da es „in der vollständigen Überlieferung die Wohn- und Lebensverhältnisse von Arbeitern in den 1920er-Jahren in einem ländlichen Industriegebiet“ zeige.

Das als Fachwerkhaus geplante, dann aber nicht verputzte, sondern – wie für die Entstehungszeit typisch – komplett mit Schiefer verkleidete Gebäude befindet sich in der Hechmecke am Ende der Holbeinstraße gegenüber des Spielplatzes in einer vergleichsweise ruhigen Lage, sieht man davon ab, dass hin und wieder die Wertstoffbehälter auf der anderen Straßenseite von Bürgern angesteuert werden. Errichtet ist es im Heimatstil.

Nur zwei Badezimmer für vier Wohnungen

„Es macht einen herrschaftlichen Eindruck, im Innern befanden sich aber vier kleine Arbeiterwohnungen“, beschreibt Till Hoffmann vom Planungsamt der Stadt das zu Beginn der 1920er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts gebaute Haus, das noch so dastehe, wie es einmal gebaut worden sei.

Das Verfahren über die Unterschutzstellung laufe bereits seit über 15 Jahren unter Beteiligung von Dr. David Gropp, dem für Plettenberg in Fragen des Erfassens und Erforschens von Denkmälern zuständigen Fachmanns beim LWL in Münster. Dr. Gropp sehe durchaus Dinge, die man im Haus verändern könne, sagte Hoffmann, sprach dabei die kleinen Badezimmer mit Toiletten an. Von denen gibt es nämlich nur zwei.

Fenster schlagen nach außen auf

Diffiziler verhalte es sich mit den Fenstern. Hoffmann: „Einige schlagen nach außen auf. Das ist heute selten.“ Es sei durchaus möglich, hinter einem solchen Fenster ein neues, zweites Fenster einzubauen, aber „pauschal alle Fenster raus, da macht Münster nicht mit“, gab Hoffmann im Ausschuss zu verstehen. Ebenso könne man „nicht alles entkernen und eine andere Raumaufteilung vornehmen.“

Zwingend notwendig sei es, zunächst einmal einen sauber dokumentierten, schriftlichen Antrag zu formulieren, welche Form der Veränderungen der Eigentümer oder ein möglicher Käufer wünschen. „Nur auf Zuruf oder zwischen Tür und Angel“, könne weder die Stadt noch Münster tätig werden.

Sanierungsstau unverkennbar

Grundsätzlich bezeichnete Hoffmann das von einer großen Grünfläche umgebene Haus als „gut nutzbar“, der Sanierungsstau sei aber unverkennbar, entsprechend müssten beim Verkaufspreis sicherlich Abstriche gemacht werden. Das müsse sich aber der Eigentümer anrechnen lassen.

Dem Vorschlag, das Gebäude in die Denkmalliste der Stadt Plettenberg einzutragen, wollten die Ausschussmitglieder aber nicht ohne weiteres folgen. Für Martina Reinhold von der SPD („Mein Herz schlägt für Denkmäler“), die sich das Haus am Vorabend der Sitzung angesehen hatte, erschloss sich der vollständige Denkmalcharakter des Gebäudes nicht.

Sie plädierte dafür, Veränderungen vornehmen zu dürfen: „Neue Fenster sind billiger als Vorsatzscheiben. Der Aufwand muss wirtschaftlich zumutbar bleiben.“ Till Hoffmann entgegnete, Denkmalrecht sei „keine wirtschaftliche Betrachtungsweise.“

Es droht eine „unverkäufliche Ruine“

Die Konsequenz lag für Peter Tillmann (CDU) auf der Hand: „Das Haus steht seit zehn Jahren leer. Die Unterschutzstellung als Denkmal wird uns eine unverkäufliche Ruine bescheren. Ich finde, das ist die falsche Entscheidung.“ Gerade die ruhige Lage mit dem Spielplatz vor der Haustür und guter Infrastruktur entpuppe sich als Preistreiber. Das Haus leerstehen zu lassen, ist auch für Till Hoffmann keine gute Lösung. Sanierung und Verkehrssicherungspflicht – es soll schon zu Einbrüchen gekommen sein – obliege aber dem Eigentümer.

Einen von Klaus Ising (CDU) vorgeschlagenen Ortstermin hielt der Ausschuss nicht für notwendig. Stattdessen wurde die Verwaltung aufgefordert, anhand der Hauptsatzung die Rechtslage im Hinblick auf Einflussmöglichkeiten als Untere Denkmalbehörde zu prüfen. Erst danach will man entscheiden, ob das Gebäude in die Denkmalliste eingetragen werden soll. Für Eigentümer, Makler und mögliche Käufer bleibt es also vorerst bei der Hängepartie.

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