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Beide Geschlechtsmerkmale: Eine Zwitterkuh auf dem Biohof

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Von: Georg Dickopf

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Bio-Bauer Stephan Berger nähert sich hier der zutraulichen Zwitterkuh Wilhelmina, die beide Geschlechtsmerkmale ausgeprägt hat, aber dennoch ein schönes Kuh/Bullen-Leben führen darf.
Bio-Bauer Stephan Berger nähert sich hier der zutraulichen Zwitterkuh Wilhelmina, die beide Geschlechtsmerkmale ausgeprägt hat, aber dennoch ein schönes Kuh/Bullen-Leben führen darf. © Dickopf

Wenn man an Plettenberg denkt, kommen einem vier Täler in den Sinn, die Lenne, Berge, der P-Weg und Industrie vielleicht auch noch.

Plettenberg - An Kühe und an nachhaltige und regionale Landwirtschaft denkt man eher weniger und erst recht nicht an einen Bio-Bauernhof, auf dem die Mutterkühe bis an ihr Lebensende ein schönes Kuhleben haben.

Und doch gibt es genau so ein Idyll im Elsetal – auf dem Biohof Berger, den sich der CDU-Landtagskandidat Matthias Eggers gemeinsam mit den heimischen Christdemokraten um Parteichef Torben Hamme ansah.

Der Hof liegt ein wenig versteckt hinter der Einfahrt zu einem Industriebetrieb im Elsetal und hat so gar nichts von den klinisch-reinen Tierfabriken, in die man als Besucher höchst selten hineingeführt wird und die die Tiere nach kurzer Haltungsdauer entweder in Richtung Schlachthof verlassen oder dazu verdammt sind, möglichst lange möglichst viel Milch zu geben, nachdem man der Mutterkuh ihr gerade geborenes Kalb entzogen hat.

Kälber laufen frei über das Hofgelände

Auf dem Biohof Berger bewegen sich die Mutterkühe in einem großen luftigen Außenstall, während ihre Kälber frei über das weiträumig eingezäunte Hofgelände laufen können. Ruft die Mutterkuh, geht es geschwind zurück an Mamas Euter.

Biohof-Idyll im Elsetal: Die CDU besichtigte zusammen mit ihrem Landtagskandidaten Matthias Eggers den Biobauernhof Berger.
Biohof-Idyll im Elsetal: Die CDU besichtigte zusammen mit ihrem Landtagskandidaten Matthias Eggers den Biobauernhof Berger. © Dickopf

„Unsere 60 Kühe haben alle einen Namen“, erzählt Landwirt Stephan Berger. „Und alle haben einen eigenen Charakter“, weiß der Biobauer, der 1985 als 21. Bauer in Plettenberg mit zwei Kühen im Stall in das Abenteuer als Demeter-Landwirt startete.

Etwa 20 Jahre lang produzierte Berger neben ökologischem Gemüse auch Milch. Vor 15 Jahren erkannte der Plettenberger jedoch, dass die Milchproduktion in dieser Größenordnung und mit den damaligen Verhältnissen nicht mehr tragbar ist. Daher änderte er das System hin zur Mutterkuhhaltung.

„Einige Nachkommen der alten Milchkühe, wie zum Beispiel unsere alten Kühe Pepita oder Schnecke, verweilen immer noch bei uns auf dem Hof“, berichtet Berger. Mittlerweile wird Stephan Berger von Junior-Chef Melvin Berger unterstützt. Der heute 37-Jährige arbeitet bis 2018 als Entwicklungshelfer in Namibia und kehrte von dort gemeinsam mit seiner Partnerin Frederike Lücke ins Sauerland zurück. Seitdem gibt es auch jede Menge Kühe, Rinder und Bullen auf dem Hofgelände.

Seltene Tierrassen leben auf dem Berger-Hof

Die Bentheimer-Schwester-Schweine wiegen zusammen eine halbe Tonne, werden aber nicht geschlachtet.
Die Bentheimer-Schwester-Schweine wiegen zusammen eine halbe Tonne, werden aber nicht geschlachtet. © Dickopf

Seitdem legen die Bergers ein Augenmerk auf besonders gefährdete Tierrassen. Daher beherbergt man seit vier Jahren die vom Aussterben bedrohte Rinder-Rasse Ansbach-Triesdorfer und Bunte Bentheimer Schweine.

„Von dieser Rinderrasse gibt es deutschlandweit noch 180 Tiere – rund 50 davon leben bei uns“, sagte Berger, auf dessen Hof sich insgesamt 65 Rinder, zwei Schweine, 60 Hühner (Grünleger, Marans, Bergische Kräher, Cemani), zwei Bienenvölker, drei Katzen und meistens eine, manchmal sogar zwei Hündinnen wohlfühlen.

Frederike Lücke, die mit Hingabe die sozialen Medien bedient, verteilte eigene Rindersalami.
Frederike Lücke, die mit Hingabe die sozialen Medien bedient, verteilte eigene Rindersalami. © Dickopf

Weil auf dem Bergerhof artgerechte Tierhaltung groß geschrieben wird, dürfen alle Tiere den Sommer auf der Weide und den Winter im Stall auf Stroh verbringen. Die Kälber wachsen zusammen mit ihrer Mutter auf und auch alte und kranke Tiere dürfen bleiben.

„Marktkonform ist die Haltung dieser Drei-Nutzungs-Kuh nicht“, sagt Berger. Einst konnten die Ansbach-Triesdorfer-Kühe für die Feldarbeit eingesetzt werden, gaben zudem Milch und waren Fleischlieferanten. Einige Kühe wurden aus dunklen Anbindeställen in Bayern geholt. „Die Tiere mussten sich bei uns erst mal an das Licht, die Bewegungsmöglichkeiten und den Weidegang gewöhnen“, erklärte Melvin Berger.

Soziale Medien und Kinderbesuche

Über Tier-Patenschaften werden Kälber aber auch Tiere wie Kuh-Zwitter Wilhelmina und die mittlerweile fast erblindete Kuh Pepita finanziell unterstützt.

Melvin Berger (li.) studierte Agrarwissenschaft, ist Kuh-Züchter und betreibt den Hof mit seinem Vater Stephan Berger.
Melvin Berger (li.) studierte Agrarwissenschaft, ist Kuh-Züchter und betreibt den Hof mit seinem Vater Stephan Berger. © Dickopf

Unterstützt wird das Hofprojekt auch von Frederike Lücke über Instagram, was laut Stephan Berger in der heutigen Zeit unerlässlich sei, wenn man auch jüngere Kunden erreichen wolle. Videos von den Kälbern, dem Weidegang oder der Arbeit auf dem Hof geben Einblicke.

Auch Kindergartengruppen sind regelmäßig zu Gast, dürfen selbst angebautes Obst im Hofladen verkosten und die Tiere in einer Industriestadt wie Plettenberg hautnah erleben.

Spontane Kontrollen der Ökoverbände

Häufig erlebt hat Biolandwirt Stephan Berger auch spontane Kontrollen der Ökoverbände – zuletzt an Gründonnerstag. „So eine Kontrolldichte würde ich mir auch bei der konventionellen Tierhaltung wünschen“, gab Stephan Berger dem CDU-Landtagskandidaten abschließend mit auf dem Weg und zeigte auch auf, wie stark die Futterpreise gestiegen seien. So zahle er nun für einen Doppelzentner Hühnerfutter statt 72 Euro über 100 Euro. Gänzlich weitergeben könne man diese Preise aber nicht.

Wünschenswert sei, dass man sich bewusst und von nachhaltig angebauten Produkten ernähre und auf Qualität und Herkunft achte.

Weite Reise für Rinderfelle in Möbelhäusern

Wenn auf dem Biobauernhof Berger zwei bis drei Jahre alte Jungbullen in einem kleinen Betrieb im Hochsauerlandkreis geschlachtet werden, wird das Fleisch anschließend im eigenen Hofladen vermarktet. Und auch die Felle, die in Großschlachtereien oft Wegwerfware sind, werden von einem Gerber für rund 200 Euro pro Stück aufbereitet.

Im Lüdenscheid Möbelhaus XXXLutz werden solche Rinderfelle derzeit in der Größe 120/150 cm für knapp 80 statt sonst 230 Euro angeboten. Stephan Bergers Vermutung, dass die oft in Möbelhäusern angebotenen Rinderfelle gar nicht aus Deutschland oder Europa stammen, bestätigte sich auf Nachfrage unserer Zeitung bei XXXLutz-Sprecher Volker Michels, der die Frage zur Herkunft wie folgt beantwortete: „Die von Ihnen genannten Felle der Marke ,Linea Natura’ kommen vornehmlich aus Südamerika, überwiegend aus Brasilien und Argentinien.“

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