Versetzung des Mahnmals

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Das Mahnmal für die Gefangenen und Vermissten könnte im Zuge der Innenstadtsanierung in den Böhler Park versetzt werden.

Manch einem Heimatkreis-Mitglied ging diese Ankündigung „quer runter“: Das Gefangenen-Mahnmal am Kirchplatz könnte im Zuge der Innenstadt-Sanierung in den Böhler Park versetzt werden.

Das erklärte Heimatkreis-Vorsitzende Martina Wittkopp-Beine im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Vereins. „Ich erhielt eine Anfrage, ob der Heimatkreis gegen eine Versetzung etwas einzuwenden hätte“, sagte die Stadtarchivarin. Da sich das Denkmal offiziell im Besitz der Evangelischen Kirchengemeinde befinde, habe Wittkopp-Beine angeregt, das Gespräch mit einem der letzten noch lebenden Plettenberger Soldaten des Zweiten Weltkrieges, Friedhelm Melzner, zu suchen.

Im Laufe des Gesprächs zwischen Melzner und Vertretern der Kirchengemeinde und des Heimatkreises sei deutlich geworden, dass eigentlich nichts gegen eine Versetzung des Denkmals spreche. Eine Aussage, die allerdings nicht bei allen Anwesenden auf pure Freude traf. „Das geht mir quer runter. Ich befürchte, dass das Gedenken der Gefangenen und Vermissten so verloren geht“, erklärte ein Heimatkreis-Mitglied.

Der überwiegende Teil der Heimatforscher sprach sich jedoch für eine Versetzung des Mahnmals aus. „Ich finde, dass das Denkmal im Böhler Park besser steht. Dort haben wir einen Ort des Gedenkens und das Mahnmal wird nicht einfach in eine Ecke gestellt“, versicherte Kassierer Günter Heerich. Darüber hinaus wisse heute kaum noch ein Plettenberger, wofür dieses Denkmal am Kirchplatz überhaupt noch stehe. Daher sei auch die Anbringung einer erklärenden, blauen Geschichtspfad-Tafel angedacht.

Denn mittlerweile seien laut der Stadtarchivarin viele Gerüchte im Umlauf, die so nicht der historischen Wahrheit entsprechen würden. „Ich höre zum Beispiel, dass die weißen Rosen als Erinnerung an die Widerstandsgruppe ‘Weiße Rose’ angepflanzt worden sein sollen“, sagte Wittkopp-Beine. Doch dies sei völlig falsch: Der Gruppe um Hans und Sophie Scholl sei am heimischen Kirchplatz kein Erinnerungsort gewidmet.

Wittkopp-Beine sprach von einem „guten Miteinander“ bei den Gesprächen im Vorfeld zwischen Kirchengemeinde, Melzner und Heimatkreis. „So muss ein Prozess laufen, damit alle Beteiligten die Entscheidung auch mittragen können“, erklärte die Vorsitzende.

Aus den Reihen der Mitglieder kam der Vorschlag, nicht nur das Mahnmal zu versetzen, sondern auch die dieses umgebenden, weißen Rosen. „Das ist ein sehr schönes Ensemble“, erklärte ein Mitglied.

Gerade in der heutigen Zeit, in der Populisten und die Rechte im Allgemeinen immer mehr Aufwind erfahren, sei die Bewahrung eines Mahnmals wie dem am Kirchplatz für die Gefangenen des Zweiten Weltkrieges besonders wichtig – das erklärte Heimatkreis-Vorsitzende Martina Wittkopp-Beine.

Friedhelm Melzner erklärte, dass sich die Rechte einfach nur die schlichte Aussage am Mahnmal durchlesen sollte: „Wir mahnen“. Denn der blinde Nationalismus des Regimes hatte nicht nur mehrere Millionen Opfer zur Folge – er sorgte auch dafür, dass hunderttausende deutsche Soldaten in Gefangenschaft waren.

Bereits im September 1950 hatten die heimgekehrten Plettenberger den Heimkehrer-Verband gegründet, der auch die Errichtung des Mahnmals im Laufe der 50er Jahre angeregt hatte.

Die Gedenkstätte für Vermisste und Gefangene besteht aus einer zwei Meter hohen Vierkantsäule, die einst als Eckpfeiler eines Friedhofstores diente. Darauf aufgesetzt ist eine eiserne Kugel mit Schale. Auf der Säule angebracht ist ein Bronzerelief nach dem Tonmodell von Fritz Theilmann, der selbst erst 1949 aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden war.

In Deutschland gibt es dieses Mahnmal nur ein zweites Mal: an der Ehrenmalanlage am Kulturpark in Bad Sassendorf. Auf dem Relief ist ein deutscher Soldat in langem Mantel abgebildet, der den Blick fast schon trostlos in eine ungewisse Zukunft gerichtet hat. Darunter angebracht ist die Inschrift „Gedenket der Gefangenen“.

Zur Zeit der Errichtung des Mahnmals war die Situation der gefangenen deutschen Soldaten noch ganz aktuell. So berichtete das ST im Oktober 1950, dass sich noch 590 Plettenberger in Gefangenschaft befinden würden oder vermisst seien. Dabei habe es sich um 17 Kriegsgefangene, 496 Vermisste der Wehrmacht, 74 vermisste Zivilisten und drei Internierte gehandelt.

Nun muss die heimische Politik entscheiden, was mit dem Mahnmal geschehen soll, sollte die Sanierung des Kirchplatzes beginnen. Das ‘O.K.’ des Heimatkreises und – vielleicht noch viel wichtiger – eines der letzten noch lebenden Plettenberger Soldaten des Zweiten Weltkrieges hätte die Stadt auf jeden Fall.

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