N.N. Theater aus Köln begeistert am Donnerstagabend unterm Stephansdachstuhl

„Eine Achterbahnfahrt der Gefühle“

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Eine der ersten Begegnungen Luthers mit Katharina von Bora, die er schließlich zur Frau nahm.

Plettenberg Ein Engel schwebte über die Bühne – zumindest machte es den Anschein, denn dank modernster Fortbewegungsmittel verstand es das N.N. Theater aus Köln bestens, schon von der ersten Szene an mit einfachen Mitteln sein Publikum zu überraschen.

Mit einem Hoverboard, also einem Segway ohne Lenkstange, befuhr Irene Schwarz am Donnerstagabend die „Bühne“ unterm Stephansdachstuhl. Zu etwas unheimlich klingenden, schrillen Tönen fing sie an, die Zuschauer in die Zeiten des Reformators Martin Luther zu entführen, was ihr von der ersten Sekunde an perfekt gelang. Die Schauspielerin, unter anderem auch bekannt aus der Fernsehserie „Hausmeister Krause“, muss wohl einige Stunden auf dem Hoverboard verbracht haben, bevor sie überhaupt zum Textlernen kam. 

Als würde sie schweben, keine Sekunde kam die Angst auf, sie könnte augenblicklich vom Board kippen – allein diese Leistung brachte das Publikum schon zum Staunen, aber dabei noch den Text so frei und fließend rüberzubringen, grenzte an eine Meisterleistung. 

Stück über das Leben und Wirken Luthers 

Meisterlich, so kann man das ganze Stück „Ich fürchte nichts“ beschreiben, das das Leben und Wirken Martin Luthers erzählt. Doch wer sich jetzt ein historisches Stück mit staubigen, abgeranzten Kostümen und altertümlicher Sprache vorstellt, liegt hier völlig daneben. Das N.N. Theater aus Köln verstand es mit „Ich fürchte nichts“ sehr gut, geschichtliches Material modern und mit viel Komik zu inszenieren, ohne dabei die Grenze zur Lächerlichkeit zu überschreiten. Die Schauspieler zeigten allesamt hervorragende Leistungen und faszinierten vor allem mit ihrer Wandelbarkeit von Szene zu Szene. 

Bernd Kaftan spielte mehrere Rollen und sorgte für die Musik.

In Sekundenschnelle schlüpfte der Priester in die Rolle einer Nonne mit glaubwürdig sächsisch vorgetragenem Akzent, die Nonne wiederum saß nur eine Minute später wieder am Keyboard und spielte passende Hintergrundmusik ein, und zwischendurch stand derselbe Schauspieler (Bernd Kaftan) wieder auf, um zu singen. „Alle machen alles“ lautete wohl die Philosophie dieses toll eingespielten und harmonisierenden Teams. Dass die Schauspieler auch noch nach zahlreichen Aufführungen Spaß bei der Sache haben, war ihnen am Donnerstagabend sichtlich anzumerken. Über einfache Witze wie das Läuten einer elektrischen Türklingel, die mit einer einfachen Blockflöte nachgeahmt wurde, konnte auch auf der Bühne gelacht werden. 

Allgemein wurden die immer wiederkehrenden Verknüpfungen von Vergangenheit und Zukunft, die sich durch das komplette Stück zogen, mit zustimmendem Gelächter honoriert. Zum Beispiel als plötzlich ein Postbote der deutschen Post auftauchte, um Luthers Schriften nach Mainz zu bringen; oder aber die elektrische Türklingel im Hause Luthers, die öfter auftauchte und somit zu einer Art „Running Gag“ wurde. Der Charakter der Hauptfigur Luthers selbst wurde von Oliver Schnelke gespielt. Auf der einen Seite als Mann mit Ängsten und Zweifeln, geplagt durch Alltagsprobleme wie fiese Verstopfungen, auf der anderen Seite als dominanter Vater und Ehemann, der nur zwischenzeitlich liebevolle und sanfte Züge durchblitzen ließ. 

Am Ende gab es „Standing Ovations“ für das gesamte Team. Der Stephansdachstuhl war bis auf den letzten trockenen Platz besetzt.

Die zweite Hauptrolle, Katharina von Bora, übernahm Aischa Lina Löbbe. Sie verkörperte eine starke, sehr taffe Frau, die sich immer wieder gegen den zum Teil herrischen Luther durchsetzte, und gerade mit diesen sympathischen Charakterzügen zur eigentlichen Heldin der Geschichte wurde.

 „Ich fürchte nichts“, war ihr persönlicher Leitfaden, an den sie sich in jeder Lebenslage klammerte und dadurch viel Mut und Stärke zeigte. Die anderen Rollen wechselten immer wieder, wurden also von Irene Schwarz, Michl Thorbecke und Bernd Kaftan gespielt. 

Grandiose Leistung von flexiblen Schauspielern

 „Es ist einfach grandios, wie flexibel die Schauspieler immer wieder in ihre verschiedenen Rollen schlüpften. Das war eine wirkliche Bärenaufgabe, die perfekt gemeistert wurde. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle zwischen den einzelnen Szenen. Mir hat es super gefallen!“, freute sich Kulturbüroleiterin Barbara Benner nach dem Stück. 

Sie sei bis zur ersten Pause des 120-minütigen Stücks „wie in Trance“ gewesen, da die Schauspieler sie so in ihren Bann gezogen hätten. Ganz begeistert sei sie ebenfalls vom Bühnenbild gewesen, da das N.N. Theater seine Requisiten multifunktional einsetzte. Aus Luthers „stillem Örtchen“ wurde in zwei Minuten eine Kutsche oder der Bauch eines viel zu dicken, hungrigen Bischofs. 

Eine der ersten Begegnungen Luthers mit Katharina von Bora, die er schließlich zur Frau nahm.

Aus mächtigen Steinsäulen wurden Schriftrollen und die Tageszeitung wurde mal als Thesenskript oder als Drehbuch für ein Theaterstück umgewandelt. Auch die Kostüme konnten sich durchaus sehen lassen, waren perfekt abgestimmt und liebevoll angefertigt. 

Tragische Seite regt zum Nachdenken an 

Die tragische Seite des Charakters Martin Luthers regte am Ende noch einmal zum Nachdenken an. Die Glaubenskriege mit zahlreichen Todesopfern wurden mit einem riesigen roten Tuch dargestellt. 

Schließlich wurde Luther von diesem symbolischen Blutbad verschlungen und als alter, gebrechlicher Mann wieder „ausgespuckt“. Der weise Engel schwebte wieder über die Bühne und philosophierte über die Zeit, damals und heute, und wie sie wohl in Zukunft sein mag. „Die Zeit, was ist schon die Zeit?“, blieb dem Engel schließlich als Frage, die er schließlich wie folgt beantwortete: „Die Zeit – das seid ihr!“, womit das Stück sein Ende fand. Doch mit dieser nachdenklichen Stimmung wollte das N.N. Theater keinesfalls schließen und brach die nur für Sekunden einsetzende Melancholie mit einem furiosen Gospelgesang des Heavens-Gate-Projektchors. 

Martin Luther wurde vom Blutbad verschlungen, das durch die Glaubenskriege entstanden war.

Ein sehr schwungvolles und fröhliches Ende, bevor sich alle Zuschauer unterm Stephansdachstuhl zu „Standing Ovations“ aufstellten und dem Ensemble von ganzem Herzen für die Meisterleistung dankten.

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