Diagnose Grauer Star

Schulabschluss trotz ernsthafter Augenkrankheit - wie dieser Junge aus dem MK es schaffte

Amil Sehen mit Grauer Star Plettenberg Operation
+
So unterschiedlich war das Sehen für Amil nach und vor der Operation: Der Graue Star sorgte für einen Nebelschleier in seinem Sichtfeld, der Konturen verschwimmen ließ und der Amil nicht einmal die Augenfarbe seines Gegenübers erkennen ließ.

Normalerweise betrifft die Augenkrankheit Grauer Star eher ältere Menschen, doch in diesem Fall war der Patient aus dem MK erst 15 Jahre alt und mitten in der Schulzeit. Wie er sich trotz einer Sehleistung von nur rund 15 Prozent durchschlug und wie er jetzt erlöst wurde.

Plettenberg - Kein Zweifel: Für Amil Ibrovic,15, war seine letzte Zeugnisübergabe an der Zeppelinschule ein besonderer Moment. Aber es gibt ein Ereignis, das sein Leben zuletzt noch entscheidender verändert hat als der Schulabschluss. Der junge Plettenberger litt an einer schweren Augenkrankheit – und ist nun von ihr erlöst worden.

Amil im Deutschunterricht – das war der Junge mit Lesebrille und Taschenlampe. Er leuchtete auf die Buchstaben in seinen Büchern und lehnte sich soweit über den Text, dass seine Nase schon fast die Seiten berührte, damit die Buchstaben vor seinem Auge endlich scharf wurden.

Amil im Matheunterricht – das war der Junge, der, obwohl er in der ersten Reihe saß, immer darauf angewiesen war, dass ihm seine Sitznachbarn vorlasen. Nur so bekam er meist mit, welche Formel der Lehrer oder die Mitschüler auf die Tafel geschrieben hatten. Alternativ musste er sich jedes Mal vor die Tafel stellen.

Amil im Informatikunterricht – das war der Junge, der sich erst wenige Zentimeter über die Tastatur beugen musste, um die Buchstaben auf ihr zu erkennen, und der dann mit den Augen vor dem Bildschirm klebte, um zu kontrollieren, ob alles richtig geschrieben war.

Amil, 15, war das immer peinlich, deshalb sprach er nur sehr ungern über seine eingeschränkte Sehkraft. Seine Klasse kannte es ja, aber wenn draußen jemand am Flur vorbei lief und ihn im hellen Klassenraum mit einer Taschenlampe aufs Heft leuchten sah, „dann müssen die doch gedacht haben, ich mache Spaß“, sagt Amil.

Aber es war kein Spaß, sondern eine ernsthafte Krankheit.

Amil litt an Grauem Star. Seine Sehkraft lag im Sommer letzten Jahres bei nur noch 13 Prozent auf dem einen Auge und 17 Prozent auf dem anderen. Alles, was er sah, war wie von einem Nebel verschleiert, grau, gelb, wie durch Transparentfolie.

Diagnose Grauer Star

Der Graue Star ist zwar eine sehr häufige Augenkrankheit. Dass er aber bei Patienten in einem so jungen Alter wie bei Amil Ibrovic auftritt, ist äußerst ungewöhnlich, wie die Verantwortlichen aus der Uniklinik Münster, in der er operiert wurde, bestätigen. Denn üblicherweise trete ein Grauer Star insbesondere bei Personen über 60 Jahren auf; angeboren oder im Kindesalter liege das Risiko, daran zu erkranken, nur bei etwa 3 zu 10 000, erklärt Oberarzt Dr. Christoph Clemens. Weiter erklärt er: „Der Graue Star entsteht im Alter durch Veränderungen der Linseneiweiße insbesondere durch Lichtbelastung und altersbedingte Stoffwechselveränderungen. Je nach Ausprägung der Linsentrübung bemerken die Betroffenen eine verstärkte Blendungsempfindlichkeit und einen Kontrastverlust. Zusätzlich wirken Farben blasser und die räumliche Wahrnehmung ist eingeschränkt. Auch das Lesen und Sehen im Nahbereich wird zunehmend schwieriger.“

700 000 bis 800 000 Operationen werden wegen des Grauen Stars jährlich durchgeführt, schätzt Prof. Nicole Eter, Direktorin der Augenklinik der Uniklinik Münster. Damit zählt die Operation noch vor Blinddarm- oder Hüft-OPs zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen in Deutschland.

Lange war nicht klar, warum Amils Sehkraft so rapide nachließ. Sein Augenarzt verordnete ihm seitdem er fünf Jahre alt war immer stärkere Brillen. Mit zwölf Jahren half auch die Brille nicht mehr viel, weil ihm schwummerig vor dem Auge wurde. Er wechselte den Augenarzt, Diagnose: Grauer Star. Nur eine Operation an den Augen könne Besserung bringen.

Es kam so überraschend, dass es Amil und seine Eltern nicht glauben konnten und wollten. Sie suchten weitere Augenärzte auf, die immer die gleiche Diagnose stellten.

Noch kam eine Operation für Amil nicht infrage, weil er warten musste, bis das Auge weiter ausgewachsen war. Amil kämpfte sich durch. Er bewältigte den Unterricht, indem er vor allem im mündlichen Teil gute Noten ablieferte. Er boxte sich durch das Leben mit den digitalen Medien, indem er zum Beispiel die Schriftgröße auf dem Handy auf das Maximum stellte. Drei, vier Wörter, dann war das Display voll.

Viel Hoffnung auf Besserung habe er vorher nicht in die Operation gesetzt. „Ich hatte mich an das Sehen gewöhnt. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen.“

Das zehnte Schuljahr hatte für Amil gerade begonnen, als er in der Uniklinik Münster operiert wurde – wie bei solchen Eingriffen üblich erst am einen und wenige Wochen später am anderen Auge, damit die Infektionsgefahr gering gehalten wurde und Amil nicht beide Augen zeitgleich mit Pflastern zugeklebt hatte.

Das Aufwachen nach dem ersten Eingriff im Krankenbett war für Amil wie der Beginn eines neuen Lebens, sagt er. An der Wand hing ein Bild, das er vorher nur schemenhaft erkennen konnte. Während auf dem noch unoperierten Auge alles grau und eintönig blieb, leuchteten ihm auf dem anderen Auge die Farben Rot, Blau, Gelb und Orange in einer nicht gekannten Intensität entgegen. Der Nebel hatte sich verzogen. Er dachte: „Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch so gut sehen kann.“

Nachdem auch das zweite Auge erfolgreich operiert worden war, hatte Amil seinen Platz im Klassenzimmer gewechselt: von ganz vorne nach ganz hinten. Und anders als vorher konnte er nun endlich die Wörter und Formeln auf der Tafel erkennen.

Aber das Erste, das Amil ausprobierte, als er nach den Operationen wieder nach Hause kam, war etwas ganz Alltägliches. Er legte sich eine Computertastatur auf den Schoß, um zu prüfen, ob er die Buchstaben erkennen konnte. Ja, er konnte sie jetzt sehen. Und ihn durchströmte ein Gefühl des Glücks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare