„Wenn wir alles so lassen wie es ist, macht der Letzte das Licht aus“

Baumbegehung in der Innenstadt stößt auf großes Interesse

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Die Baumbegehung in der Innenstadt stieß auf großes Interesse.

Plettenberg - „Kommen Sie alle hier hin. In fünf Minuten beginnt die Baumbegehung“, rief Klaus Lehnert ins Megaphon. 

Als einer der Initiatoren der Baum-Protestbewegung war ihm an einer großen Resonanz gelegen. Und die gab es, denn Bürgermeister Ulrich Schulte konnte am Mittwoch mehr als 100 Bürger am Maiplatz begrüßen.

Als einer der Initiatoren der Baum-Protestbewegung war ihm an einer großen Resonanz gelegen. Und die gab es, denn Bürgermeister Ulrich Schulte konnte am Mittwoch mehr als 100 Bürger am Maiplatz begrüßen. Bevor er auf die Bäume zu sprechen kam, schilderte er die Herangehensweise bei der Innenstadtsanierung. Diese sei zunächst 2008 geplant gewesen, doch die Wirtschaftskrise habe die damalige Umsetzung verhindert.

Im zweiten Anlauf habe man dann die Bürger mit eingebunden und bei Bürgerversammlungen und später bei der Wikimap zahlreiche Anregungen aufgenommen. „Ändert die Begrünung“ Der Tenor dabei habe gelautet: „Nehmt den Verkehr aus der Stadt, ändert die Begrünung und macht was aus dem Pflaster. Die Plettenberger haben uns damit ein Anforderungsprofil erstellt“, sagte Schulte.

Daraufhin habe man einen Wettbewerb ausgelobt, an dem sich zwölf Planungsbüros beteiligt hätten und bei dem sich das Büro bbz durchsetzte. „Jeder konnte die Pläne sehen, es gab eine Bürgerversammlung und danach sind die Pläne noch einmal deutlich verändert worden“, sagte der Bürgermeister. Als dann in einer Versammlung die Zahl von 43 zu fällenden Bäumen genannt worden sei, „ging ein Raunen durch die Menge“, betonte Schulte. „Viele, die sich vorher gar nicht mit der Planung befasst hatten, wurden dann plötzlich aktiv“, sagte der Bürgermeister, der ausdrücklich betonte, dass an diesem Abend keine Entscheidung getroffen werde, welcher Baum am Ende gefällt werde. 

bbz-Planer Timo Herrmann gab zu verstehen, dass zunächst der Wunsch bestanden habe, durch Baumfällungen mehr Licht zu haben in der Innenstadt. Mittlerweile habe sich die Stimmung gedreht. „Das ist ein Prozess und wir sind durchaus bereit, die Planung in eine andere Richtung zu drehen.“ Beim folgenden Rundgang durch die Innenstadt verdeutlichte Herrmann allerdings auch, warum einzelne Bäume – insgesamt waren es noch gut 20 – gefällt werden sollten. Der Baum vor dem Modehaus Otto könne durchaus stehen bleiben, allerdings habe er das Pflaster stark angehoben und müsse beschnitten werden, um nicht die Sichtachse auf die Christuskirche zu versperren. Vor der Christuskirche – zwischen einer alten Linde und der Diakonie – soll dagegen ein kleinerer Baum entfernt werden. Lieber vor Baum als vor Kirche schauen „Wir erhalten alle großen Bäume, aber der kleine Baum in der Sichtachse zur Kirche stört uns, wenn hier ein einladender Platz gestaltet werden soll,“ sagte Herrmann. 

„Ich frage mich, wer hier wirklich zur Kirche schauen möchte? Wenn ich vor den Baum schaue, ist das viel angenehmer“, befand Jörg Zaborowski, einer der Initiatoren der Protestbewegung, der das historische Ambiente des Kirchplatzes erhalten wissen wollte. Günter Heerich erläuterte in dem Zusammenhang, dass nichts Historisches vorhanden sei. „Früher gab es hier nur Schotter, ein bisschen Wiese und einige Bäume, so Heerich. Bei der nächsten Station auf der anderen Kirchenseite standen die Bürger unter den mächtigen Linden vor einer urwaldähnlichen Grünanlage. „Hier soll ein kontemplativer Ort entstehen“, sagte Herrmann und erklärte auf Nachfrage eines Bürgers, was damit gemeint sei. Der Ort solle so gestaltet werden, dass man dort in Ruhe ein Buch lesen könne oder die Kirche betrachte. 

Dass die ausufernden Grünanlagen reduziert werden und mehr Platzcharakter entsteht, darüber herrschte ebenso ein Konsens wie beim Erhalt sämtlicher alter Linden. Weniger einverstanden waren einige Bürger mit der geplanten Fällung von zwei spärlich in die Höhe gewachsenen Gingko-Bäumen am Graf-Engelbert-Platz. Timo Herrmann bezeichnete diese als „nicht stadtgerechte Bäume“. Man würde als Ersatz aber einen größeren Baum mitsamt Sitzgelegenheiten auf dem neu zu gestaltenden Parkplatz errichten. Am Stephansdachstuhl widersprach Günther Carrels den Ausführungen des Berliner Planers. 

Bei einem Erhalt der neun Bäume – „die Platanen sind eine Herzenssache“ – sei rund um den Stephansdachstuhl noch genug Platz vorhanden. Einem anderen Bürger war das zu wenig: „Wir können natürlich sagen, wir lassen alles so wie es ist und früher war alles besser, aber das kann es ja auch nicht sein.“ Karin Gutschlag wünschte sich ihrerseits eine erhöhte Bürgerbeteiligung. „Sie haben ein Mikro in der Hand, stehen hier inmitten von Bürgern und dem Arbeitskreis – mehr Bürgerbeteiligung geht eigentlich nicht“, fand Bürgermeister Ulrich Schulte. 

In der Fußgängerzone ergriff „Pew“ Baetzel das Wort und befürwortete eine angemessene Reduzierung des Baumbestandes. „Wenn wir alles so lassen wie es ist, macht der Letzte das Licht aus.“ Zudem würden die immer größer werdenden Bäume eine Menge Licht nehmen und die Fronten und Dachrinnen vermoosen.

„Beim Mylaeus-Gelände gab es im Vorfeld auch jede Menge Kritik und aus dem Schandfleck wurde dann etwas richtig Schönes“, wünscht sich Baetzel auch für die Fußgängerzone eine Modernisierung. Auch würde er sich gerne am Fassadenprogramm beteiligen und unterstütze eine neue Lösung für die Unterbringung der Müllbehälter. 

Auch Helmut Teichert übte mehrfach Kritik: An den gefällten Bäumen auf dem P-Center-Gelände, dem Mylaeus-Gelände an sich, das früher „keine Schlammwüste“ gewesen sei und am Hochbeet am Maiplatz, das „unbedingt erhaltenswürdig“ sei. Hochbeete gibt es in 20 anderen Städten „Wenn Sie am Hochbeet die regionale Identität festmachen wollen, ist das in Ordnung, aber solche Hochbeete gibt es auch in 20 anderen Städten und Dörfern“, sagte Herrmann, der am Maiplatz insgesamt 14 Bäume – darunter vier Kugelahorn-Bäume, entfernen würde, „weil hier für die Neugestaltung mal aufgeräumt werden muss.“ 

Entgegen der ursprünglichen Planung werde man aber auf die Anpflanzung des japanischen Schnurbaumes verzichten und stattdessen auf Linden setzen, von denen nun doch zahlreiche Bäume erhalten blieben. Bürgermeister Ulrich Schulze bedankte sich abschließend bei allen Beteiligten und will dem Vorschlag von Detlef Priemer folgen und die zu fällenden Bäume rot markieren lassen. 

Die noch zur Diskussion stehenden Bäume sollen weiß gekennzeichnet werden. „Als ich das Megaphon sah, hab ich das Schlimmste befürchtet, aber die Begehung ist erfreulich sachlich abgelaufen und auch Timo Herrmann hat bewiesen, dass er sich gut vor Ort auskennt und wir in Sachen Bäume nach der Bürgerkritik unsere Hausaufgaben gemacht haben“, freute sich Schulte.

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