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Chef der Fahrlehrer in Westfalen: „Fahren mit 17 ist gut für Familien“

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Von: Georg Dickopf

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Martin Fellmer – hier mit Ogün Cakmak bei seiner ersten Fahrstunde – gibt zwar weiterhin Fahrstunden, ist aber neuerdings hauptberuflich im Fahrlehrerverband Westfalen aktiv.
Martin Fellmer – hier mit Ogün Cakmak bei seiner ersten Fahrstunde – gibt zwar weiterhin Fahrstunden, ist aber neuerdings hauptberuflich im Fahrlehrerverband Westfalen aktiv. © Foto: Dickopf

Seit 70 Jahren gibt es den Fahrlehrerverband Westfalen. Seit Ende letzten Jahres wird der Verband hauptamtlich vom Plettenberger Martin Fellmer geführt. Georg Dickopf sprach mit ihm über seine neuen Aufgaben und über Themen rund um den Führerschein.

Herr Fellmer, worin genau besteht Ihre Aufgabe im Fahrlehrerverband?

Martin Fellmer: „Ich kämpfe für den Ausbilder der Fahrschüler und damit auch für den Fahrschüler und vertrete zudem die Meinung der Fahrschulinhaber. Der Verband umfasst die vier Bezirke Arnsberg, Detmold, Münster und das Ruhrgebiet, in denen es unterschiedliche Probleme gibt.“

Was meinen Sie damit?

Martin Fellmer: „Im Ruhrgebiet geht es häufiger als in den anderen Bezirken um Täuschungsversuche bei den Prüfungen und dort gibt es auch ganz andere Typen von Fahrlehrern. Im Pott herrschte eher eine rustikale Ellbogenmentalität. Und hier ist es doch eher so wie auf dem Dorf. Wenn man sich heute streitet, muss man sich morgen vertragen, sonst hat man keine Freunde mehr. Der Job ist auf jeden Fall hochspannend.“

Ist das nur mein Eindruck, dass die Fahrschüler heute viel entspannter sind, was den Zeitpunkt der Führerscheinprüfung angeht?

Martin Fellmer: „Das ist nicht mehr so wichtig. Durch die sozialen Medien ist das Interesse gesunken.“

Warum, mit Instagram kann man schließlich nicht von A nach B kommen?

Martin Fellmer: „Das stimmt natürlich, aber man muss sich trotzdem nicht mehr zwingend persönlich sehen. Wir schauen Fernsehen oder Netflix und sprechen dabei per Facetime mit anderen über den Film. Dazu musste man früher dahin fahren. All das führt auch dazu, dass immer weniger junge Leute mit 17 Jahren den Führerschein machen.“

Wie ist es bei Ihnen in der Fahrschule?

Martin Fellmer: „40 Prozent der Leute, die den Führerschein ablegen, sind über 20 Jahre alt. Das wäre früher undenkbar gewesen. Ich habe selber noch an meinem 18. Geburtstag den Führerschein abgeholt.“

Der Plettenberger Martin Fellmer ist neuer Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Westfalen.
Der Plettenberger Martin Fellmer ist neuer Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Westfalen. © Dickopf, Georg

Was halten Sie vom Führerschein mit 17?

Martin Fellmer: „Ich halte das Fahren mit 17 gut auch für die Familien. Nicht nur weil die Angehörigen mitfahren und ihr Wissen und ihre Erfahrung weitergeben. Das begleitete Fahren bringt auch wieder Familien zusammen. Die Tochter fährt dann wieder mit der Mama zum Einkaufen.“

Es wird ja sogar über begleitetes Fahren mit 16 Jahren diskutiert.

Martin Fellmer: „Ich glaube, man kann nicht alle über einen Kamm scheren, aber viele haben dafür noch nicht die Reife. Auf jeden Fall wäre eine PS-Begrenzung für mich Pflicht, denn ich möchte keinem 16-Jährigen in einem GTI begegnen...“

Heute kostet ein Führerschein eine Menge Geld und man benötigt für alles eine Extra-Prüfung...

Martin Fellmer: „Da muss man zwei Sachen sehen. Wie haben wir eigentlich früher in der Fahrschule Lkw-Fahren und Anhänger-Fahren gelernt?“

Eigentlich gar nicht...

Martin Fellmer: „Eben. Und wenn man die Unfallzahlen Mitte der 70er Jahre sieht, war das eine andere Nummer. Damals hatten wir jährlich rund 18 000 Tote im Straßenverkehr. Heute sind wir bei rund 3 000. Das hat natürlich nicht immer alles mit Fahrausbildung, sondern auch mit den heutigen „Safety-Cars“ zu tun. Aber viele Fahrschüler, die den Anhängerführerschein machen, sind froh, dass ihnen einer zeigt, wie das geht. Und bei der C1-Ausbildung für einen Siebeneinhalbtonner, den die Älteren so fahren dürfen, wundern sich meine Fahrschüler, wie breit ein Lkw ist.“

Müsste ein Verband nicht auch schauen, ob ein 85-Jähriger noch sicher Autofahren kann?

Martin Fellmer: „Müssen wir da bei 85 Jahren anfangen? Wenn man darüber diskutiert, muss man den Führerschein möglicherweise grundsätzlich begrenzen. Dann müsste man nach fünf oder zehn Jahren eine ärztliche Kontrolle mit Seh- und Reaktionstest durchführen. Wenn wir die Verkehrssicherheit ernstnehmen, müssten wir das eigentlich machen. Es dauert zum Beispiel zu lange, bis sich einige eine Brille aufsetzen.“

Kennen Sie solche Fälle aus der Fahrschulpraxis?

Martin Fellmer: „Ich hatte mal jemanden, der nach einem Schlaganfall Fahrstunden genommen hat. Als wir in den Tunnel fuhren, fing das Lenkrad an zu schlingern. Beim nächsten Mal hat er dann seine Fernsehbrille mitgebracht, doch es wurde nicht besser und wir sind zum Optiker. Es stellte sich heraus, dass er fast nichts sah. Er hat sich dann die Augen lasern lassen und sah auch etwas im Tunnel.“

Das hat etwas von versteckter Eitelkeit?

Martin Fellmer: „Ja, genau. Ich glaube mindestens 30 Prozent der Führerscheininhaber würde heute den Sehtest nicht mehr schaffen. Aber viele setzen aus Eitelkeit noch nicht mal die Brille auf. Die Politik traut sich bei dem Thema auch nicht wirklich. Vielleicht kommt mal eine europaweite Regelung über Brüssel.“

Wie steht der Fahrlehrerverband zum Tempolimit?

Martin Fellmer: „Das weiß ich gar nicht. Ich selbst bin grundsätzlich dagegen. Ich bin für die Eigenverantwortung und gegen den Schilderwald vor jeder Kurve. Wenn ich dem Autofahrer die Verantwortung wegnehme und ihn nur noch manipuliere durch Schilder, habe ich nichts gewonnen. Ich bin niemand, der mit 250 Sachen über die Autobahn fahren möchte, aber für ein Tempolimit bin ich nicht zu haben.“

Was sagen Sie zur Promillegrenze 0,5?

Martin Fellmer: „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Natürlich würde ich gerne im Restaurant auch mal ein Glas Radler oder Wein trinken können. Deshalb wäre mir 0,0 zu streng. Auf der anderen Seite weiß ich, dass ich bei 0,3 Promille eine Verdopplung meiner Reaktionszeit habe und das sind bei 50 km/h statt 15 Meter 30 Meter. Die Frage ist, wie viel Toleranz man sich gibt.“

Was kostet der Führerschein heute in etwa?

Martin Fellmer: „Die Fahrschulpreise differieren schon stark. Im Ruhrgebiet kostet die Fahrschulstunden teilweise nur die Hälfte, aber die Endpreise sind meist ähnlich, weil die Schüler hier den Führerschein vielleicht mit 25 Stunden machen, dort aber im hektischen Verkehr 42 Stunden benötigen.“

Was kosten denn heute hier der Führerschein?

Martin Fellmer: „Grob gesagt kostet der Autoführerschein hier zwischen 2 000 und 2 500 Euro. Der Motorrad-Führerschein liegt bei 2 000 Euro und der Lkw-Führerschein bei 4 000 Euro. Durch die hohen Spritpreise werden die Preise höher. Ein Führerschein hat schon immer ungefähr das Anderthalbfache eines deutschen Durchschnittslohns gekostet.“

Was hat Ihr Führerschein damals gekostet?

Martin Fellmer: „Ich habe im Jahr 1978 umgerechnet 440 Euro für Auto- und Motorradführerschein bezahlt.“

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