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„Bis zur Ausbeutung arbeiten“: Kinderarzt berichtet von Beschimpfungen und kritisiert die Politik

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Von: Georg Dickopf

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Kinderarzt Michael Achenbach und seine Mitarbeiterinnen mussten sich bereits diverse Beschimpfungen anhören.
Kinderarzt Michael Achenbach und seine Mitarbeiterinnen mussten sich bereits diverse Beschimpfungen anhören. © Dickopf

Seit 16 Jahren praktiziert Michael Achenbach als Kinderarzt in Plettenberg. 16 Jahre, in denen auch 16 Ärzte in der Vier-Täler-Stadt nicht ersetzt worden sind.

Plettenberg - „Der Mangel an Ärzten hat System“, sagt Achenbach, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Westfalen-Lippe, im Interview mit Georg Dickopf.

Herr Achenbach, ich hörte Sie haben sich einen Bänderriss zugezogen und mussten Ihre Praxis ein paar Tage schließen. Wie hat sich das ausgewirkt?

Das war schon heftig. Zum einen mussten meine Mitarbeiterinnen dadurch die Termine für die betroffenen Tage absagen. Zum anderen bekamen sie am Telefon und live am Tresen einiges zu hören.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Eine Anruferin hat sinngemäß gesagt, dass sie wegen mir ihren Bonus bei der Krankenkasse verliere und das ja wohl nicht sein könne. Meine Frau wurde auch übel beschimpft, weil Termine abgesagt werden mussten und mir hat ein Vater mit der Ärztekammer wegen unterlassener Hilfeleistung gedroht, weil ich für seinen Sohn nicht sofort und ohne Untersuchung eine Bescheinigung für die Fußballmanschaft erstellt habe. Offensichtlich erwarten manche Menschen von einem Arzt, dass er – selbst mit Bänderriss – bis zur Selbstausbeutung arbeitet und wünschen ihm das Schlechteste, wenn er das nicht tut.

Was glauben Sie, warum die Gemüter in Plettenberg so hochkochen, wenn einmal ein Arzt ausfällt?

Das liegt daran, dass das System jetzt schon auf „knapp“ gerechnet ist. Meines Erachtens auf „zu knapp“.

Sie haben daraus ja auch schon vorher Konsequenzen gezogen, oder?

Ja, ich habe vor wenigen Wochen schweren Herzens beschlossen, dass wir in der Praxis einen Aufnahmestopp verhängen. Ausnahme: einige wenige Termine für Neugeborene. Das mag hart und herzlos erscheinen – allerdings ist der Patientenzustrom einfach nicht mehr zu bewältigen.

Wie schlimm ist denn die Terminlage?

Wir haben in der Praxis inzwischen einen Terminvorlauf für Vorsorgeuntersuchungen von sieben Monaten. Der Dezember 2022 ist inzwischen ausgebucht. Wir bekommen also in diesem Jahr keine einzige Vorsorgeuntersuchung ab U6 mehr unter. Wenn wir aber schon nicht mehr ausreichend Termine für die bestehenden Patienten anbieten können, wäre es verlogen, immer mehr neue Patienten anzunehmen. Die Wahl war also: Für neue Patienten alte rauswerfen oder eher neue Patienten ablehnen. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

Und darüber gibt es dann Unmut...

Genau. Der Ärger über den Mangel wird von den Patienten und in meinem Fall von den Eltern oft am Telefon oder am Tresen der Praxen abgeladen. Dort gehört er nicht hin. Zum Vergleich: Es macht einfach keinen Sinn, sich bei denen, die das Rettungsboot steuern, darüber zu beschweren, dass es zu klein ist. Der Konstrukteur hat hier Mist gemacht, indem er den (absehbaren) Mangel nicht rechtzeitig wahrhaben wollte. Denn das eigentliche Problem betrifft nicht meine Praxis, sondern die komplette Versorgung vor Ort.

Wie beurteilen Sie die Lage in Plettenberg?

Vor 16 Jahren habe ich in Plettenberg die Praxis von Frau Dr. Theuerkorn übernommen. Diese Zeitspanne überblicke ich also recht gut. Wirft man einen Blick auf diese Zeit, kommt man auf 16 Ärzte, die in den letzten 16 Jahren in Plettenberg (durch fehlende Nachfolger) der kassenärztlichen Versorgung verlorengegangen sind. Plettenberg hat rund 25 000 Einwohner, da sind 16 Köpfe keine zu vernachlässigende Zahl. Bestimmt habe ich auch noch jemanden vergessen. An der Grundaussage ändert das allerdings nichts.

Also schlittern wir in eine Katastrophe...

Es handelt sich nicht um eine drohende Katastrophe. Hier droht nichts mehr, die Katastrophe ist längst da. Mehrere Ortsteile Plettenbergs sind komplett ohne hausärztliche Versorgung, teilweise schon viele Jahre. Es hat zudem eine Ausdünnung bei verschiedenen grundversorgenden Facharztdisziplinen gegeben. Mangel oder drohender Mangel an Hausärzten herrscht übrigens auch in vielen umliegenden Gemeinden. Die Gegend um Plettenberg ist neben Ostwestfalen-Lippe einer der „Hotspots“ im Förderverzeichnis der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe.

Was sind nach Ihrer Meinung die Gründe?

Die Probleme, einen Nachfolger zu finden, sind eher die Regel als die Ausnahme. Es gibt sicher keinen alleinstehenden, einzelnen, alles erklärenden Grund für den massiven Rückgang der Versorgungsdichte. Die Situation aber ausschließlich auf den (unbestreitbaren) Nachwuchsmangel zu schieben, greift zu kurz. Bei einer solchen Häufung bei Problemen der Nachfolger-Suche muss man auch die Frage nach der Attraktivität des Standortes stellen. Aktuell wird diese Attraktivität durch die Autobahnsperrung noch zusätzlich herabgesetzt.

Aber der Nachwuchsmangel ist doch keine Panikmache, sondern real...

Wir Betroffenen können keine Studienplätze herzaubern. Diese Entscheidung hätte die Politik schon vor 15 Jahren treffen müssen. Denn der Mangel war zu dieser Zeitschon klar absehbar. Das haben wir Ärzte auch unüberhörbar verlautbart. Damals wurde uns Medizinern ja seitens der Politik lediglich Panikmache unterstellt – übrigens mit gleichem Tenor auch von den Krankenkassen.

Aber es gibt immerhin die Landarzt-Quote.

Genau. Als Gegenargument wird hier in NRW gerne die Landarztquote genannt. Die Politik hat also etwas getan? Nicht wirklich, denn es wurden dafür vorhandene Studienplätze umgewidmet. Die „Landarztquote“ ist also so lange eine Nebelkerze, wie sie nicht mit einer erheblichen Erhöhung der Studienplatzzahl einhergeht. Nun rächt sich die Kürzung von 3 000 bis 4 000 Studienplätzen in den letzten Jahrzehnten.

Leidtragende sind die Patienten...

Und die sollten ihren Ärger nicht an den verbliebenen Praxen auslassen, sondern dort, wo die politisch Verantwortlichen ihn hören, gerne auch laut. Kurzfristig ändern wird dies aber so gut wie nichts. Wir werden wohl damit leben müssen, dass die medizinische Versorgung in Plettenberg noch länger mit wenigen Ärzten auskommen muss. Dem Ruf der Stadt ist das sicherlich nicht dienlich.

Also muss Plettenberg mehr nach außen strahlen, damit auch mehr Ärzte kommen?

In etwa so. Wenn man sich um ein knappes Gut streitet, ist Farblosigkeit nicht angeraten. Wenn ich zu Zeiten des Ärztemangels Nachwuchs nach Plettenberg holen möchte, benötige ich Strahlkraft. Oder wir brauchen alle einen ziemlich langen Atem. Nämlich solange, bis die Landespolitiker endlich verstehen, dass die Landarztquote nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Wir brauchen nicht zehn oder 100 mehr Studienplätze. 500, 1000 oder mehr, da kämen wir der Lösung schon etwas näher. Dummerweise dauert so ein Medizinstudium mindestens sechs Jahre, die Facharztweiterbildung noch mal vier bis sechs weitere Jahre. Wie gesagt, wir brauchen einen ziemlich langen Atem. Und gute Ideen wären auch nicht schlecht.

Wie kann man eine Niederlassung an sich denn attraktiver machen?

Die Arbeit in der Praxis wird durch politische Vorgaben immer unattraktiver. Wer wusste schon, dass die Inflation in Deutschland von 1996 bis 2021 43,4 Prozent beträgt (noch ohne die massiven Preissteigerungen in 2022), das Honorar für privatärztliche Leistungen aber im selben Zeitraum um 0 Prozent gestiegen ist? Wer wusste, dass die Politik seit Jahren verspricht, Arztpraxen von Verwaltungsaufgaben zu entlasten, in der Realität aber die Flut an Formularen, Anfragen und weiteren Verwaltungstätigkeiten immer mehr zunimmt? Diese Dinge stehlen nicht uns Ärzten die Zeit. Nein, sie stehlen die Zeit, die eigentlich den zu versorgenden Patienten zustehen würde. Ich könnte diese Liste fast beliebig fortsetzen.

Wie lautet Ihr Fazit?

Zusammengefasst kann man sagen: Eine Politik, die durch viele kleine Nadelstiche zum Ausdruck bringt, dass sie niedergelassene Ärzte nicht wertschätzt, darf sich nicht wundern, wenn medizinisches Personal lieber im Krankenhaus bleibt, als in die Niederlassung zu gehen. Und das, obwohl die Bedingungen dort auch alles andere als optimal sind.

Aber in Plettenberg läuft schon einiges richtig. Denken Sie an das Mobil Sorglos, das Hausarztzentrum und das Zahnzentrum Plettenberg, wo im Bereich Social Media viel getan wird, um junge Mitarbeiter anzulocken.

Auch das hat bislang noch nicht zu einer spürbaren Zunahme der Arztzahl geführt. Versorgung sichern ist gut, reicht aber nicht mehr. Wir müssen die Versorgungssituation deutlich verbessern.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich?

Allgemeinmediziner und Pädiater können ein Lied davon singen: die hohe Zahl der „Wiederkehrer“. Ein Beispiel aus meiner Praxis. Arzt: „Die Erkältung können Sie auch selber managen, dafür hätten Sie den Arztbesuch jetzt aber nicht gebraucht.“ Mutter: „Ja, aber die Schule besteht auf einem ärztlichen Attest.“ Wir leben in einer von Misstrauen geprägten Gesellschaft. Inzwischen macht die Notarfunktion, die der Arzt gegenüber Behörden, Kassen und Einrichtungen einnimmt, einen zunehmend hohen Anteil der Arbeit aus. Wenn wir Ärzte davon stärker entlastet werden würden, hätten wir mehr Zeit für unsere Kernaufgaben.

Mit Misstrauen meinen Sie auch die vorzeitigen Krankschreibungen vor den Ferien?

Ja. Warum muss ein Kind mit Fieber am letzten Schultag dem Arzt vorgestellt werden? Damit die Eltern beweisen können, dass sie nicht vorfristig in den Urlaub geflogen sind. Ein solcher Beweis könnte aber auch dergestalt geführt werden, dass die Eltern (ohne Kind) sich direkt und persönlich in der Schule vorstellen. Wer sich in der Schule zeigt, kann eben nicht gleichzeitig im Urlaubsflieger sitzen.

Und auch die Entfernung von Zecken gehörte früher zu den Grundfertigkeiten von Eltern. Meiner Mutter wäre es peinlich gewesen, wenn sie mit mir damit zu unserer Hausärztin gegangen wäre.

Das Ganze sind lediglich zwei Beispiele dafür, dass für viele Probleme ein Arzt gar nicht benötigt würde. Solche Lösungen werden wir in vielen Bereichen installieren müssen, um mit weniger Köpfen gute Versorgung anbieten zu können. Für uns Ärzte heißt das nicht, dass wir weniger arbeiten dürfen, sondern, dass wir die frei werdende Zeit sinnvoll nutzen können – zur Patientenversorgung.

Die Aussichten scheinen also wenig rosig zu sein...

Wir werden uns alle auf eine längere Durststrecke einstellen müssen. Lautstarkes Beschweren an den richtigen Stellen könnte helfen, aber mit Sicherheit nicht kurz- oder mittelfristig. Um diese Zeit zu überbrücken, braucht es innovative Ideen. Telemedizin alleine reicht da sicherlich nicht, denn das knappe Gut ist ja die Zeit – und ob ich als Arzt einen Patienten vor mir habe oder vor der Videokamera, ist relativ egal, in beiden Fällen muss ich Zeit für die Person haben. Mehr Zeit benötigt aber auch mehr Köpfe.

Noch einmal 16 Ärzte weniger wird Plettenberg nicht verkraften. Für 16 mehr müssen wir uns alle ins Zeug legen, Bundes- sowie Landespolitik, die Kommunen und wir Bürgerinnen und Bürger. Und solange das Gut „Arztzeit“ so knapp ist, sollten wir es nicht für administrative Aufgaben verschwenden.

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