"Es blutet einem das Herz"

Aus für Dura in Plettenberg - Das sagt Betriebsratschef Rahe

Von der Dura-Produktionshalle war nach dem verheerenden Brand im September nur noch ein qualmender Schutthaufen übrig geblieben. Der Konzern hat zwar einen Bauantrag zum Wiederaufbau gestellt, viele bezweifeln jedoch, dass dieser auch tatsächlich geplant war.

Plettenberg - Klaus Rahe ist Betriebsratschef bei Dura. Die zwei Abteilungen in seinem Zuständigsbereich waren eigentlich nie unter Beschuss der US-Bosse, sondern vor allem die defizitäre Division "Leisten & Blenden". Und doch sind jetzt alle von der angekündigten Werksschließung in Plettenberg betroffen. Rahe findet deutliche Worte.

Wenn man sich das Dura-Werk bildlich als einen Kriegsschauplatz vorstellt, dann war die „Division“ Leisten & Blenden seit mehr als sieben Jahren unter Dauerbeschuss. Es gab zwischendurch mal Waffenstillstand, aber die dicken Kanonen waren stets auf die Produktionsabteilung gerichtet, die dauerhaft rote Zahlen schrieb.

Um im Bild zubleiben: Die 326 Mitarbeiter der Dura Holding Germany GmbH sowie der Division Body & Glass-Systems gerieten am Dienstag mitten hinein ins Gefecht und stehen nun vor der Kapitulation, auch wenn man vorher jahrelang nur auf unbedeutenden Nebenkriegsschauplätzen unterwegs war.

Die beiden Abteilungen sind zuständig für die Entwicklungsarbeit, den Prototypenbau, das Programm-Management, die Prozesstechnik, den IT-Bereich, die Qualitätsplanung, den Einkauf und Vertrieb, das Personal und den Werkzeugbau.

Der Schock kam am Dienstag

„Unsere Ingenieure sind im Entwicklungsbereich für die Dura-Werke in Tschechien, Portugal, England, China und die USA zuständig. Uns hat man immer gesagt, dass es um den Produktionsbereich Leisten & Blenden geht. Niemand ist auf uns zugekommen – bis Dienstag“, ärgert sich der Betriebsratsvorsitzende Klaus Rahe, dass die beiden von ihm betreuten Abteilungen jetzt ebenfalls komplett auf der Abschussliste stehen.

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 „Weglaufen, nichts regeln und Tatsachen schaffen war da wohl die Devise“, sagt Rahe. Die 326 betroffenen Mitarbeiter seien total geschockt gewesen, „dass sie auch über die Klinge springen.“ Das Thema der Kündigungen bei Leisten & Blenden habe man nur am Rande mitbekommen, zumal dabei auch viele externe Berater und Anwälte mit im Spiel gewesen seien.

Der Betriebsratsvorsitzende Klaus Rahe spricht Klartext. 

 „Wenn die Sache mit den Kündigungen richtig gelaufen wäre, hätte man nicht so viele Leute zu viel an Bord gehabt“, sagt Rahe. Dass die Unternehmensführung auf den Betriebsrat zugehen wolle, sei bisher auch nur ein Lippenbekenntnis: „Ich habe bis heute noch nichts gehört und es wurde noch nichts vorgelegt. Die haben alles – nur wahrscheinlich noch keine endgültige Planung“, sagt der Betriebsratsvorsitzende.

Gemeinsam mit Faruk Ikinci (Betriebsrat Leisten & Blenden) seien mehrere konstruktive Vorschläge gemacht worden, doch die amerikanischen Eignerin Lynn Tilton habe diese alle abgelehnt. Bei einer Umsetzung der Werksschließung am 30. April 2019 befürchtetet Rahe auch Einschnitte bei Mitarbeitern in Altersteilzeit, weil die Aufstockung dann möglicherweise wegfallen könne. Normalerweise müsse jetzt über eine Betriebsvereinbarung, einen Sozialplan und ähnliches gesprochen werden. 

"Wir sind schon lange kein normales Unternehmen mehr"

„In einem normalen Unternehmen macht man das so, aber wir sind schon lange kein normales Unternehmen mehr“, bedauerte Rahe, denn die Geschäftsführung sei verpflichtet, über einen Sozialplan zu verhandeln. Aktuell sieht Rahe für Abfindungen keinen gesetzlichen Anspruch.

„Eine Werksschließung ist gleichzusetzen mit einer betriebsbedingten Kündigung“. Auf die fehlenden Aufträge für den Bereich Leisten & Blenden angesprochen, die Aufgabe des Vertriebs sind, sagte Rahe folgendes: „Es gab wohl die klare Ansage aus den USA, keine neuen Aufträge mehr in Plettenberg produzieren zu lassen, es sei denn man hätte überhöhte Gewinnmargen erzielen können.“

Dabei müsse man wissen, dass der Bereich der Automobilzulieferer „ein ziemliches Drecksgeschäft“ sei. So habe man teilweise Kleinserien für ein Cabriolet bekommen, was Voraussetzung gewesen sei, um bei lukrativen Großserien mitbieten zu können. Doch die habe man nicht mehr bekommen. „Ich bin selbst aus Plettenberg und seit 40 Jahren im Unternehmen. Natürlich geht einem das alles nahe“, sagt Rahe, der mit Stolz an die Zeiten bei der Firma Schade zurückdenkt.

Ständig wechselndes Management

„Das war unsere Fabrik. Wenn ich sehe, wie das Management das später alles versaut hat, blutet einem das Herz.“ Das gesamte Dura-Europageschäft von Body & Glass-Systems habe in Plettenberg seinen Anfang genommen. „Erst waren wir die Antreiber und zuletzt nur noch das schwarze Schaf und der Klotz am Bein, den man loswerden wollte.“

 Bei der letzten Betriebsratswahl habe man festgestellt, dass es in den letzten vier Jahren und neun Monaten allein fünf verschiedene Geschäftsführer bei der Dura Holding gab. „Bei einem ständig wechselnden Management darf man sich nicht wundern, dass es nicht rund läuft“, sagt Rahe, dessen einzige Hoffnung derzeit ein nebulös angedeuteter „neuer Dura-Standort“ sei, an dem einige Mitarbeiter vielleicht weiterbeschäftigt werden könnten.

Er werde nun einige Tage abwarten und will dann selbst das Gespräch mit der Geschäftsleitung suchen. Harmonische Friedensgespräche dürften das nicht unbedingt werden, denn das traditionsreiche Plettenberger Unternehmen an der Königsstraße steht vor der Kapitulation, die aber nach dem Willen des Betriebsratsvorsitzenden Klaus Rahe keinesfalls bedingungslos sein wird.

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