Gerhard Noske aus Plettenberg gibt Antworten

Was ein 88-Jähriger über die Corona-Impfungen und die Verschiebung des Impfstarts denkt

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Gerhard Noske, 88, hofft, dass die Impfungen dabei helfen, die Corona-Pandemie zu überstehen.

Das Thema der Stunde sind die Corona-Impfungen. Ganz Deutschland blickt mit auf die Maßnahmen, die in den nächsten Wochen anlaufen sollen. Wie fühlen sich die, die davon betroffen sind? Ein Interview.

Plettenberg - Einer, der mit zur ersten Gruppe gehört, die im Impfzentrum die Impfung bekommen sollen, ist Gerhard Noske. Der Plettenberger ist 88 Jahre alt und lebt in einer Wohnung an der Ernst-Moritz-Arndt-Straße. Wie er auf die Pandemie blickt, was er zur Verzögerung des Impfstarts sagt und was er sich von den Impfungen verspricht, darüber sprach Sebastian Schulz mit ihm im Interview.

Herr Noske, wir stecken noch immer mitten in einer Pandemie mit all ihren Gefahren und Auswirkungen aufs öffentliche Leben. Wie geht es Ihnen derzeit?

Mir geht es gut. Grundsätzlich kann ich mit den Einschränkungen durch Corona ganz normal weiterleben, auch wenn ich natürlich in doppelter Hinsicht ein Risikopatient bin. Ich bin 88 Jahre alt und habe eine Herzschwäche und Kreislaufschwierigkeiten – was man sich eben so im Leben angesammelt hat. Ansonsten fühle ich mich aber noch nicht so uralt, wie es mein Alter vermuten lässt.

Manche sagen: Der Krieg war die letzte schlimme Zeit, die mit dieser vergleichbar sei. Sie haben den Zweiten Weltkrieg selber als Kind miterlebt. Wie sehen Sie diese Vergleiche?

Man muss dazu erst mal sagen: Als junger Mensch blickt man ganz anders auf die Geschehnisse, allein schon deshalb, weil die Eltern dabei sind. Und als junger Mensch hat man gar nicht mitbekommen, wie schlimm damals die Wirklichkeit war. Es kommt immer darauf an, wo man die Kriegszeit erlebt hat: Die Städter waren viel schlimmer dran als die, die auf dem Land lebten. Die, die auf der Flucht waren, sind noch anders gestellt und die Soldaten an der Front waren noch eine andere Nummer. Das ist so vielschichtig, dass man nicht allgemein etwas sagen kann, das für alle Gruppen richtig ist.

Wie nehmen Sie nun die Corona-Pandemie wahr?

Wenn man die täglichen Zahlen hört und sieht, ist das beängstigend. Man war ja anfangs überrascht davon, wusste nicht mit den Dingen umzugehen. Aber dass das so ausartet, haben sicher die Wenigsten gedacht.

Fehlen Ihnen die sozialen Kontakte?

Ja, sehr. Wenn man sich hier im Haus begegnet, dann schleicht man sich mehr oder weniger aneinander vorbei. Jeder lebt hier zurückgezogen aus Rücksicht auf den anderen – und das auf dieser Etage, die eine Glanzetage ist, was die Nachbarschaft betrifft. Aber es nützt ja nichts. Sich zu verschließen und zu sagen, Corona gibt es nicht, ist Quatsch. Man muss die Sachen ernst nehmen.

Was ist denn eine Glanzetage?

Wir haben hier die Devise: Es guckt niemand in den Topf des anderen, aber man ist immer füreinander da. Das bedeutet: Jeder kann und sollte für sich leben, aber jeder weiß auch, wenn er krank oder in Not ist, sind die anderen für ihn da.

Nun sollen die Impfungen den Weg aus der Pandemie ebnen.

Ja, aber keiner weiß, ob die Impfungen das bringen, was man sich von ihnen erhofft. Als Laie kann ich mich da überhaupt nicht hineinversetzen und vielleicht ist das manchmal auch ganz gut, dass man das nicht kann. Trotzdem sollte man sich den Impfungen nicht entziehen.

Heißt das, dass Sie sich impfen lassen werden?

Auf jeden Fall. Ich warte jetzt auf den Brief, um mir einen Termin geben zu lassen.

Der Impfstart wurde in dieser Woche überraschend verschoben. Wie nehmen Sie diese Turbulenzen rund um die Impfungen wahr?

Es wäre sinnvoller gewesen, wenn die Verantwortlichen das alles besser durchorganisiert hätten. Klar kann man nicht alles vorhersehen, aber da scheint mir doch Einiges schief gelaufen zu sein. Aber ein hohes Lebensalter bringt auch viel Erfahrung mit sich. Deshalb nehme ich das gelassen hin. Warum? Weil ich es eh nicht ändern kann.

Sie sind nach den Bewohnern der Seniorenzentren, die vor Ort geimpft worden sind, nun die erste Gruppe, die in den Impfzentren geimpft werden soll. Fühlt man sich da ein bisschen wie ein Versuchskaninchen?

Vielleicht ist das ein bisschen im Hinterkopf. Der Gedanke drängt sich schon ein bisschen auf, ist aber nicht dominant.

Sie sollen per Telefon oder übers Internet einen Termin vereinbaren. Meinen Sie, dass das unkompliziert klappen wird?

Also in Sachen Computer bin ich ein absoluter Tiefflieger und eher auf einem mittelalterlichen Stand. Deshalb mache ich die Terminvereinbarung über das Telefon, befürchte aber nach den Berichten meiner Tochter aus Hessen, die das schon hinter sich haben, dass die Anmeldung für einen Termin sehr zeitaufwändig wird. In Hessen soll das nicht besonders gut organisiert gewesen sein und man war ständig am Telefon, um überhaupt durchzukommen. Diese Befürchtung habe ich für hier auch.

Wie organisieren Sie die Anreise zum Impfzentrum nach Lüdenscheid?

Das weiß ich auch noch nicht. Ich fahre zwar noch Auto, würde diesen Weg aber nicht selber fahren, weil ich nicht weiß, wie die Nebenwirkungen nach der Impfung sind. Deshalb wäre es mir schon lieb, mit jemandem zu fahren, der sich auskennt.

Verbinden Sie mit der Impfung die Hoffnung, dass die Pandemie damit bald ein Ende hat?

Ja, diese Hoffnung habe ich. Man sollte auch versuchen, jetzt jedem diese Hoffnung zu vermitteln. Keiner weiß es genau, aber wenn jetzt alle sagen würden, dass sie es bleiben lassen, dann wäre das fatal.

Und was würden Sie als Erstes machen, wenn die Corona-Pandemie wieder vorbei ist?

Wenn ich dann noch kann, würde ich gerne alles so machen, wie es vorher war, zum Beispiel wieder im Chor singen oder Nachbarschaftsfeste organisieren. Damit habe ich mich wohlgefühlt, sonst hätte ich es ja nicht gemacht.

Alle Informationen zur Terminvergabe und zum weiteren Ablauf der Impfungen für die Über-80-Jährigen finden Sie hier

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