Interview mit  Dr. Matthias Kaiser, Leiter des NRW-Wolfsmonitorings

„Probleme mit Jägern gibt es nicht“

Dr. Matthias Kaiser im Wald
+
Dr. Matthias Kaiser, Leiter des Fachbereiches für Artenschutz im LANUV und damit gleichzeitig Leiter des NRW-Wolfsmonitorings.

Plettenberg – Im Zuge der Berichterstattung über mögliche Wolfssichtungen in Plettenberg sprach Georg Dickopf mit Dr. Matthias Kaiser, Leiter des NRW-Wolfsmonitorings im Lanuv (Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz) über das Monitoring, die Wolfsberater und die Arbeit der Behörde. Die hatte gegenüber Plettenberger Jägern betont, dass durch die Corona-Lage die Begutachtung eines Wildtieres nicht immer garantiert werden könne.

Muss die DNA-Entnahme eines Fundtieres in den ersten 24 Stunden erfolgen?

Haare, Kot, Blut oder Speichelreste, die ein Wolf hinterlässt, eignen sich für die genetische Analyse. Bei frischen und umfangreichen Proben lassen sich neben der sicheren Bestimmung des Wolfes auch das Geschlecht und verwandtschaftliche Beziehungen zu anderen bereits registrierten Tieren feststellen. Diese Auswertungen werden im Laufe der Zeit immer schwieriger, nach 48 Stunden ist im Regelfall kein Ergebnis mehr zu erwarten. Die Vorgabe lautet daher, dass eine Probe innerhalb von 24 Stunden genommen werden sollte, um recht sicher ein Ergebnis erzielen zu können. Gerade bei tot aufgefundenen Wildtieren kommt es vor, dass eine genetische Probenahme nicht mehr sinnvoll durchzuführen ist, da die Liegezeit und damit das Alter von Wildtierkadavern nicht mehr in diesen Zeitraum fallen. In solchen Fällen kann unter Umständen auch auf eine zeitnahe Dokumentation verzichtet werden.

Ist eine solche Dokumentation verzichtbar bei Wildtieren?

Aus Sicht des Monitoring ist eine fehlende Dokumentation bedauerlich, gerade Wildtierrisse geben weitergehende Hinweise auf die natürlichen Beutetiere des Wolfes und sind im Monitoring leider immer unterrepräsentiert. Das Lanuv hat ein hohes Interesse daran, auch diese Fälle zu untersuchen. Hinweise sollten daher immer unmittelbar auch bei Wildtieren direkt an die Wolfsberaterinnen und Berater oder direkt an das Lanuv weitergegeben werden.

Ist ein Biss in die Kehle ungewöhnlich für einen Wolf? Und was ist ein typischer Tötungsbiss eines Wolfes?

Die Unterscheidung, ob ein gerissenes Wild-, Haus- oder Nutztier von einem Wolf oder Hund getötet wurde, ist aus Sicht des Wolfsmonitorings sicher nur durch einen Genetiknachweis zu erbringen. Es gibt zwar typische Merkmale, die auf einen Wolf als Verursacher hindeuten, dazu gehören Kehlbiss, Verschleppen oder Lage des Pansen. Diese müssen jedoch nicht in jedem Fall vorhanden sein. Es gibt erfahrene Hunde und es gibt unerfahrene Wölfe. Über das genetische Monitoring an Nutz- und Wildtierrissen mit Wolfsverdacht kommt es jedoch regelmäßig auch zu genetischen Nachweisen von Haushunden als Verursacher und / oder Nachnutzer von verendeten Tieren.

Frisst ein Wolf auch die Eingeweide eines Tieres?

Neben Muskelfleisch und Knochen werden vom Wolf auch Innereien gefressen. Typisch für einen Wolfsriss ist jedoch, dass der Pansen meist außerhalb des Beutetieres gefunden wird. Ganz offensichtlich verschmähen Wölfe den Pansen mit seinem Inhalt, ganz im Unterschied zu vielen Haushunden.

Was macht man, wenn der Wolfsberater verhindert ist?

Falls eine Dokumentation vor Ort nicht zeitnah möglich ist, sollten die oben angeführten Punkte fotografisch dokumentiert werden, die Losung kann auch eingefroren gelagert und die Dokumentation mit dem Wolfsberater nachträglich durchgeführt werden. Im besten Fall wird man diese Optionen durch einen Anruf beim Lanuv klären können. Eine genetische Untersuchung ist nur beim Forschungsinstitut Senckenberg nach Beauftragung durch das Lanuv möglich.

Können die Veterinäruntersuchungsämter nicht bei der Untersuchung helfen?

Die Veterinäruntersuchungsämter (CVUA) in NRW können hierbei nicht weiterhelfen. Die CVUAs haben die Aufgabe, veterinärmedizinische Untersuchungen vorzunehmen. Die Sicherung von Spuren sollte aber immer am Ort des Geschehens stattfinden. Dies ist Aufgabe des wissenschaftlichen Wolfsmonitorings und kann daher auch nur in diesem Rahmen geleistet werden. Die Veterinäruntersuchungsämter sind bereits in das Wolfsmonitoring eingebunden. Gerade bei Nutztierrissen ist die Ermittlung des eigentlichen Schadenverursachers eine Voraussetzung für Entschädigungen, die die Tierhalter über die Förderrichtlinien Wolf bekommen können.

Jede gemeldete Wolfssichtung werde vom Lanuv einzeln geprüft und bewertet.

Wie oft werden die Wolfsberater für die DNA-Probenentnahmen geschult und ist diese Schulung verpflichtend?

Die genetische Probenahme ist Teil der Schulung zu gerissenen Nutz- und Haustieren. Bevor also eine Person „offiziell“ auf die Liste der Luchs- und Wolfsberater kommt, haben bereits zwei Schulungen zu dieser Arbeitsweise stattgefunden. Diese Voraussetzungen sind verpflichtend. Die Berater werden durch das Lanuv gehalten, die Schulungen regelmäßig auch nach der offiziellen Listung zu besuchen. Diese Auffrischungsschulungen findet in unregelmäßigen Abständen statt, im Regelfall jedoch mindestens alle zwei Jahre. Dies dient der Sicherstellung einer regelmäßigen Information der Wolfsberater über neue Entwicklungen im Rahmen des Monitorings. Eine Verpflichtung zur Auffrischung gibt es nicht, die Wolfsberater nehmen diese Schulungen aber sehr gerne wahr, unter anderem zum Erfahrungsaustausch untereinander.

Beim Fall in Balve war der Besitzer froh über den schnellen Einsatz der Wolfsberater, die sagten, dass das Ergebnis in drei bis vier Wochen vorliege. Tatsächlich dauerte es über sieben Wochen. Beim Fall eines gerissenen Shetland-Ponys in Schermbeck dauerte die DNA-Untersuchung zwei Wochen. Gibt es eine Prioritätenliste?

Es gibt keine Prioritätenliste bei Senckenberg. Es gab bei der Bearbeitung der Proben aus Balve jedoch Weihnachtsferien im Labor und Verzögerungen durch die Postzustellung über die Feiertage und den Jahreswechsel. Die Bearbeitung der Proben im Senckenberg-Institut dauerte in beiden Fällen exakt gleich lang. Das Forschungsinstitut Senckenberg hat die Bearbeitungskapazitäten in den letzten Jahren ausgebaut und verstetigt. Eine Bearbeitung ist derzeit im Labor in wenigen Werktagen möglich.

Was würde sich ändern, wenn diese Region zum Wolfsland erklärt würde?

In Wolfsgebieten, Wolfsverdachtsgebieten und entsprechenden Pufferzonen ist nach den Förderrichtlinien Wolf eine Förderung von wolfsabweisenden Herdenschutzmaßnahmen möglich. Entschädigungen bei Nutztierrissen nach den Förderrichtlinien Wolf sind hiervon nicht betroffen. Diese Möglichkeit gibt es bereits jetzt landesweit.

Bei der Recherche war oft der Satz zu hören: „Sich beim Wolfsmanagement zu melden, bringt sowieso nichts. Die kümmern sich nicht wirklich.“ Gibt es ein Kommunikationsproblem mit Jägern?

Das Lanuv ist 24 Stunden am Tag erreichbar. Über die Nachrichten-Bereitschaftszentrale und das Funktions-Email-Postfach wolf_nrw@lanuv.nrw.de können Hinweise oder Meldungen von Nutztierrissen jederzeit abgegeben werden. Diese Möglichkeiten werden vielfach genutzt. Das Lanuv erreicht eine Vielzahl von Hinweisen auf mögliche Wolfssichtungen, die alle einzeln geprüft und bewertet werden. Die Sichtungen ohne weiteren Beleg, also ohne Fotos oder Videos, können nach den bundesweiten Monitoringstandards jedoch nicht als Wolfsnachweis gewertet werden. Sie werden im Regelfall als „C3“ – unbestätigter Hinweis – in die Datenhaltung des Lanuv aufgenommen. Sie sind damit aber nicht verloren und vergessen, sondern können im Nachgang eines echten Nachweises im Umfeld wertvolle Hinweise zur weiteren Beurteilung des Status des Wolfes vor Ort liefern. Diese Monitoringergebnisse sind nicht jedermann bekannt, obwohl sie auch im Wolfsportal NRW publiziert werden. Ein Kommunikationsproblem von unserer Seite aus gibt es mit der Jägerschaft daher nicht. Jäger sind für uns wichtige Partner im Rahmen des wissenschaftlichen Wolfsmonitorings. Wir benötigen Hinweise genau von den Personen, die viel in der Feldflur unterwegs sind und wichtige Beobachtungen machen können. Es ist wichtig, dass auch diese Beobachtungen über den offiziellen Weg an das Lanuv gemeldet werden, nur dann können wir die Hinweise nach den geltenden bundesweiten Standards aufnehmen und wissenschaftlich bewerten.

Frage zur gefundenen Losung in Plettenberg

Zwei Wochen nach dem Fund eines Rehs fanden Jäger eine vermeintliche Wolfslosung im Hestenberg, ganz in der Nähe des in Bremcke gerissenen Rehs. Nach der für die Jägerschaft unbefriedigenden Bearbeitung des Rehrisses wollten sie die Losung im Chemischen Veterinäruntersuchungsamt Arnsberg untersuchen lassen, wurden dort aber abgewiesen, weil die Erteilung nur über das Lanuv erfolgen könne.

Wie wäre hier das richtige Vorgehen gewesen?

Dr. Kaiser: Eine Unterscheidung von Wolfslosung von der Losung von Haushunden und / oder Füchsen ist von außen nicht einwandfrei möglich. Auch hier gibt es zwischen den Arten eine große Streuungsbreite und vor allem eine ältere, ein paarmal aufgequollene und wieder getrocknete Fuchslosung kann unter Umständen einer Wolfslosung täuschend ähnlich sehen. Auch hier kann nur die genetische Untersuchung weiterhelfen. Eine Losung sollte nach einem Fund in Alkohol gesichert werden. Die Wolfsberater sind mit entsprechenden Materialien ausgestattet. Sie werden bei einer Dokumentation aber auch die Fundumstände, dazu gehören beispielsweise die Lage im Gelände, Übersichtsaufnahmen oder Detailaufnahmen mit Maßstab, anhand eines standardisierten Protokolls aufnehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare