Vermummungsverbot hinterm Steuer ist eingeschränkt

Blitzer im MK: Die ungewollten Folgen der Maskenpflicht

Bei der Auswertung der Blitzsäule werden die Mitarbeiter der Bußgeldstelle nicht selten beschimpft.
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Bei der Auswertung der Blitzsäule am Ortsausgang von Plettenberg-Ohle werden die Mitarbeiter der Bußgeldstelle nicht selten beschimpft.

„Wenn man die Zahlen aller Anlagen im Kreisgebiet auswertetet, dann liegt die Messanlage in Plettenberg ganz vorne. Und danach kommt lange, lange nichts“, sagte Gudrun Hornemann, Leiterin der Bußgeldstelle des Märkischen Kreises, wenn sie über die Blitzsäule an der B 236 zwischen Plettenberg und Werdohl spricht. Corona macht die Identifizierung der Raser in einigen Fällen schwieriger.

Plettenberg – Fast 10.000 Verwarngelder und Bußgeldbescheide gehen allein auf das Konto dieser Anlage. Von der Einnahmenseite her lohnte sich die Blitzsäule, die schon einmal besprüht wurde, ebenfalls. Theoretisch generierte die Anlage Einnahmen in Höhe von 426 780 Euro.

„Tatsächlich werden es aber nur gut 300.000 Euro gewesen sein“, sagt Gudrun Hornemann, denn fast 1200 Fotos waren im letzten Jahr nicht zu verwerten. Und so bekommen nur acht von zehn aller geblitzten Fahrer auch Post – elf Prozent der Fotos waren im Corona-Jahr ungültig. Mal ist ein Einsatzfahrzeug von Polizei oder Rettungsdienst auf dem Bild zu sehen, mal ein Motorradfahrer, der üblicherweise vorne kein Kennzeichen hat - mal trägt der Fahrer Maske. Dass unter den Verkehrssündern regelmäßig viele Gäste des Freizeitbades Aquamagis sind, konnte Hornemann aus Gründen des Datenschutzes zwar nicht direkt bestätigen.

Aquamagis-Besucher werden oft geblitzt

„Es rufen hier aber häufig Leute an, die sich beschweren, nach dem Besuch des Freizeitbades abkassiert worden zu sein“, sagt Hornemann. Doch das sei nicht der Fall, denn die Blitzsäule habe ihren Grund, wie auch Kreis-Sprecher Hendrik Klein betont: „Wir machen das nicht, weil dort die Autofahrer abgezockt werden sollen, sondern weil es in der Vergangenheit immer wieder zu Unfällen auf genau diesem Streckenabschnitt gekommen ist.“ Und in der Tat gab es vor der Installation der Anlage häufig Unfälle im Bereich rund um den dahinter befindlichen Bahnübergang, den die Züge bei sich schließender Bahnschranke mitunter schon nach einer knappen Minute passieren. Damit hat die Blitzsäule, an der jeden Tag im Schnitt 26 Fahrer geblitzt werden und die man nach einem Aquamagis-Besuch und chlorgeschwängerten Augen in der Dämmerung schnell mal übersieht, eine Doppelfunktion. Sie reduzierte die Unfallzahl auf Null und füllt zugleich die Kreiskasse.

„An anderen Anlagen sind es am ganzen Wochenende manchmal nur fünf Verstöße“, sagte Hornemann. Die weiteren Plätze auf dem Blitzer-Treppchen gehen nach ihren Angaben mit deutlichem Abstand an die Blitzsäule vor der Autobahnauffahrt Lüdenscheid Nord und den Blitzer vor Schalksmühle. Doch nicht alle Pferde im Stall der Bußgeldkasse haben sich eine Platzierungsschleife verdient. „Von den 30 stationären Radaranlagen im Kreis sind derzeit nur 15 in Betrieb“, erklärte Gudrun Hormenann auf Anfrage. Doch welche funktionieren und welche nicht – das wollte sie dann doch nicht mitteilen. „Die defekten Anlagen erfüllen auch so ihre Funktion, denn die Autofahrer fahren an den Stellen deutlich langsamer,“ so Hornemann.

Treffer-Chance wie bei Schlümpfen im Ü-Ei

An Werktagen stehen für die 15 intakten Starenkästen zwei Kameras zur Verfügung. Zusätzlich sind drei mobile Messwagen im Kreisgebiet im Einsatz. Am Wochenende werden die Kameras aus den mobilen Fahrzeugen in den stationären Anlagen eingesetzt. Damit sei dann in jeder sechsten der 30 Anlagen eine Kamera installiert. Man hat also in etwa eine so große Chance, auf einen intakten Blitzer zu treffen wie bei den Schlümpfen im Überraschungsei.

Gudrun Hornemann, Leiterin der Bußgeldstelle (li.) mit dem nun zerstörten Enforcement-Trailer.

Anschlag auf Blitz-Trailer

Technisch aufgerüstet habe der Kreis im Bereich der mobilen Messanhänger, die sich Enforcement-Trailer nennen. Nachdem der erste Anhänger dieser Art zunächst nur geleast wurde, erwarb die Kreisverwaltung schließlich für knapp 170 000 Euro ein eigenes Modell, dem in diesem Jahr ein weiteres Modell folgen sollte. Doch nach der mutwilligen Zerstörung des zuletzt in Kierspe aufgestellten Trailers wird es nun erst einmal um eine Ersatzbeschaffung gehen. „Die Kameratechnik ist gegen Vandalismus-Schäden versichert, der Trailer selbst aber nicht“, sagt Gudrun Hornemann, die einen Gutachter eingeschaltet hat. In Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei werde nach dem Täter gefahndet.

„Nach den ersten Erkenntnissen wurde der Anhänger in der Nacht vom 10. auf den 11. Januar in Kierspe durch eine chemische Reaktion zerstört“, sagt die Leiterin der Bußgeldstelle. Dabei entstanden sehr hohe Temperaturen – eindeutig zu viel für den an sich robusten Metalltrailer, in den dadurch ein Loch gebrannt wurde. Das flüssige Metall zerstörte anschließend Teile der Kameratechnik. „Das sieht nach einem Totalschaden aus“, sagt Hornemann, die glaubt, dass der Verursacher sehr genau wusste, was er tut. Zumal der Anhänger in einem bebauten Gebiet in Kierspe stand. Falls der Täter zuvor vom Anhänger geblitzt wurde, blieb sein Anschlag ohne Wirkung. „Der Chip blieb unversehrt, somit konnten wir alle Daten bis zur Beschädigung des Enforcement-Trailers auswerten“, sagte Hornemann, die selbst nicht ausschließt, dass der Täter auf einem der Bilder zu sehen ist und sich deshalb auch mit der Kripo abstimmt.

In Kierspe wurde der Enforcement Trailer durch den Einsatz eines chemischen Mittels zerstört.

Bußgelder bringen drei Millionen Euro

Was die Ersatzbeschaffung angeht, sei Geduld gefragt, denn in Frankreich, wo der Enforcement-Trailer produziert wird, gebe es coronabedingt große Lieferverzögerungen. „Ich rechne mit einem Ersatz erst im späten Frühjahr. Deshalb werden wir so lange einen Trailer leasen“, sagt Hornemann. Alles in allem nimmt die Bußgeldstelle im Jahr rund drei Millionen Euro ein. „Darin enthalten sind aber auch die Bußgelder, die die Polizei für Alkoholfahrten, Telefonieren am Steuer oder andere Delikte kassiert“, erklärte Hornemann. Und auch wenn ein Schrott-Lkw von der Polizei angehalten werde, lande das Geld in der Kreiskasse. Nur bei Verstößen gegen die Lenkzeiten komme das Bundesamt für Güterverkehr ins Spiel.

Die Verwarngelder, die die Polizei erhebt, landen dagegen in der Landeskasse und damit in einem anderen Topf. Ganz unabhängig davon, wo das Geld landet, hat die Leiterin der Bußgeldstelle aber auch mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Denn dadurch fahren viele Autofahrer auch mit Maske am Steuer. Was beim Taxifahrer vorgeschrieben sei, mache die Auswertung beim Durchschnittsautofahrer, der bei einer Alleinfahrt keine Maske tragen müsse, deutlich schwieriger.

Die Sache mit dem Mund-Nase-Schutz

„Wenn wir einen Fahrer mit Basecap, Sonnenbrille und Atemschutzmaske blitzen, wird es schon sehr schwierig“, sagt Hornemann. Und da das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes nicht verboten sei, komme es recht häufig vor, dass der Fahrer mühsam ermittelt werde müsse. Gelingt das nicht, gibt es auch kein Buß- oder Verwarngeld. An Weihnachten und Karneval landen oft auch Blitzbilder mit Nikoläusen oder Clownsmasken auf ihrem Schreibtisch – eine gelungene Abwechslung zu Nasepoplern, Kopfkratzern, Kaffeetrinkern und Handynutzern.

Rabattaktion: Nimm drei, zahl zwei

Apropos Handynutzer: Für die gibt es im besten Fall sogar eine Rabattaktion (im Amtsdeutsch heißt das Tateinheit) nach der Devise: Nimm drei, zahl zwei. „Wenn wir einen Fahrer ohne Gurt und mit Handy in der Hand blitzen, dann wären das beispielhaft jeweils 30 Euro für die Verletzung der Gurtpflicht und für die Tempoüberschreitung. Voll geahndet wird aber nur der schwerste Verstoß [Handy-nutzung: 100 Euro]. Die anderen Verstöße werden nur zu Hälfte berechnet. Statt 160 Euro würden also nur 130 Euro fällig“, so Hornemann.

Mit diesem Schild ließ sich ein Lüdenscheider blitzen.

Nackter Hintern und Stinkefinger

Als skurril beschreibt sie den Fall zweier junger Männer, die mit einem gestohlenen Auto gleich viermal zu schnell einen Blitzer passierten. „Der Beifahrer entblößte dabei sein Hinterteil und der maskierte Fahrer zeigte den Mittelfinger“, erinnert sich die in Iserlohn tätige Mitarbeiterin der Kreisverwaltung. Dumm nur, dass die Polizei die beiden später erwischte. Und eine Anzeige von der Bußgeldstelle gab es obendrauf.

Gudrun Hornemann ist in der Bußgeldstelle auch die Frau, die entscheidet, ob ein Fahrverbot in eine Geldstrafe umgewandelt werden kann. „Dann muss der Arbeitgeber aber bescheinigen, dass der Verursacher dringend auf seinen Job angewiesen ist und ansonsten vor der Kündigung steht.“

„Die Kollegen, die die Blitzsäulen vor Ort auswerten, werden fast regelmäßig beschimpft. Neulich ist ein Fahrer ausgestiegen und hat vor unseren mobilen Messwagen getreten.“

Gudrun Hornemann, Leiterin der Bußgeldstelle

Wenn derjenige kein alter Bekannter in der Bußgeldstelle sei, werde dem Wunsch entsprochen. „Mit dem dreifachen Geldbetrag kann man sich dann sozusagen freikaufen“, sagt Hornemann, die mit ihren 20 Kollegen viele Beschimpfungen über sich ergehen lassen muss – ob am Telefon oder beim Außendienst. „Die Kollegen, die die Blitzsäulen vor Ort auswerten, werden fast regelmäßig beschimpft. Neulich ist ein Fahrer ausgestiegen und hat vor unseren mobilen Messwagen getreten.“

Mit diesem Schild ließ sich ein Lüdenscheider blitzen.

Heiratsantrag per Blitzer-Foto

Doch daneben gibt es auch schöne Geschichten – wie vor einigen Jahren in Lüdenscheid. „Da hat sich ein junger Mann das Auto seiner Freundin geborgt und ist mit etwas erhöhter Geschwindigkeit an der Blitzsäule in Lüdenscheid-Nord vorbeigefahren. In die Windschutzscheibe hielt er dabei ein Plakat mit der Aufschrift ‘Willst du mich heiraten?’“ Zur Identifizierung des Fahrers habe man der Freundin den Verwarngeldbescheid zugeschickt. „Und die beiden haben wirklich geheiratet“, freut sich Hornemann.

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