Der Weg in den Holocaust

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Stadtarchivarin Martina Wittkopp-Beine und Jürgen Beine arbeiteten über ein Jahr an der Erstellung des Buches ‘Jüdisches Leben in Plettenberg.’

Mit 20 Jahren sah sie ihre Eltern zum letzten Mal: Die Plettenbergerin Hilde Bachrach gehörte zu den wenigen Juden der Vier-Täler-Stadt, die dem Holocaust entgehen konnten. Auch dank ihrer Informationen konnte nun ein umfassendes Bild zur jüdischen Geschichte in Plettenberg erstellt werden.

Der neu erschienene Band in der Reihe der Beiträge zur Plettenberger Stadtgeschichte befasst sich damit mit einem besonders sensiblen Thema der heimischen Gesichte. Stadtarchivarin Martina Wittkopp-Beine und Jürgen Beine haben dafür umfangreiches und zum Teil sehr persönliches Quellenmaterial ausgewertet. Dazu gehören Briefe, die Marianne Luedeking (geb. Hilde Bachrach) nach ihrer Auswanderung in die Vereinigten Staaten von ihren Eltern aus Deutschland erhalten hatte.

Im Jahr 2008 war der Kontakt zwischen den beiden heimischen Historikern und Marianne und Heinz Luedeking entstanden.

Marianne Luedeking war am 22. Dezember 1919 als Hilde Bachrach in Plettenberg zur Welt gekommen. Hier hatte sie ihre Kindheit und Jugend verbracht. Ihre Eltern Julius und Olga Bachrach führten jahrelang erfolgreich das Kaufhaus Neufeld an der Wilhelmstraße. Beteiligt daran waren Hugo und Johanna Neufeld, Onkel und Tante von Hilde Bachrach, die ebenfalls im Haus an der Wilhelmstraße lebten.

Hilde musste 1939 alleine in die USA auswandern. Ihre Eltern sah sie nie wieder. Sie wurden 1941 ins Getto in Lodz verschleppt. Dort verstarb Julius Bachrach im September 1942 an Herzschwäche. Die Spur seiner Frau Olga verliert sich.

„Durch unsere Gespräche mit Marianne Luedeking gewann das jüdische Leben eine große Anschaulichkeit“, erklärt Wittkopp-Beine. Zusammen mit ihrem Mann besuchte sie Marianne Luedeking und deren Mann Heinz privat in Miami.

Es sei ein freundschaftliches und vertrauensvolles Verhältnis entstanden. So habe Marianne Luedeking den Plettenbergern die Briefe, die ihre Eltern ihr nach 1939 in die USA geschrieben hatten, gezeigt. „Das ist außerordentlich authentisches Quellenmaterial, mit dem wir das Thema nachhaltig aufarbeiten konnten“, sagt Jürgen Beine.

Den Druck des neuen Bandes der Plettenberger Stadtgeschichte unterstützte Luedeking zudem noch mit einer Spende. Das gedruckte Ergebnis erlebt sie leider nicht mehr: Sie verstarb am 27. Mai dieses Jahres im Alter von 97 Jahren.

Weitere neue Quellen, die für das Buch erschlossen wurden, sind die Akten, die von der ehemaligen jüdischen Gemeinde Plettenbergs in Jerusalem lagern, und von denen Martina Wittkopp-Beine Kopien fürs Plettenberger Stadtarchiv hat anfertigen lassen.

„Es gab Zeiten, in denen das funktionierende Miteinander von jüdischer und christlicher Bevölkerung zur Alltäglichkeit auch in Plettenberg gehörte. Wie sich dieses Zusammenleben gestaltete und in der nationalsozialistischen Zeit auflöste und zur Katastrophe des Holocaust führte, daran soll dieser neueste Band der Plettenberger Beiträge zur Geschichte erinnern“, erklärt Wittkopp-Beine.

Wie Bürgermeister Ulrich Schulte im Rahmen der Sitzung des Kulturausschusses berichtete, würde die Stadt Plettenberg vom Verkaufspreis „profitieren“. Eine digitale Ausgabe des Buches werde es allerdings nicht geben, was Ausschussmitglied Dietmar Rottmann bedauerte: „Das wäre wünschenswert gewesen, um auch die Generation U 40 zu erreichen.“

Das Buch ‘Jüdisches Leben in Plettenberg' ist mit der limitierten Auflage von 250 Stück erschienen und durch Spenden von Luedeking sowie vom Heimatkreis Plettenberg finanziert worden. Der Band kostet 7,50 Euro und kann an der Info im Plettenberger Rathaus, in der Stadtbücherei und der Buchhandlung Plettendorff erworben werden.

Ai-Lan Na-Schlütter

Über die Plettenberger Familie Bachrach

• Julius Bachrach (* 16. Juni 1879) war im Zuge der ‘Novemberpogrome’ wie andere Plettenberger Juden auch verhaftet worden.

• Über das Gestapo-Gefängnis Dortmund wurde Bachrach in das KZ Sachsenhausen deportiert.

• Bachrach sprach nie über das hier Erlebte. Berichte anderer Inhaftierter enthüllen jedoch, dass die Verhafteten psychisch und physisch gedemütigt wurden: Faustschläge, Fußtritte, entwürdigende medizinische Untersuchungen gehörten zur Tagesordnung. Die Insassen wurden in Baracken mit bis zu 400 Mann inhaftiert, die eigentlich nur für bis zu 150 Menschen ausgelegt waren.

• Am 16. Dezember 1938 wurde Julius Bachrach aus der Haft entlassen. Er soll fortan mit einer Zyankalikapsel im Mund herum gelaufen sein. Bei einer künftigen Verhaftung wollte er sich töten.

• Julius und Olga Bachrach trieben sofort – auch gezwungen durch die Ortspolizei – ihre Auswanderung voran. Es gelang ihnen jedoch nur noch, ihre Tochter Hilde in die USA zu schicken.

• Julius und Olga Bachrach wurden im Oktober 1941 aus Köln ins Getto Lodz deportiert. Beide überlebten den Holocaust nicht.


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