Solveig Zieke im Interview

Corona im MK: Kinder in die Kita schicken? Familienzentrums-Leiterin mit klarer Meinung

Kindergarten
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„Die Kinder sind in herzlich willkommen“, sagt Kita-Leiterin Solveig Zieke.

Sollte man seine Kinder in die Kita schicken? Viele Eltern sind bei dieser Frage zwiegespalten. Familienzentrums-Leiterin Solveig Zieke kennt die Gedanken vieler Betroffenen. Im Interview nimmt sie dazu Stellung.

Plettenberg - Der Druck ist in vielen Familien immens. Die Arbeit ruft entweder an den Arbeitsplatz oder an den Schreibtisch zuhause, Kinder wollen beim Distanzunterricht betreut werden und der Nachwuchs im Kindergartenalter wird aus Sorge vor Infektionen entweder gar nicht oder oft mit einem schlechten Gefühl in die Kindertagesstätte gebracht. Hinzu kommen gefühlt jede Woche neue Regeln und Maßnahmen, aber ein Ende der Pandemie-Lage ist weiterhin nicht in Sicht. Während ihrer Arbeit im Kindergarten merkt Solveig Zieke immer mehr, dass Eltern an ihre Grenzen stoßen.

StadtPlettenberg
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohner26.494 (30. Juni 2010)

Ist es verantwortlich, Kinder in die Kita zu schicken? Familienzentrums-Leiterin gibt eine klare Antwort

Über die Sorgen und Nöte der Mütter und Väter und über Lösungen sprach die Leiterin des Familienzentrums Oestertal im Interview mit Sebastian Schulz.

Frau Zieke, seit letzter Woche werden den Kindergarten-Eltern kostenlose Corona-Tests zur Verfügung gestellt. Bringt diese neue Maßnahme eher Erleichterung oder Verunsicherung bei den Eltern?

Sie bringt leider eine große Verunsicherung und hat für Unruhe gesorgt. Wir müssen da die Luft rausnehmen. Es ist wichtig zu vermitteln: Die Tests sind freiwillig, sie sind nur ein Angebot.

Warum sind viele Eltern dann trotzdem verunsichert?

Manche haben etwas rebellisch reagiert und gesagt, sie machen die Tests nicht, andere sitzen zwischen den Stühlen und würden die Tests gerne durchführen, haben aber die Sorge, dass sie ihrem Kind weh tun könnten. Und bei einigen Eltern gibt es die Befürchtung, dass es Nachteile für das Kind haben könnte, wenn sie es nicht testen.

Zu Recht?

Nein, es hat keine Nachteile, klare Sache, und das haben wir vom ersten Tag an deutlich gemacht. Die Kinder sind weiterhin herzlich willkommen und auch ungetestet immer noch die gleichen wie vorher.

Nun kommen die freiwilligen Tests in einer Phase, in denen es zu Regeln wie der Ausgangssperre oder dem Distanzunterricht für Schulkinder schier täglich neue Nachrichten gibt. Das belastet viele sicher zusätzlich, oder?

Ja, vielen fällt zuhause ohnehin schon die Decke auf den Kopf. Dass nun jeden Tag etwas Neues kommt und dass die Regeln verschärft werden, bringt zusätzliche Verunsicherung. Der psychische Druck für viele ist enorm. Auf der einen Seite wollen die Eltern ihren Arbeitgebern gerecht werden, auf der anderen haben sie Kinder, die zuhause betreut werden müssen.

Behalten viele Eltern ihre Kindergartenkinder zuhause, weil sie Sorgen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus haben?

Die Sorge wächst, gerade auch, weil man von weiter steigenden Zahlen liest. Wir haben drei Familien, deren Kinder schon seit drei, vier oder sogar fünf Wochen zuhause sind oder es gibt auch das Beispiel, dass Familien ihre Kinder zuhause behalten haben, weil ein Entbindungstermin bevorstand und die Eltern verhindern wollten, dass die Familie in dieser Zeit in Quarantäne muss und zum Beispiel der Vater im Kreißsaal nicht dabei sein kann.

Haben sich in diesem Zusammenhang aus Ihrer Sicht die zusätzlichen Corona-Kinderkrankentage für die Eltern ausgezahlt? Und reichen diese zusätzlichen Tage?

Es gibt viele Eltern, aber auch Erzieher-Kollegen, die das in Anspruch nehmen mussten. Einige haben also schon viele Tage verbraucht. Die Hoffnung ist, dass es mit Corona hoffentlich nicht mehr so lange dauert, dass man irgendwie mit Urlaubs- und Krankentagen hinkommt. Was sollen sie auch anderes machen?

Die längerfristigen Abstinenzen von Kindern Ihrer Einrichtung klang gerade eher nach vereinzelten Fällen. Wie verhält sich denn der Großteil der Familien Ihrer Einrichtung bei der Frage „Bringen oder zuhauselassen“?

Wir haben normalerweise 75 Kitaplätze, im Schnitt sind etwa 45 bis 50 Kinder da. Öfters sind Kinder auch einfach krank oder haben erste Krankheitssymptome, wegen derer sie zuhause bleiben. Aber grundsätzlich ist es schon so, dass uns viele Eltern in Gesprächen signalisieren, dass sie sich zwar nicht gut dabei fühlen, ihre Kinder wegen der Ansteckungsgefahr ins Familienzentrum zu bringen, dass es aber einfach nicht anders geht.

Sind diese Sorgen vor einer Ansteckung berechtigt?

Auch wenn unsere Hygienekonzepte greifen und wir uns regelmäßig testen, kann ich den Eltern die Sorgen vor einer Ansteckung nicht nehmen. Eine Sorge, die ich ihnen aber nehmen kann, ist die, dass es unverantwortlich sei, wenn sie ihre Kinder zu uns bringen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Kinder sind hier willkommen. Wir haben die Öffnungszeiten auch trotz der geringeren Buchungszeiten so gelassen, wie sie sind. Die Eltern haben aus unserer Sicht schon genug Stress, da sollen sie nicht auch noch die Sorge haben, dass sie ihr Kind zum Beispiel bis 16 Uhr aus der Kita abgeholt haben müssen.

Andere Einrichtungen haben die Öffnungszeiten verkürzt. Wird die späte Nachmittagsbetreuung bei Ihnen denn stark genutzt?

Es ist schon so, dass die meisten ihre Kinder früher abholen, weil ihnen ja zehn Betreuungsstunden weniger zur Verfügung stehen. Aber selbst wenn es nur zwei Familien sind, die nach 16 Uhr kommen, hat es sich gelohnt.

Wie viele Coronafälle gab es bei Ihnen in der Einrichtung?

Insgesamt waren es vier, Ende August, Mitte September, Anfang Dezember und Anfang Januar. Drei Mal mussten eine Gruppe und einmal zwei Gruppen in Quarantäne. Es ist aber immer bei nur einem infizierten Fall geblieben, es gab bis jetzt zum Glück nie weitere Ansteckungen. Unglücklicherweise war aber in allen vier Fällen ein und dieselbe Gruppe betroffen. Da haben einige Eltern aufgrund der Quarantäne von ihren Arbeitgebern ganz schön Druck bekommen. Dadurch bilden sich natürlich auch Existenzängste.

Wenn Anfang Januar der letzte Corona-Fall in Ihrer Einrichtung aufgetreten ist, sind Sie ja seit der Ausbreitung der britischen Mutation bisher gut durchgekommen.

Ja, aber wir bekommen im Umfeld schon mit, dass Corona da ist. Familien oder auch Kollegen befanden sich schon öfters in Quarantäne, weil sie Kontaktpersonen waren.

Wie nehmen Sie denn zurzeit die Kinder wahr – inwiefern belastet sie die ganze Situation?

Die Kinder sind alle froh, freudig und dankbar, wenn sie hier im Kindergarten die anderen Kinder treffen. Bei unseren Abschlusskreisen wird im Gespräch mit den Kindern schon deutlich, was sie beschäftigt – zum Beispiel die Tests, von denen der eine sagt, er habe geweint, weil es ihm weh tat und der andere wiederum stolz berichtet, dass er ihn gemacht hat; oder von der Oma, die nicht mehr besucht werden darf. Die Kinder kriegen schon mit, was da läuft und es ist auch für sie eine sehr belastende Situation, weil sie das soziale Umfeld nicht haben, sich nicht mit Freunden treffen können und die Sorgen der Eltern wahrnehmen.

Also lautet Ihr Rat, die Kinder wieder in den Kindergarten zu schicken?!

Aus pädagogischer Sicht würde ich es begrüßen, wenn die Kinder wieder kommen. Hier können sie sorgenfrei spielen und bekommen den Druck zuhause nicht mit. Es ist etwas anderes, ob sie mit Gleichaltrigen in Kontakt treten können oder nicht. Auch wenn sich die Eltern zuhause noch so sehr bemühen, ihren Kindern gerecht zu werden – ohne den Kontakt mit Gleichaltrigen fehlt einfach etwas. In Hinblick auf die momentane Infektionslage steht aber trotzdem die Ansteckungsminimierung im Vordergrund, daher: Wer zu Hause betreuen möchte, soll dies auch tun.

Und was empfehlen Sie den Eltern, um selbst mit den Sorgen und Ängsten fertig zu werden?

Immer auf Augenhöhe im Gespräch bleiben, ganz viel miteinander reden. Weil beim Abholen der Kinder ja keine langen Gespräche mehr möglich sind, telefonieren wir viel mit den Eltern oder führen mit ihnen Gespräche draußen auf dem Fahrradweg. Wichtig ist es, zu signalisieren, dass es nirgendwo eine Schuld-Frage gibt.

Also am besten mal das ganze Herz ausschütten?

Nicht nur das Herz ausschütten, sondern auch das An-die-Hand-nehmen ist wichtig, zum Beispiel bei Flüchtlingseltern, die viel mit Ämtern über das Telefon regeln müssen, obwohl ihre Deutschkenntnisse dafür noch nicht gut genug sind. Wir haben hier türkisch-, italienisch- und griechisch-sprachige Kollegen und versuchen immer, den Weg für die Eltern ein bisschen gerader zu machen.

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