Ursula Neukirch erinnert sich an den Winter 1941 / 1942 zurück

Eine Schlittenfahrt im Winterwunderland

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„Es war ein ganz besonderes Gefühl, fast lautlos über die beschneiten Wege gefahren zu werden. Nur das Schnauben der Pferde war zu hören und das Dahingleiten der Kufen“. Die Kaltblüter waren voll in ihrem Element .  

Plettenberg - „Es wird der Winter 1941/42 gewesen sein. Unsere Familie machte Urlaub im Sudetenland, in dem Skisportort Spindlermühle. Verwandte unserer Mutter betrieben dort ein großes Hotel mit einem bogenartigen Dach. Tante Gretchen führte zu der Zeit allein das Haus, ihr Mann war „im Feld“. 

Wir waren mit dem D-Zug aus Berlin angereist. Unser Vater kam zu Besuch von seinem Einsatzort – immer in Uniform. Wegen der Beaufsichtigung von uns drei kleinen Kindern hatte eine Cousine unserer Mutter uns begleitet.

Schon während der Fahrt konnte ich die immer schneeiger werdende Landschaft sehen – weiß, alles weiß. Das wurde für mich später der lebenslange Eindruck von diesem Aufenthalt. Schnee, soweit das Auge schaute. Auf dem Gang im Waggon stand während der ganzen Fahrt unter der funzeligen Flurbeleuchtung ein junger Soldat mit einem todernsten Gesicht. Er stand die ganze Nacht über und tat mir sehr leid. Soldaten durften sich im Zug nicht setzen. Die Sitzplätze waren der Zivilbevölkerung vorbehalten. Irgendwann war er verschwunden. Nachts kamen wir am Zielort an. 

Der Schnee erhellte etwas die Umgebung. Mit einem Taxi wurden wir ins Hotel gefahren. Meine Schwester und ich gingen jeden Morgen zu Fuß durch einen Kanal von Schnee zum Kindergarten. Dieser Laufgang war von den Soldaten – am Ort war ein Erholungsheim für ehemals verwundete Soldaten eingerichtet gewesen – durch die ungeheuren Schneemassen gegraben worden. Ich staunte nicht enden wollend über diese Unmengen Schnee, die in dem Gang, noch einige Zentimeter über mir, die Oberfläche bildeten. Tante Gretchen lud uns eines Tages zu einer Schlittenfahrt auf eine der zur Sippe gehörenden Bauden ein – Leierbaude oder Wiesenbaude. 

Vor den großen Hörnerschlitten waren zwei große, dunkelbraune Pferde gespannt mit für mich mächtigen Geschirren. Der Kutscher hatte eine lange Peitsche. In meiner Phantasie hatten die Tiere auch ein Geläut. Wir Kinder wurden in warme Kleidung gepackt und in den mit Decken ausgelegten hinteren Teil des Schlittens gesetzt. Vor uns saß unsere Mutter, in einen Nutriapelzmantel gehüllt. Daneben saß noch ein Bediensteter. Auch ein großer Korb mit in der Hotelküche gebackenem Streußelkuchen, Kaffeepulver, Milch und Zucker wurden eingeladen. Und los ging es. 

Es war ein ganz besonderes Gefühl, fast lautlos über die beschneiten Wege gefahren zu werden. Nur das Schnauben der Pferde war zu hören und das Dahingleiten der Kufen. Manchmal knallte der Kutscher mit der Peitsche. Der Atem der Tiere stieg wie Rauch in die Luft. Tante Gretchen hatte sich wie beim Reiten im Damensitz auf eine Umgrenzungsstange des hinteren Schlittenteiles gesetzt. Manchmal sprang sie ab, lief neben dem Gefährt her und nach einiger Zeit wieder auf. Das war lustig. Schnell ging es bergauf. Ich staunte über die grotesk anmutenden Figuren, die der viele Schnee aus den tiefverschneiten Tannen gebildet hatte. Meist standen sie schon ab ihrer halben Höhe im Schnee, doppelt geeint mit dem Boden, aus dem sie wuchsen. Das intensive Weiß blendete in den Augen. Und ich schloss sie. Vielleicht bin ich bei dem sanften Schaukeln auch eingeschlummert. 

Wir kamen ans Ziel, wurden freudig begrüßt, von der Winterkleidung befreit und in einen heimeligen, dunklen Raum mit Ofen geführt. Eine große, tiefe Ottomane wurde unser Sitzplatz. Es gab ein großes Hallo und Gelächter, als sich herausstellte, dass Tante Gretchen bei ihren Springeskapaden, sich immer wieder auf den frischen Streußelkuchen gesetzt hatte. Aber er war ja noch essbar. Der Streußelkuchen war auch für uns eine Ausnahme. Die allgemeine Lebensmittelverknappung hatte schon begonnen. Ich hatte mir ein schönes, hohes Stück mit viel Teig genommen. Als ich nach einem zweiten griff, flüsterte mir meine Schwester zu:“ Du musst die Dünnen nehmen, die schmecken besser!“. Aber in meiner Händchennähe gab es keine Dünnen mehr. So nahm ich ein mittelhohes. 

Auf der Rückfahrt in Dämmerung und Dunkelheit haben wir geschlafen. Ich meine, es waren auch Fackeln auf der Rückfahrt angezündet worden. Im Hotel angekommen, sanken wir todmüde in unsere Betten. Eine Szene in dieser schneereichen Umgebung ist mir noch stark erinnerlich: Wenn unser Vater nach Spindlermühle zu Besuch kam, ging er mit meinem Bruder und mir an der Hand auf den schneeglatten, abfallenden Straßen durch den Ort. Ich hatte immer Angst, auszugleiten. Vater, im Rang eines Hauptmanns, wurde von den Soldaten gegrüßt und grüßte zurück. Nach einiger Zeit sprach er einen Soldaten an: „Warum schmunzeln alle immer, wenn ich grüße. Stimmt etwas an meiner Uniform nicht?“Der Soldat antwortete: „An Ihrer Uniform stimmt alles. Aber Ihre Kinder salutieren auch immer, wenn Sie grüßen!“. - Ursula Neukirch

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