Mehrere Infektionen in Altenzentrum St. Josef

Seniorenheim-Bewohner trotz Impfung an Corona verstorben – Fall wird untersucht, RKI involviert

Das Altenzentrum St. Josef steht unter Schock: Ein 85-jähriger Bewohner ist trotz Impfung im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben. Mitarbeiter und Bewohner sind zutiefst verunsichert.

Update vom 23. April, 9 Uhr: Der Schock sitzt nach wie vor tief. Ein 85-jähriger Bewohner des Altenzentrums St. Josef in Plettenberg ist trotz vollständigen Impfschutzes nach einer Corona-Erkrankung verstorben. Über allem steht die Frage, ob nun die Schutzimpfungen, die vor einem schweren Verlauf schützen sollen, infrage gestellt werden müssen.

StadtPlettenberg
LandkreisMärkischer Kreis
Fläche96,29 km²
Einwohner25.237 (31. Dez. 2019)

Corona: Tod trotz Impfung in Altenzentrum in Plettenberg: RKI hält Statistiken vor

Die Verantwortlichen des Plettenberger Radprax-Krankenhauses geben Antworten auf diese Frage. Radprax-Geschäftsführerin Maike Steffens spricht von einem „Einzelfall, der ganz schrecklich ist“ und beruft sich auf die nüchternen Zahlen, die angeben, dass es auch nach der doppelten Impfung keinen hundertprozentigen Schutz gebe. „Der ein oder andere fällt da eben leider durchs Raster“, erklärt sie.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hält dazu passende Statistiken vor. Die Experten sprechen in ihrer aktuellsten Bewertung über den Impfstoff von Biontech, den die St.-Josef-Bewohner bekommen hatten, von einer um 95 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit, an Corona zu erkranken. Entsprechend schockiert waren angesichts dieser Zahlen die Verantwortlichen im Altenzentrum St. Josef, in dem sich trotz der Hygiene- und Schutzmaßnahmen in den letzten Tagen drei Bewohner und ein Mitarbeiter mit jeweils vollständigem Impfschutz infiziert haben. Hinzu kamen zwei weitere, noch nicht geimpfte Bewohner, die nachweislich an Covid-19 erkrankt sind.

Zwei der Betroffenen mussten wegen ihrer Corona-Erkrankung ins Plettenberger Krankenhaus gebracht werden. Es handelt sich dabei um eine Patientin, die derzeit auf der Isolierstation behandelt wird, sowie um den jetzt verstorbenen 85-Jährigen. Ob die Todesursache bei ihm einzig und allein auf Corona zurückzuführen ist, dazu wollten sich die Krankenhaus-Verantwortlichen nicht äußern. Wohl aber sagte der Ärztliche Direktor Dr. Andrzej Ploch: „Er hatte Begleiterkrankungen.“

Der Schock im Altenzentrum St. Josef sitzt tief: Obwohl der 85-jährige Bewohner der Einrichtung bereits auch die zweite Dosis des Impfstoffs von Biontech/Pfizer erhalten hatte, verstarb er in der Nacht zu Mittwoch an Corona.

Tod trotz Impfung: Gesundheitsamt MK und RKI untersuchen Fall aus Plettenberg

Für das Team im Krankenhaus kommt der Fall ebenso überraschend wie für das Gesundheitsamt, dessen Leiter Volker Schmidt angekündigt hat, den Fall zu prüfen. Er sagte im Interview mit unserer Zeitung: „Hier gab es eine sehr selten auftretende schwere Symptomatik mit klinischem Verlauf. Deshalb werden wir da noch einmal sehr genau hinschauen. Wir stehen mit dem Robert-Koch-Institut in Kontakt, für das ein solcher Fall auch von Interesse ist.“

Nach Auskunft von Dr. Andrzej Ploch sind die beiden Patienten aus dem Altenzentrum St. Josef die Ersten, die mit einem vollständigen Impfschutz im Krankenhaus Plettenberg behandelt werden müssen bzw. mussten – auch das unterstütze die eingangs formulierte Annahme von Einzelfällen.

Innerhalb der Krankenhaus-Belegschaft zum Beispiel habe es seit sechs Wochen keinen einzigen Corona-Fall mehr gegeben. Der Grund sind laut Dr. Andrzej Ploch die Impfungen der Mitarbeiter, die für alle – auch für die Patienten – ein deutlich gesteigertes Sicherheitsgefühl gebracht haben. Radprax-Geschäftsführerin Maike Steffens erklärt vor diesem Hintergrund noch einmal, wie wichtig die Impfungen sind: „Wir können die Impfung nur jedem empfehlen.“

Es ist ein Einzelfall, der ganz schrecklich ist.

Maike Steffens, Radprax-Geschäftsführerin

Denn, und das betonen die Krankenhaus-Verantwortlichen ebenso wie das Robert-Koch-Institut, die Impfung schütze mit sehr hoher Sicherheit vor eine Ansteckung und vor schweren Verläufen – eben nur nicht zu 100 Prozent. Deshalb sagt Dr. Ploch auch: „Wir werden von solchen Fällen wie jetzt in Plettenberg leider in der ganzen Welt hören.“ Volker Schmidt vom Gesundheitsamt pflichtet bei: „Eine Covid-Schutzimpfung ist keine Vollkaskoversicherung.“

Tod nach Impfung: In St. Josef Plettenberg herrscht „absolute Fassungslosigkeit“

[Erstmeldung]: Plettenberg - „Es herrscht absolute Betroffenheit und Fassungslosigkeit“, sagt Heimleiterin Heike Biedermann und spricht damit auch für Mitarbeiter, Bewohner und deren Angehörige.

„Fassungslos“ – dieses Wort fällt im Laufe des Gesprächs immer wieder, denn niemand hat eine Erklärung dafür, wie es dazu kommen konnte, trotz Hygienemaßnahmen und Impfungen. „Ich bin selbst bei den Impfungen dabei gewesen“, sagt Biedermann. Diese bot offenbar nicht soviel Schutz, wie man sich davon versprochen hatte. „Wir wiegen uns nicht mehr in Sicherheit“, fasst die Heimleitung das Gefühl der Verunsicherung zusammen.

Mit Biontech geimpft

Der 85-Jährige, der in der Nacht zu Mittwoch verstorben ist, hatte wie die meisten Bewohner des Altenzentrums zwei Dosen des Biontech/Pfizer-Wirkstoffs erhalten und trotzdem reichte der Schutz nicht aus. Ein routinemäßiger Schnelltest fiel positiv aus, ein darauffolgender PCR-Test ebenso. Bei einem zweifach geimpften Mitarbeiter lieferten Schnell- und PCR-Tests ebenfalls das Ergebnis „corona-positiv“.

Es blieben nicht die einzigen Fälle. Bei vier weiteren Bewohnern wurde eine Corona-Infektion durch einen PCR-Test definitiv bestätigt, so Biedermann. Auch zwei dieser Infizierten hatten beide Biontech-Impfdosen erhalten. Bei einer zweifach geimpften Bewohnerin steht das Ergebnis des PCR-Tests noch aus, nachdem der Schnelltest positiv ausgefallen war.

Dass ich es nun bei uns erlebe, bei zweifach Geimpften – und dann noch mit Biontech – da fehlen mir die Worte.

Heike Biedermann, Leiterin Altenzentrum St. Josef

Bei einer – bereits geimpften und nun erneut infizierten – Bewohnerin hatte sich coronabedingt die Sauerstoffsättigung verschlechtert, weswegen sie ins Plettenberger Krankenhaus eingeliefert wurde. Eine weitere Infizierte – diese ist noch nicht geimpft – befindet sich derzeit im Lüdenscheider Krankenhaus, allerdings nicht wegen Corona. Die übrigen Infizierten, die sich weiterhin im Altenzentrum befinden, sind in ihren Zimmern isoliert und im Moment symptomfrei, so Biedermann.

Der Schock durch die neuen Coronafälle sitzt tief. Zwar habe sie auch von erneuten Corona-Ausbrüchen in durchgeimpften Altenheimen etwa in Remscheid gelesen, so Heike Biedermann. Sie habe aber gedacht, es handle sich dort vielleicht um neu aufgenommene und noch nicht geimpfte Bewohner. „Dass ich es nun bei uns erlebe, bei zweifach Geimpften – und dann noch mit Biontech – da fehlen mir die Worte.“

Besuch nur mit Termin

Die neuen Coronafälle haben im Altenzentrum St. Josef Konsequenzen. Der gesamte Wohnbereich I befindet sich nun in Quarantäne, außerdem sieben einzelne Bewohner, die mit Infizierten zusammen an einer Tischgruppe saßen, und Mitarbeiter, die mit diesen in Kontakt waren. Die routinemäßigen Schnelltests werden ebenfalls ausgeweitet. Bislang wurde an jedem zweiten Tag und je nach Symptomatik ein Schnelltest gemacht. „Wir testen jetzt wieder alle komplett durch“, sagt Biedermann.

Besuche sind nur noch mit Termin möglich. Man versuche alle Angehörigen zu erreichen und darüber zu informieren. Diese äußerten Verständnis, aber vor allem werde es am anderen Ende der Leitung erst einmal still, wenn sie von den neuen Coronafällen im St. Josef berichte, sagt Heike Biedermann.

Die neuen Infektionen und vor allem der Todesfall lasten schwer auf allen im Altenzentrum. „Wir haben nun durch Corona schon drei Bewohner verloren, jeder davon ist einer zuviel“, sagt die Heimleitung. Man bewerte nun alles neu, was man bisher getan habe.

Ratlosigkeit

Vor allem herrscht große Ratlosigkeit, wie es überhaupt zu den Infektionen kommen konnte, was man noch hätte tun können, um das zu verhindern. Denn die Hygienemaßnahmen und die Maskenpflicht wurden nie zurückgefahren, sagt Heike Biedermann und betont: „Man kann niemandem einen Vorwurf machen.“

Die Enttäuschung und Fassungslosigkeit sind dennoch gewaltig bei den Mitarbeitern, die alles getan hätten, um die Bewohner zu schützen. „Da hängen die Köpfe jetzt nieder“, sagt Biedermann. „Ich will nicht sagen, wir sind wieder auf dem Stand wie vor einem Jahr, aber es fühlt sich fast so an.“

Mehr Freiheiten

Wie sich die Bewohner und Mitarbeiter infiziert haben könnten, ist unklar, schließlich gebe es dazu „zig Wege“, so Biedermann. Denn nach den Impfungen, die Schutz bieten sollten, hätten sich die Bewohner auch so verhalten. „Leute, die geimpft waren, haben sich mehr im Freien aufgehalten, aber es war ja auch gewünscht, dass die Impfungen den Älteren wieder mehr Freiheiten bringen.“

So wurden Termine beim Friseur oder Hausarzt wahrgenommen oder Spaziergänge an der Lenne gemacht. Genauso könnten Neuaufnahmen das Virus erneut in die Einrichtung gebracht haben. Zwei Bewohner mit positiven PCR-Tests, ein Ehepaar, sei aus dem Krankenhaus in Hemer aufgenommen worden, sagt Biedermann, aber Gewissheit über den Weg der Infektionen ins Altenzentrum St. Josef gibt es nicht. „Wir versuchen diese Dinge zu ergründen, es gelingt uns aber nicht.“

Rubriklistenbild: © Dickopf/come-on.de

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