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Invasion im Bommecketal: Neue Pflanzen vermehren sich explosionsartig

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Von: Georg Dickopf

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Hilfe in letzter Not: Vor einigen Wochen entdeckten Dr. Ludwig Erbeling sowie Gudrun und Wolfgang Kairat bei einer Exkursion im Naturschutzgebiet Bommecketal an zwei Stellen das Indische Springkraut und an einer Stelle den Japanischen Staudenknöterich. Eine Entfernung war dringend nötig, denn: Die Auswirkungen für das Bommecketal wären sonst katastrophal.

Plettenberg – In den letzten etwa 50 Jahren hat sich das Erscheinungsbild der Bäche und Flüsse dramatisch verändert. Egal, ob an Lenne, Ruhr, Volme oder Else. Eine grün-rosa-weiße Invasion bedroht die heimische Pflanzenwelt.

Rein fachlich ist die Rede von zwei Neophyten (zu deutsch: „Neue Pflanzen“). So nennt man Pflanzen, die sich aus anderen Gebieten nach Deutschland ausbreiten und sich hier zum Teil explosionsartig vermehren. In der Tierwelt gibt es das auch. Der nordamerikanische Waschbär, ist ein Neozoen.

Die heimischen Fließgewässer sind heute gesäumt vom rosa blühenden, bis zu zwei Meter hoch werdenden Indischen Springkraut und vom bis zu vier Meter hohen, weiß blühenden Japanischen Staudenknöterich. Diese beiden extrem wuchs- und ausbreitungsfreudigen Arten stellen alle ihre Konkurrenten im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten und nehmen den langsamer wachsenden, kleineren Arten das zur Fotosynthese nötige Licht.

Exkursion des Bio-Leistungskurses des ASG ins Bommecketal
Hendrik Mendel (links), Biologielehrer am Albert-Schweitzer-Gymnasium, leitete die Exkursionen des Bio-Leistungskurses ins Bommecketal, an der auch Dr. Ludwig Erbeling (vorne rechts) sowie Wolfgang und Gudrun Kairat teilnahmen. © Dickopf, Georg

„An allen Sauerländer Bächen und Flüssen ist die heimische Vegetation durch diese Pflanzen fast völlig verschwunden“, sagt Dr. Ludwig Erbeling. Für das Bommecketal wäre eine ähnliche Entwicklung seiner Ansicht nach eine ökologische Katastrophe, denn viele seltene bachbegleitende Pflanzenarten würden verdrängt.

Eile geboten

Und deshalb startete vor einigen Tagen eine Hilfe in letzter Not: Drei Wochen zuvor entdeckten Dr. Ludwig Erbeling sowie Gudrun und Wolfgang Kairat bei einer Exkursion im Naturschutzgebiet Bommecketal an zwei Stellen das Indische Springkraut und an einer Stelle den Japanischen Staudenknöterich. Damit war Eile geboten, denn vor der Samenreifung mussten die Pflanzen eliminiert werden. Das Forstamt wurde als zuständige Institution informiert. Als die Neophyten nach zwei Wochen immer noch nicht entfernt worden waren, nahmen Erbeling und Kairat die Sache selbst in die Hand.

Bio-Leistungskurs des ASG auf Exkursion im Bommecketal Plettenberg.
Mit vereinten Kräften wurden die bis zu zwei Meter hohen Pflanzen aus dem Bachbett im Bommecketal entfernt. © Dickopf, Georg

Hendrik Mendel, Biologielehrer am Albert-Schweitzer-Gymnasium erklärte sich bereit mit seinem Biologie-Leistungskurs die unerwünschten, gefährlichen Pflanzen zu entfernen. ASG-Direktorin Elisabeth Minner unterstützte die Aktion als Beispiel für angewandte und Freiland-Ökologie, sodass sich kürzlich 20 Schüler und ihr Leistungskurs-Lehrer im Bommecketal an der zweiten Weggabelung trafen und in einer Doppelstunde das Gebiet unter Anleitung von Erbeling und Kairat von den invasiven Pflanzen zu befreien. Nach Erläuterung der Hintergründe für ihre Arbeit waren die Schüler hochmotiviert und sammelten alle sichtbaren Neophyten heraus. Insgesamt 14 große Müllsäcke wurden im Bereich unterhalb der Waldbrandfläche gefüllt und beim Bauhof zur Verbrennung abgegeben.

Die Aktion wurde in Abstimmung mit dem Forstamt und mit einer schriftlichen Erlaubnis der Unteren Naturschutzbehörde durchgeführt. Die Behörde schreibt: „Bei dieser Maßnahme handelt es sich um eine mit der Unteren Naturschutzbehörde des MK abgestimmte Maßnahme zur Pflege und Entwicklung des Naturschutzgebiets.“ Laut Landschaftsplan „ist es verboten, Bäume, Sträucher oder sonstige Pflanzen oder Teile davon einzubringen, oder zu entfernen.“

„Von Seiten der Stadt ist behauptet worden, es sei kein gebietsfremdes Material eingebracht worden. Der Gegenbeweis ist durch diese Aktion erbracht worden“, sagt Erbeling, der folgende Indizien und Beweise für den Eintrag gebietsfremder Erde anführt:
1. Es seien Vermehrungsorgane vom Indischen Springkraut und vom Japanischen Staudenknöterich gefunden worden (14 große Müllsäcke voll).
2. Die Keimzeit passe in etwa mit der Zeit überein, in der die Stadt Plettenberg im größten und wertvollsten Naturschutz- und FFH-Gebiet die Wege begradigen ließ und auch Bachläufe verfüllt wurden.
3. Die Pflanzen seien nur im oberen Teil des Naturschutzgebietes gefunden, nicht aber im unteren. Das bedeute, dass die Pflanzen vermutlich von oben mit Baufahrzeugen eingeschleppt worden seien.
4. Es handele sich um Gartenerde, wie der Fund einer etwa 25 Zentimeter hohen Tomatenpflanze nahelege.

Das sagt die Stadt

Im Zuge der Berichterstattung über die Wegebegradigung im Bommecketal wurde folgende Frage an die Verwaltung gerichtet:
Es finden sich im Verlauf des Weges und im Bachbett große Mengen an Erdmaterial. Stammt sämtliches Material aus dem Bommecketal?

Die Antwort: Es wurde kein Fremdmaterial in das Gebiet eingebracht, lediglich die aus dem Weg ausgespülten Erdmassen wurden wieder aus dem Bachbett herausgezogen und im Weg eingebaut.

In der Sitzung des Planungs- und Umweltausschusses erklärte Bürgermeister Ulrich Schulte, dass demnächst ein Termin mit der Naturschutzbehörde geplant sei, um das weitere Vorgehen im Bommecketal abzustimmen.

Abschließend verwies Erbeling auf die Bedeutung der Aktion: „Werden die Neophyten nicht konsequent entfernt, werden die Auswirkungen für das Bommecketal katastrophal sein.“

Nur Verbrennen hilft gegen die Vermehrung

Wie kommt es, dass sich manche Arten anderen gegenüber so massiv durchsetzen, diese sogar verdrängen? Das Indische Springkraut stammt ursprünglich aus dem Himalaya, ist als Zierpflanze nach Europa gebracht worden, wo es vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich verwildert ist, um seinen Siegesfeldzug durch Europa zu beginnen.

Ein Grund liegt in der hohen Vermehrungsrate der Pflanze. Sie hat einen besonderen, auf Saftdruck basierenden Mechanismus entwickelt: Die Samenkapsel schwillt an (für Kenner: Osmose ist der zu Grunde liegende Prozess). Eine leichte Berührung, vielleicht auch ein Regentropfen führt dazu, dass die Kapsel platzt und ihre Samen bis zu sieben Meter herausgeschleudert werden. Eine einzige Pflanze kann zudem über 4000 Samen bilden, auf einem Quadratmeter hat man bis zu 32 000 gezählt.

Bekämpfung: Unbedingt die Pflanzen vor der Samenreife komplett mit Wurzel herausziehen und verbrennen – und das über mehrere Jahre hinweg.

Der Japanische Staudenknöterich stammt ebenfalls aus Asien und ist bei uns als Zierpflanze eingebürgert worden. Hier reicht ein kleines, wenige Zentimeter langes Rhizom-Stück (Wurzelstock), vielleicht bei Hochwasser aus dem Boden gespült und verdriftet, um eine neue Pflanze zu bilden. Bekämpfung: Den Boden einen Meter tief ausheben und verbrennen – über mehrere Jahre hinweg.

Beide Pflanzen sind aus ökologischer Sicht genau so wertvoll wie Nadelhölzer: An die Blüten des Springkrauts gehen zwar einige Bienen oder Wespen, ansonsten finden Insekten dort fast keine Nahrung. Fraßspuren an den Blättern der Neophyten findet man so gut wie gar nicht.

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