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Ärztemangel: Wenigstens die Kassensitze halten

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Von: Sabrina Jeide

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Das Hausarztzentrum am Grafweg soll auch dabei helfen, die Kassensitze in Plettenberg zu halten.
Das Hausarztzentrum am Grafweg soll auch dabei helfen, die Kassensitze in Plettenberg zu halten. © Dickopf, Georg

Die Situation ist prekär: Die haus- und fachärztliche Versorgung in Plettenberg ist für die Zukunft keinesfalls flächendeckend gesichert. Ein Arbeitskreis soll helfen, hieß es im Rahmen der Sitzung des Sozial- und Gesundheitsausschusses.

Plettenberg - Neue Ideen müssen her, um die Situation nicht noch schlimmer werden zu lassen, als sie ohnehin schon ist. Ein paar Fakten: 73,3 Prozent der Allgemeinmediziner in der Vier-Täler-Stadt sind 60 Jahre und älter. In den vergangenen Jahren wurden bereits zahlreiche Praxen ohne Nachfolgeregelung geschlossen. Bei vielen Plettenbergern läuft die Suche nach einem neuen Hausarzt nach wie vor erfolglos. Und das Dilemma geht weiter, haben doch beispielsweise Dr. Christine und Dr. Alfred Schuller angekündigt, ihre Urologie-Praxis Ende Oktober zu schließen.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung scheint mit der Gründung des Hausarztzentrums Plettenberg getan, doch es braucht weitere Ideen und Projekte – darüber waren sich sowohl die Ausschuss-Mitglieder als auch die beiden Gäste an diesem Abend, der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Michael Achenbach sowie Moritz Marl, Geschäftsführer der Prange Gesundheit einig.

Achenbach betonte: „Wir brauchen Leuchtturm-Eigenschaften. Was könnte ein Alleinstellungs-Merkmal sein?“ Er verdeutlichte, dass es klarer Anreize bedarf, um Ärzte nach Plettenberg zu locken. Er wählte das Bild eines Eierkartons: Viele Kuhlen, wenige Eier – genauso wie bei den Ärzten: Viele Stellen, wenige Bewerber. Da sei es wichtig, herauszustechen, eben ein Leuchtturm zu sein, damit der Arzt die richtige Stelle in Plettenberg auswählt...

Achenbachs Blick richtete sich zu Beginn der Sitzung vornehmlich auf die hausärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen, die gleichwohl auch an vielen Stellen auf die Erwachsenen übertragbar erscheint.

In seinen Augen entstand das Problem des Ärztemangels bereits Anfang der 90er Jahre, als die sogenannte Bedarfsplanung eingeführt wurde. Neben der Deckelung der Vergütung seien aber eben auch die Zahlen der niedergelassenen Ärzte gedeckelt worden. Und mit diesem Umstand – auch wenn 2013 eine gewisse Korrektur der Zahlen erfolgte – kämpfen die Mediziner bis heute. Gab es 1989 deutschlandweit noch etwa 15 000 Studienplätze, waren es zwischenzeitlich lediglich 9000 und mittlerweile etwa 11 000.

Achenbach verglich das mit einer Gaspipeline. Wenn die abgedreht sei, komme eben nichts mehr an. Ergo: Wenn es nicht genügend Studienplätze gebe, kommen auch nicht genügend Ärzte in die Kliniken und vor allem in die Praxen. Ein großer Teil der Fachärzte bleibe lieber in den Kliniken, insgesamt würden viel zu wenige Allgemeinmediziner ausgebildet – vielleicht auch weil dieser Fachbereich im Studium keinen nennenswerten Raum einnehme.

Während die Zahl der Ärzte vor allem im ländlichen Raum abnimmt, steige die Arbeitsbelastung enorm an. Michael Achenbach verdeutlichte das am Beispiel der Vorsorgeuntersuchungen. Waren es früher sechs pro Kind bzw. Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr, seien es mittlerweile 13.

Ganz speziell würde sich Achenbach für die Kinder- und Jugendärzte Kooperationen und eine räumliche Vernetzung wünschen – sei es mit Beratungsstellen, der Frühförderung, Therapeuten und Psychiatern oder auch dem Jugendamt. Denn so könne man ein niederschwelliges Angebot schaffen: „Das haben wir in der Form nicht, täte aber Not.“

Achenbach spürt das Dilemma des Ärztemangels auch ganz persönlich, weil es ihm trotz großer Anstrengung nicht gelungen ist, den zweiten Kinderarzt-Sitz in Plettenberg zu halten und einen Nachfolger für seine Ende 2020 ausgeschiedene Kollegin zu finden. Seit dem Winter 20/21 ist er nun Einzelkämpfer – nicht alles kann er mehr auffangen. Der Unmut vieler Eltern ist ihm sicher.

Einig war sich der Ausschuss, dass man der drohenden Unterversorgung möglichst schnell Herr werden müsse. Die Stadtverwaltung wurde deshalb beauftragt, einen Arbeitskreis zu bilden, um Konzepte zu erarbeiten.

Mit dabei sind neben Achenbach dann auch Martin Boncek, der Sprecher der Plettenberger Ärzteschaft ist sowie die Prange Gesundheit, die hinter dem Hausarztzentrum (HAZ) am Grafweg steht. Geschäftsführer Moritz Marl konnte die Sorgen der Politiker nachvollziehen: „Auch wir blicken mit höchster Vorsicht in die Zukunft.“ Das Ziel im HAZ sei „noch nicht erreicht“, aktuell „versorgen wir die Leute“. Aber: „Die Möglichkeiten sind da, der Wille ist da.“ Man könne sich ein Hausarzt-, ergänzt mit einem Facharztzentrum für die Zukunft durchaus vorstellen, zurzeit müsse man aber vorrangig versuchen, „die Kassensitze in Plettenberg zu halten“, sagte Marl.

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