Corona unterbricht Neujahrstradition

Das sagen die Plettenberger Silvestersänger zum Ausfall des diesjährigen Singens

Das traditionelle Silvestersingen fällt in diesem Jahr Corona zum Opfer.
+
Kein Gesang an den Haustüren, keine alkoholische Stärkung nach dem Singen: Das traditionelle Silvestersingen, hier eine Aufnahme aus dem Oestertal aus dem vergangenen Jahr, fällt zum Jahreswechsel 2020/21 der Corona-Pandemie zum Opfer.

Plettenberg – Eine weitere musikalische Tradition in Plettenberg muss in diesem Jahr ausfallen: das Silvestersingen. Doch was bedeutet das für die Sänger und wie möchten sie stattdessen Neujahrsgrüße an die Menschen übermitteln?

Oesterau/Lettmecke

„Es ist todtraurig, dass wir nicht von Haus zu Haus gehen können“, sagt Jörg Neumann. Die Kontakte würden fehlen und gerade die älteren Leute warteten immer auf die Silvestersänger. Schon die Vorbereitungstreffen im März und im Juni mussten ausfallen, erst im Oktober traf man sich in der Oesterhalle und besprach drei Varianten für Silvester. „Plan A – zu singen – wäre uns am liebsten gewesen“, sagt Neumann. Als Plan B wurde besprochen, in kleinen Gruppen an fünf oder sechs zentralen Orten zu singen. Beides war aber letztlich nicht mehr möglich, am 27. November kam die Absage. Es habe viel Verständnis dafür gegeben, dass nicht gesungen werden kann.

So blieb nur eine dritte Variante: Bereits am letzten Wochenende vor Weihnachten verteilten die Silvestersänger kleine Grüße an die Haushalte in Oesterau und Lettmecke. Grundschüler aus Oesterau hatten Papiertaschen mit Weihnachtsmotiven bemalt, die Silvestersänger noch einen Aufkleber draufgepappt. Drinnen gab es eine Grußbotschaft zu Weihnachten und zum neuen Jahr. „Wir haben auch ein Bild vom letzten Jahr mit hineingetan und – statt Schnaps – in diesem Jahr einen Teebeutel“, sagt Neumann. Diese tolle Idee eines Sangesbruders sei gut angekommen, man habe viele positive Rückmeldungen darauf bekommen.

Hinzu kommt am Silvestertag eine digitale Überraschung, an der sich viele Silvestersänger beteiligt haben. „Sie haben etwas eingesungen, das dann zusammengeschnitten wurde und an Silvester auf Facebook hochgeladen wird“, erklärt Neumann. Jens Beckmann, der die Idee zu dem Video hatte und für die Umsetzung sorgte, danken Neumann und Philipp Wever, die bei den Sängern in Oesterau und Lettmecke für das Organisatorische zuständig sind. Auf diese Weise muss an Silvester nicht ganz auf Gesang verzichtet werden. „Unser Wunsch ist, dass wir nächstes Jahr das Singen erst recht wieder in Angriff nehmen können – mit vielen Unterstützern“, sagt Neumann.

Kückelheim

Nicht nur das Singen an sich, auch schon das Treffen, bevor man aufbricht, wird in diesem Jahr fehlen, sagt Sebastian Six von den Kückelheimer Sängern: „Es ist ein komisches und leeres Gefühl.“

An Fenstern und Balkonen zu singen, habe man zwar kurz auch überlegt, sich aber dagegen entschieden. Schon beim ersten Lockdown habe man mit Blasinstrumenten versucht, auf Distanz zu musizieren. Das sei schon schwierig gewesen. Beim Singen würde das wohl auch nicht klappen. „Dazu wohnen wir im Tal zu weit auseinander“, sagt Six.

Um den Brauch nicht ganz ausfallen oder in Vergessenheit geraten zu lassen, haben sich auch die Silvestersänger in Kückelheim etwas überlegt. „Wir verteilen Handzettel mit dem Text vom letzten Jahr“, sagt Six. Die Silvestersänger hätten an den Tagen vor Silvester einzeln die Häuser aufgesucht, die sonst auf ihrer Route liegen, und dort die Zettel eingeworfen. „Und wir schreiben den Segensgruß an die Tür.“

Selscheid

Von Tür zu Tür zu ziehen und beim Singen möglicherweise Mindestabstände nicht einzuhalten – das ist auch in Selscheid ausgeschlossen, zumal dort die Freiwillige Feuerwehr das Silvestersingen organisiert. Da habe man auch eine Vorbildfunktion, sagt Tobias Grote. Dass das Silvestersingen nicht stattfindet, bedauert auch er.

„Um das etwas zu kompensieren, haben wir von der Feuerwehr den Liedtext auf Papier gedruckt, den wir zusammen mit einem kleinen alkoholischen Getränk im Dorf verteilen“, sagt Tobias Grote. Zwei Mann zu Fuß und einer – für die abgelegeneren Häuser – mit dem kleinen Feuerwehrauto der Selscheider Wehr haben vor Silvester die Orte abgeklappert, die sonst von den Silvestersängern besucht werden.

So soll der Brauch allen in Erinnerung bleiben, auch wenn er in diesem Jahr nicht wie gewohnt gepflegt werden kann. „Das Dorf hat so ein bisschen was davon und wir hoffen, dass es gut angenommen wird.“

Himmelmert

„Die Stimmung ist ein bisschen gedrückt“, sagt Dieter Beckmann über das ausfallende Silvestersingen. Der 70-Jährige kann sich nicht daran erinnern, dass die Tradition schon einmal aussetzen musste. Zuletzt sei, so habe es ihm sein Vater erzählt, das Silvestersingen während des Zweiten Weltkriegs ausgefallen.

In diesem Jahr sei es nun Corona geschuldet, da müsse man mit leben. Es gebe zwar einige, die nicht an Corona glaubten. „Die meisten sehen es aber so: Lieber ruhig und im kleinen Kreis feiern, als sich eine Infektion einzufangen.“ Dass in Himmelmert nicht gesungen wird zu diesem Silvester, habe man schon vor einiger Zeit im Aushängekasten im Dorf kundgetan und den eigenen Standpunkt dargelegt. Nur wenige Reaktionen auf die Entscheidung seien negativ ausgefallen, so Beckmann.

Schon an den Mindestabständen, die beim Singen wegen der freigesetzten Aerosole gelten, wäre ein Silvestersingen gescheitert, sagt Beckmann. „Wie will man da mit elf bis 15 Leuten vor einer Haustür stehen? Man müsste so weit auseinander stehen, das hätte nicht funktioniert.“ Denn man brauche die anderen Sänger auch zur Orientierung für die eigene Stimme. Aus dem gleichen Grund hätte auch ein Singen auf Distanz an Balkonen und Fenstern nicht geklappt. Dazu lägen die Häuser zu weit auseinander.

Bremcke

„Es ist traurig, weil sich ähnlich wie beim Weihnachtschor im Dorf keiner erinnern kann, wann es das Silvestersingen in den letzten hundert Jahren mal nicht gegeben hat“, sagt Frank Schmidt. Der Ausfall sei Corona geschuldet. „Das ist auch absolut richtig, dass es deswegen nicht stattfinden kann, aber auch bedauerlich. Es ist eben nicht zu ändern.“ Als Alternative zum Silvestersingen haben die Bremcker Vereine bereits vor Wochen gemeinsam Grußkarten mit Weihnachts- und Neujahrswünschen drucken lassen, die vor Weihnachten an alle Haushalte verteilt wurden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare