Keine Rückflüge, kaum Informationen: Zwei Touristen aus Plettenberg sitzen in Neuseeland fest

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Plettenberg - Es sollte ein Lebenstraum sein, den sich die Brüder Luca und Jarno Schawag mit ihrer Reise nach Neuseeland erfüllen wollten. Für ein Jahr lang am anderen Ende der Welt als Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik arbeiten und durch das Land reisen – das war der Plan der Plettenberger. Jetzt ist die Situation wegen des Coronavirus kompliziert geworden.

Sie möchten gerne nach Hause, aber die Ausreise gestaltet sich auch deshalb schwierig, weil die beiden mit einem Camping-Bulli unterwegs sind, den sie nun irgendwie wieder nach Deutschland bekommen müssen. Sebastian Schulz hat mit Luca Schawag über die Situation am anderen Ende des Planeten gesprochen.

Herr Schawag, wie hat sich die Situation in den letzten Tagen in Neuseeland und speziell für Sie entwickelt?

Bis vor zwei Wochen hat man hier relativ wenig von Corona mitbekommen. Klar hat man nach Italien, China und auch nach Deutschland geschaut, aber hier blieb es über Wochen bei sechs Fällen und das Virus hat sich nicht länger verbreitet. Dann waren es plötzlich elf Infizierte und die Premierministerin hielt eine Ansprache im Fernsehen. Zeitgleich ging das Gerücht um, dass es eine Ausgangssperre geben sollte, die dann aber noch nicht kam. Es ging trotzdem los, dass es Panikeinkäufe gab. Auch hier gibt es seitdem kein Toilettenpapier mehr, obwohl Neuseeland einer der größten Toilettenpapier-Produzenten ist...

Gibt es inzwischen eine Ausgangssperre?

Nachdem es dann letzte Woche Montag die ersten Ansteckungen innerhalb Neuseelands gab – die Infizierten zuvor kamen alle aus dem Ausland zurück, manche auch aus Ischgl und Tirol – gibt es seit Mittwochabend eine komplette Ausgangssperre. Damit war es dann auch erstmal vorbei mit Arbeiten.

Wie geht es Ihnen aktuell?

Wir haben es eigentlich ganz gut. Heute sind es 21 Grad und strahlender Sonnenschein. Wir wohnen bei unserem Chef auf einer Art Bauernhof. Wir haben 90 Hektar Land um uns herum, wohnen in einem kleinen Pool-Haus, haben Fernsehen und unbegrenztes Internet. Zusätzlich zahlt der neuseeländische Staat derzeit an jeden, der festangestellt war, ein Grundeinkommen von 580 Dollar pro Woche pro Person. Das heißt, uns beiden geht es hier echt super.

Aber den ganzen Tag zuhause zu sitzen wird doch sicher auf Dauer langweilig.

Ja, wir haben nicht wirklich etwas zu tun. Wir sitzen im Moment eigentlich nur hier rum, gucken eine Netflix-Serie nach der anderen, spielen zwischendurch mal Tennis auf dem Platz auf unserem Gelände und organisieren die Rückverschiffung unseres Autos und unsere Rückreise.

Wie gestaltet sich das Vorhaben Ihrer Rückreise?

Was die Sache richtig kompliziert macht, ist, dass wir das Auto mit haben. Die Frachtschiffe fahren zwar noch. Aber wegen der Ausgangssperre werden die Zolldokumente nicht mehr bearbeitet und abgezeichnet – und so lange darf ich das Auto nicht ausführen. Die Leute arbeiten, wenn überhaupt, von Zuhause und man erreicht eben niemanden mehr.

Aber muss das Auto nicht ohnehin irgendwann ausgeführt werden?

Ja, die Aufenthaltsgenehmigung für das Auto läuft am 8. August aus. Unsere Visa wurden schon verlängert bis in den September und über unsere Arbeit ist es relativ einfach, an ein Folgevisum zu kommen, aber das Auto muss halt hier raus.

Und jetzt?

Eventuell habe ich da eine Lösung gefunden, sodass das Auto diese Woche aufs Schiff kommt und nach 10 Wochen wieder in Bremerhaven ankommt. Mal sehen...


Können Sie und Ihr Bruder denn so einfach in ein Flugzeug steigen und wieder nach Deutschland kommen?

Auch das ist nicht so einfach. Am Wochenende hat die neuseeländische Regierung alle Flüge für Rückholaktionen gestoppt, weil es unkontrollierte Reisewellen zu den Flughäfen gab. Es haben sich ja allein etwa 12 000 Deutsche angemeldet, die zu den Flughäfen in Christchurch und Auckland unterwegs sind. Zwei Flieger sind rausgegangen, aber jetzt ist erstmal alles abgebrochen.

Wie geht es jetzt weiter?

Es gibt leider keinerlei Rückmeldung des Auswärtigen Amtes. Es gibt eine App, in der man sich eintragen kann. Da steht dann: „Sie werden kontaktiert“. Ob das in zehn Stunden oder in vier Wochen ist, wissen wir nicht.

Also sind die Koffer schon gepackt!?

Ja, wir leben derzeit aus unseren Koffern heraus, auch das Auto ist fertig gepackt und zur Abreise bereit.

Wer trägt die Rückreisekosten?

Man muss wohl für den Rückholflug die Kosten übernehmen. Im Konsulatsgesetz steht dazu, dass es ungefähr in Höhe eines Economy-Fluges sein kann. Aber Economy-Tickets nach Neuseeland gibt es für 400 oder für 4 000 Euro... Es ist alles ein bisschen unsicher im Moment.

Wie gehen die Neuseeländer mit der Corona-Situation um?

Die Neuseeländer scheinen das sehr gut anzunehmen. Und sie wirken sehr gut vorbereitet. Sie haben riesige Teststationen aufgebaut. Die Polizei hat nach dem Ausgangsverbot sofort alle nicht-überlebensnotwendigen Einrichtungen geschlossen. Nur Banken, Telekommunikationsfirmen, Supermärkte und Tankstellen sind noch geöffnet.

Halten sich die Menschen an das Ausgangsverbot?

Ja, man sieht das alleine schon am Verkehr. Wir haben von unserem Haus einen Blick auf die Zubringerstraße zur einzigen Autobahn Neuseelands, auf der normalerweise Autoketten von 5 Uhr morgens bis 22 Uhr abends stehen. Im Moment fahren da nur vielleicht sechs Autos pro Stunde hoch. Auch wenn man mal den Himmel beobachtet. Normalerweise fliegen die Flugzeuge über unser Haus. Heute habe ich erst zwei Flieger gesehen.

Wie ist die Lage für Sie als Handwerker?

Für uns als Klempner ist es schon ein bisschen schwierig, weil wir ja schon relativ essentiell sind, wenn zum Beispiel mal eine Wasserleitung bricht. Wir dürfen zwar weiter arbeiten in Notfällen, aber der Großhandel wird als nicht-essentiell angesehen, und wenn das noch vier Wochen dauert, haben die Klempner irgendwann kein Material mehr.

Sind Sie traurig darüber, nun vorzeitig abzureisen?

Wir haben super viel erlebt, haben drei Monate hier gearbeitet, viele super nette Menschen kennengelernt, die uns auch super unterstützen. Wir haben das ganze Land gesehen, sind über einen Vulkan gewandert, haben Kiwis [eine Vogelart] in freier Wildbahn gesehen und haben an einem sechstägigen Mountainbike-Rennen teilgenommen. Es ist zwar super schade, dass wir jetzt wieder nach Hause müssen, aber wir verpassen ja jetzt – bis auf die Skisaison, wegen der wir bis August bleiben wollten – auch nicht mehr so viel.

Und wie geht es dann Zuhause weiter?

Wahrscheinlich begeben wir uns erst mal zwei Wochen in Quarantäne, weil wir uns ja auf dem Flug anstecken könnten, was ja relativ wahrscheinlich ist.

Info: Besuch aus Blintrop

Ebenfalls in Neuseeland und in der Unterkunft der Schawag-Brüder lebt derzeit Til Vollmer aus Neuenrade-Blintrop. Er ist die meiste Zeit mit Luca und Jarno gereist, allerdings mit eigenem Auto. Jarno und Til sind befreundet und haben im Jahr 2019 gemeinsam ihr Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Plettenberg abgelegt.

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