Vom Schlauchboot-Flüchtling zum Elektriker

+
Die Kooperationspartner des Integrationsprojektes mit dem Syrer Mahmoud Debo (vorne links) und dem Iraker Raoff Al-Dulaimi in der Lehrwerkstatt Böddinghausen.

Über 1,5 Millionen Flüchtlinge kamen seit dem Jahr 2015 nach Deutschland und haben das Land vor große Herausforderungen gestellt. „Am Anfang waren wir alle ein Stück ratlos, wie wir die Menschen in Arbeit bringen können“, sagte Andreas Weber, Geschäftsführer der Ausbildungs-Gesellschaft Mittel-Lenne.

Dass es funktionieren kann, bewies der Märkische Arbeitgeberverband (MAV) bereits vor drei Jahren. „Wir haben nicht auf Berlin gewartet, sondern selbst eine Initiative gestartet“, berichtet Geschäftsführer Josef Schulte beim Termin in der Böddinghauser Lehrwerkstatt. Dabei gelang es dem Verband, mit dem Jobcenter, der Ausbildungsgesellschaft und den Euro Schulen die entscheiden Partner an den Tisch zu bringen.

 Bei der Vorstellung des Projektes saßen mit dem Iraker Raoff Al-Dulaimi und dem Syrer Mahmoud Debo zwei Teilnehmer des Programmes mit am Tisch, das für Flüchtlinge und Migranten im Alter von 18 bis 34 Jahren vorgesehen ist. „In den Ländern gibt es keine Metallindustrie, deshalb sorgen wir hier für die Grundlagen“, betonte Weber. Mahmoud Debo zahlte vor drei Jahren 6 000 Euro an Schleuser, um von Syrien per Schlauchboot nach Griechenland zu gelangen. Dort landete er zunächst im Gefängnis und gelangte schließlich über Mazedonien und Schweden nach Deutschland. „In Schweden war es auch schön und es gab sehr viel Natur, aber man hat dort kaum Kontakt zu den Leuten“, berichtete der Syrer in gutem Deutsch. Die Sprache lernte er hier zunächst bei Deutschkursen für Flüchtlinge im Affelner Pfarrheim. Dann wurde er in das Integrationsprogramm des Märkischen Arbeitgeberverbandes aufgenommen. 

„Wir bieten dabei zusätzliche berufsbezogene Sprachkurse in den Euro Schulen an“, berichtete Josef Schulte.  In der zweiten Phase lernen die Teilnehmer die Grundlagen der Metalltechnologie, der maschinellen Zerspanung und lernen auch etwas über drehen und fräsen sowie die Schweiß- und Löttechnik. Diesen Block absolvieren die Teilnehmer in der Böddinghauser Lehrwerkstatt. Dort kann sich Mahmoud Dedo, der in seiner Heimat Stickerei-Entwürfe am Laptop entwarf, auch im Bereich der Elektrotechnik weiterbilden – ein Beruf, den er von seinem Vater kennt. „Ich hatte schon ein Vorstellungsgespräch bei einer Firma in Werdohl und habe gute Aussichten auf eine Anstellung“, berichtete der 28-jährige Syrer, der mit seiner Frau und seinen Kindern in Neuenrade wohnt, gerade seinen Führerschein bestand und in Deutschland voll durchstarten will, „ohne dem Staat auf der Tasche zu liegen“. 

Ähnliches schwebt auch dem Iraker Raoff Al-Dulaimi vor, der ebenfalls im Jahr 2015 mit 50 anderen Flüchtlingen in einem kleinen Schlauchboot in der Türkei landete. Der 24-Jährige war im Irak Produktdesigner und hat Abitur. „Wenn er hier die Facharbeiterprüfung besteht, stehen ihm beruflich alle Türen offen“, sagt Andreas Weber. Aktuell betreut Stefan Möwes als Leiter der Lehrwerkstatt die elf Teilnehmer des Flüchtlingsprojektes – insgesamt wurden kreisweit bereits 120 Flüchtlinge auf diese Weise gefördert – „70 Prozent von ihnen haben den Sprung in die Berufswelt geschafft“, sagte Weber.

 Die Auswahl der Teilnehmer erfolge beim Jobcenter, erklärte Sachgebietsleiter Gerd Konopka, der in Plettenberg aktuell 270 Flüchtlinge (einst waren es 400) betreut. Deutschlandweit seien mittlerweile 20 Prozent der Flüchtlinge in einem Arbeitsverhältnis.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare