Vor Corona-Gipfel

Lockern oder Lockdown? Stimmen aus Plettenberg

Corona Lockdown Plettenberg
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Noch müssen die Geschäfte wie hier der Telekom-Shop in Plettenberg wegen des Corona-Lockdowns geschlossen bleiben. Die Frage ist: Wie lange noch?

Lockerungen oder Lockdown ist die Frage, die es beim Corona-Gipfel in Berlin zu beantworten gilt. Wie sind die Erwartungen und Meinungen vor Ort? Eine Rundfrage.

Plettenberg - Einer, der große Hoffnungen mit dem Corona-Gipfel verbindet, ist Philip Fries. In seinem Modehaus Otto hängt bereits die Frühjahrskollektion, aber aufgrund der Corona-Bestimmungen sind derzeit nur Bestellungen und Abholungen möglich, während das klassische Bummeln durch das Geschäft seit drei Monaten verboten ist. „Es muss sich jetzt etwas tun“, sagt Philip Fries. Seine Hoffnung ist, dass beschlossen wird, dass Geschäfte wie seines schon am nächsten Montag, 8. März, spätestens aber am 15. März wieder öffnen dürfen. „Auch wenn die Fallzahlen etwas anderes sagen, glaube ich schon, dass wir jetzt mit einer Öffnung an der Reihe sind“, sagt Fries, der als Kompromiss auch noch in Kauf nehmen würde, wenn Kunden vorübergehend nur mit Termin kommen dürften.

Deutlich anders ist die Erwartungshaltung bei Daniel Ochtendung. „Ich verspreche mir nicht viel von dem Corona-Gipfel“, sagt der Mann, der vor der Pandemie sein Geld vor allem mit Eventcatering und Partyservice verdient hat. Für beide Tätigkeitsfelder sieht Ochtendung wenig Aussichten auf Besserung. Auch wenn sein Hamburger-Verkauf am Imbisswagen an der Herscheider Straße weiterhin gut laufe, werde es für ihn ein „Durchkämpfen“ bleiben. Die einzige Hoffnung, die er in den aktuellen Corona-Gipfel setzt, sind die Aussichten auf finanzielle Hilfen und – für seine Kinder und die seiner Lebensgefährtin – auf Lockerungen in Schulen.

Ebenso wie Ochtendung lebt auch der Plettenberger Veranstaltungstechniker und DJ Pierre Baltins von Veranstaltungen. Und ähnlich wie sein Vorredner glaubt auch er nicht an Lockerungen für seinen Bereich. „Auch wenn ich damit mein Geld verdiene, sagt der Menschenverstand, dass die Gesundheit vor geht“, sagt Baltins. Dass nun Lockerungen für größere, öffentliche Veranstaltungen beschlossen werden, hält er für nahezu ausgeschlossen. Wenn überhaupt könnten seiner Ansicht nach kleinere Veranstaltungen, zum Beispiel Hochzeiten mit 50, 60, 70 Leuten bald wieder durchführbar sein.

Wie aber soll es in den nächsten Wochen mit Schulen, Kitas, Restaurants und Geschäften weitergehen? Giesela Werda, die stellvertretende Vorsitzende der Seniorenvertretung Plettenberg, hält Schullockerungen durchaus für sinnvoll und sieht eine Öffnung der Geschäfte und Restaurants skeptisch. „Man vergisst sich sehr schnell“, sagt die 72-Jährige und meint damit zum Beispiel die Abstandsregeln, die bei Begegnungen im öffentlichen Leben gerne schon mal über Bord geworfen werden. „Ich bin dafür, die Sache langsam anzugehen, nicht zu übertreiben und den Lockdown noch etwas beizubehalten. Es bringt ja nichts, wenn wir an Ostern wieder da stehen und von vorne anfangen müssen.“

Ähnlich sieht das Bürgermeister Ulrich Schulte. „Ich kann verstehen, dass die Bevölkerung auf dem Zahnfleisch geht, aber für Lockerungen sind wir nicht genug vorbereitet“, sagt er. Apps oder Schnelltests könnten da aus seiner Sicht deutlich mehr Sicherheit bringen. Jetzt unkontrollierte Lockerungen zu beschließen, nur weil sie von Händlern und Bürgern gefordert werden, seien der falsche Weg. „Dann wird es ein totes Rennen geben“, sagt Schulte.

Und auch der Mediziner Martin Boncek stößt in dieses Horn. „Die Zahlen – gerade hier im Märkischen Kreis – sprechen nicht gerade für rasche Lockerungen“, sagt er. Das Impfgeschehen müsse weiter in Gang gebracht werden, anstatt über unkontrollierte Lockerungen nachzudenken, sagt er – wohlwissend, dass viele mit dem Lockdown zu kämpfen haben. In seiner Praxis für psychosomatische Medizin und Psychotherapie erlebt er Menschen, die an Einsamkeit leiden oder Selbstständige, die um ihre Existenz bangen. Hier die richtige Balance bei den Entscheidungen für das weitere Vorgehen mit der Pandemie zu finden, sei nicht leicht. „Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung, wie es weitergehen soll, nicht treffen muss“, sagt Boncek.

Thorsten Spiegel muss diese Entscheidung auch nicht treffen, er ist aber derjenige, der in seiner Funktion als Ordnungsamtsleiter dafür sorgen muss, dass sich alle an die Regeln halten. Er plädiert für ein „behutsames Vortasten“ zu Lockerungen, denn angesichts der ansteckenderen britischen Mutation „liefern unvorsichtige Lockerungen weiteren Sprengstoff für erneut explosionsartig ansteigende Virusübertragungen“. Denkbar seien daher aus seiner Sicht Termin-Konzepte, sprich Kunden können zu einer vereinbarten Zeit in ein Geschäft kommen. „Die ‘große’ Politik kann ansonsten auch nur schwer erklären, warum man zwar zum Friseur, nicht aber in den Schuhladen darf“, sagt Spiegel, der noch einmal darauf hinweist, dass „wir alle uns Spielräume für Lockerungen konsequent erarbeiten müssen“, indem die Regeln eingehalten werden.

Derzeit beobachte das Ordnungsamt teilweise noch zuviel Ignoranz: Ansammlungen vor allem von Jugendlichen, das Nichttragen schützender Masken selbst bei Gesprächen mit zu geringem Abstand auf Park- und Spielplätzen oder vereinzelte Dienstleister, auch aus dem medizinischen Bereich, die ohne Maske behandeln oder Teilnehmer in zu kleine Räume einpferchen. „Wir können dann zwar zusammen mit der Polizei empfindliche Bußgelder verhängen, kommen damit allein aber kaum ‘vor die Lage’. Bis zum Erreichen hoher Impfquoten ist solidarische Achtsamkeit zwingend erforderlich“, mahnt Spiegel.

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