Neue Steuer: Jägerschnitzel und Friseure im Visier

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Die Einführung der Mehrwertsteuer 1968 und ihre Folgen sorgten für eine Welle der Empörung.

„Eine allgemeine Preiserhöhung wird nicht erwartet“, titelte das Süderländer Tageblatt am 1. Januar 1968. Die Einführung der Mehrwertsteuer an diesem Tag brachte dem Staat ungeahnte Einnahmen – und sorgte für Kopfschütteln in der Bevölkerung.

Denn schnell hatte sich gezeigt, dass sehr wohl eine Preistreiberei beginnen würde. Viele Unternehmen nutzten die neue Steuer aus, um mehr oder weniger versteckt für die Kundschaft die Preise für Waren und Dienstleistungen kräftig zu erhöhen.

Als das Jägerschnitzel plötzlich zwei Mark teurer wurde und auch Friseure unter Kartellaufsicht gestellt werden mussten, war auch für viele Plettenberger das Maß voll: Für das Schnitzel, das am 30. Dezember 1967 noch 7,50 DM gekostet hatte, musste der Kunde am 2. Januar des folgenden Jahres 9,48 DM zahlen. Begründet wurde dies mit der Einführung der Mehrwertsteuer. Diese lag damals allerdings bei gerade einmal zehn Prozent.

Einen Vorläufer der Mehrwertsteuer gab es bereits ab 1916. Das kriegsgeschwächte Deutsche Reich hatte eine sogenannte Stempelsteuer eingeführt, bei der 0,5 Prozent Steuer auf alle Warenumsätze fällig wurden. Das Problem: Im Prinzip wurde jeder Produktionsschritt gesondert besteuert. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bestand diese Steuer noch. Sie betrug ab 1951 vier Prozent.

Die Mehrwertsteuer sollte dem Staat zusätzliche Einnahmen eröffnen, verlangte von Unternehmen aber auch eine völlig neue Buchführung. Denn die Firmen konnten fortan mit den Rechnungen, auf denen die Mehrwertsteuer ausgewiesen worden war, zum Finanzamt gehen und sich die Steuer erstatten lassen. Dennoch sah ein Großteil der Wirtschaft die Einführung der Mehrwertsteuer als „überstürzt“ an.

Die Preistreiberei nahm schnell enorme Auswüchse an: Selbst Taxifahrer und öffentliche Verkehrsunternehmen nutzten die Einführung der neuen Steuer, um ihre Preise deutlich zu erhöhen. Mittlerweile gehört die Mehrwertsteuer zum Alltag. 1968 war Deutschland jedoch neben Frankreich und Dänemark das einzige Land, das eine solche Steuer besaß.

Doch nicht nur die Teuerung vieler Produkte und Dienstleistungen dürfte manchem, der damals schon gelebt hat, sauer aufgestoßen sein. Der damalige Finanzminister Franz-Josef Strauß hatte noch 1968 erklärt, dass jede Erhöhung der Mehrwertsteuer durch eine Senkung anderer Steuern ausgeglichen würde – dies erwies sich jedoch als leere Versprechung.

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