2002 Plettenberg verlassen

„Ich war ein richtiger Großkotz“: Autor Martin Peter Becker im Interview

Martin Peter Becker am Freitagabend in der Stadtbücherei: Obwohl er 2002 aus Plettenberg weggezogen ist, hat er nach eigener Aussage noch immer eine starke emotionale Bindung zu seiner Heimatstadt.
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Martin Peter Becker am Freitagabend in der Stadtbücherei: Obwohl er 2002 aus Plettenberg weggezogen ist, hat er nach eigener Aussage noch immer eine starke emotionale Bindung zu seiner Heimatstadt.

In Plettenberg aufgewachsen, bei der Heimatzeitung gelernt und nun ein durchaus bekannter Name in der Literaturwelt: Martin Peter Becker stattete am Freitagabend der Vier-Täler-Stadt einen Besuch ab. In der Stadtbücherei las Becker aus seinem neuen Buch „Kleinstadtfarben“. Für Christos Christogeros Grund genug, das Gespräch mit dem Autor und Journalisten zu suchen.

Wie lange sind Sie nun schon fern der Heimat, also Plettenberg? Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann zurückzukehren?
Ich bin 2002 aus Plettenberg weggezogen und habe seitdem an unterschiedlichen Orten gelebt: Leipzig, Berlin, Prag, jetzt gerade Köln und Halle. Es ging mir dabei wahrscheinlich wie vielen Leuten in meinem Alter damals: Ich war froh, die „weite Welt“ zu sehen und woanders studieren zu dürfen. Aber mein Herz schlägt sehr für Plettenberg – und ja, es schlägt mittlerweile schneller, wenn ich an die Stadt denke! Ganz ehrlich? Ich könnte mir vorstellen, irgendwann in Plettenberg sogar wieder eine Bleibe zu haben. Manchmal schaue ich mir im Netz Fotos an, der Blick vom Tanneneck, die Oestertalsperre beim Sonnenaufgang, einfach nur die Christuskirche – nach langer Zeit woanders habe ich mich (wieder) in Plettenberg verliebt und werde irgendwann mit Sicherheit auch mal länger zurückkehren, in welcher Form auch immer!

Wie sehr prägen die Erfahrungen, die Sie beim Aufwachsen in Plettenberg gemacht haben, Ihre Werke?
Ich glaube manchmal, man sucht sich seine Lebensthemen nicht aus – bei mir ist es ganz klar: Ich arbeite mich ab an dem Milieu, aus dem ich komme. Meine Eltern haben so hart gearbeitet und sind letztlich deshalb auch früh gestorben, weil ihre Kinder es gut haben sollten. Das berührt mich nach wie vor sehr, um so mehr, weil ich mittlerweile selbst einen kleinen Sohn habe. Neben der Herkunft aus einer Arbeiterfamilie, über die viel zu wenig geschrieben wird in den Büchern, gilt dieser Mangel natürlich auch für die kleine Stadt: Es müsste viel mehr große Plettenberg-Romane geben! Es gibt so viele spannende Dinge, die man erzählen kann und erzählen muss. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich das Schreiben beim Süderländer Tageblatt gelernt habe – dadurch habe ich einen Fundus an so bewegenden wie lustigen Geschichten mitgebracht, von dem ich heute noch zehren kann. Kurzum, ohne Plettenberg würde es fast keines meiner Bücher geben.

Warum heißt der kleine Ort in Ihrem neuen Werk nicht Plettenberg – obwohl vieles an die Vier-Täler-Stadt erinnert?
Schon in meinem letzten Buch „Marschmusik“ hieß die kleine Stadt Mündendorf – obwohl auch die deutliche Züge von Plettenberg hatte. Ich musste mich da erst ranschreiben, habe mich noch nicht so richtig getraut, wirklich von Plettenberg zu sprechen. Vielleicht ist es wie beim Film: Die „Kulisse“ ist die Kleinstadt, ganz deutlich inspiriert von Plettenberg bis in kleine Details, die Handlung hingegen ist frei erfunden – da hätte ich es irgendwie unverschämt gefunden, den Ort auch noch Plettenberg zu nennen. Die zweite Stadt im Roman (eine „Stadt am Rhein“) hat ja auch keinen Namen – obwohl man beim Lesen merkt, dass es sich dabei um Köln handelt.

Es müsste viel mehr Plettenberg-Romane geben! Es gibt so viele spannende Dinge, die man erzählen kann und erzählen muss.

Martin Peter Becker

Ist der „Kampf“ des Protagonisten in Ihren Werken mit der Kleinstadt auch Ihr „Kampf“?
Ja, tatsächlich. Wie verabschieden wir uns von den Eltern? Von unserer Herkunft und von allem, was uns ausmacht? Wie geht man mit den Ängsten um, die man seit der Kindheit hat und die irgendwie immer noch da sind? Es gibt vielleicht einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Protagonisten und mir: Ich habe diesen Kampf schon gehabt und irgendwie gewonnen. Ich bin von Herzen gern in Plettenberg und könnte mir, wie gesagt, sogar vorstellen, wieder dort zu leben – aber gerade deshalb konnte ich diesen „Kampf“ mit der Rückkehr beschreiben – weil ich ihn selbst gut kenne.

Wie haben die Corona-Pandemie und die daraus resultierenden Einschränkungen Buch-Autoren beeinflusst?
Ich hatte wirklich großes Glück: Ausgerechnet während der Lockdowns musste ich mich sowieso einschließen und am Buch arbeiten. Anderen Kollegen ging es da viel schlechter – wer im Frühjahr oder Herbst 2020 ein neues Buch hatte, für den fielen viele Veranstaltungen weg, die Verkäufe gestalteten sich geringer, es war eine Katastrophe. Die Folgen spürt man jetzt auch noch: Ich habe sehr wenige Lesungen und das Buch hat es nicht leicht, was den Verkauf angeht – die wirklich großen Namen verkaufen sich (und das ist auch gut so!), unbekanntere Autoren haben es sehr schwer – aber schlimm ist das alles nicht, es gibt ein neues Buch und es gab eine Lesung in Plettenberg – was kann ich mir mehr wünschen?

Sie arbeiten auch beim Radio. Sind Sie lieber Buchautor oder Journalist?
Ich liebe beide Teile meiner Arbeit. Vom Radio kann ich leben, das Bücherschreiben ist für mich ein Luxus. Letztlich, und das ist das größte Geschenk meines beruflichen Lebens, macht mir alles Freude: Ob ich eine Kolumne für den WDR oder Deutschlandfunk schreibe oder einen Essay oder mein Aufwachsen in der Kleinstadt – wenn ich vor dem Rechner sitze und schreiben darf, dann fühlt sich das selten nach Arbeit an, es ist einfach sehr erfüllend und wunderbar. Abgesehen davon mag ich es natürlich sehr, beim Radio manchmal „live“ im Studio zu sein – und kann auch nach 15 Jahren, die ich mittlerweile fürs Radio arbeite, immer noch nicht zu richtig glauben, dass ich das gerade wirklich tun darf.

Gibt es literarische Vorbilder, die Sie beeinflusst haben?
Da gibt es mittlerweile viele Autoren. Franz Kafka natürlich, auch Heinrich Böll beispielsweise – oder Terézia Mora, mit der ich gut befreundet bin und die meine Dozentin war während des Studiums in Leipzig. Den allergrößten Respekt habe ich aber vor Kollegen, die es schaffen, sowohl unterhaltsam zu schreiben, als auch anspruchsvoll – gute Literatur, die man trotzdem auch nach einem langen Arbeitstag noch gern liest, das bewundere ich sehr.

Haben Sie Kontakt zu Peter Prange, einem weiteren sehr bekannten Autoren aus der heimischen Region?
Leider nein, obwohl ich seinen beeindruckenden Werdegang natürlich verfolge. Wenn wir uns mal treffen, dann haben wir uns sicher viel zu erzählen – Peter Prange ist ja ein richtiger „Star“ vergleichsweise, da würde mich schon interessieren, wie er arbeitet und wie er recherchiert.

Hoffen Sie, dass eines Ihrer Werke ebenso irgendwann verfilmt wie beispielsweise die „Wunderbaren Jahre“ von Peter Prange?
Das wäre toll! Gerade die „Kleinstadtfarben“ haben ja ein gewisses Potential, Freunde von mir stellen sich schon Axel Prahl als Kommissar Pinscher vor – mal schauen, was sich tut, es lesen immerhin ein paar Leute aus der Filmbranche gerade die „Kleinstadtfarben“ – die Wahrscheinlichkeit einer Verfilmung ist natürlich trotzdem gering, es gibt da draußen so viele tolle Stoffe und erzählenswerte Geschichten. Sollte es klappen, dann hätte ich als Autor nur eine einzige Bedingung: Mindestens eine Szene muss wirklich in Plettenberg gedreht sein.

Für wie wichtig halten Sie Lesungen wie diese in der Stadtbücherei? Oder handelt es sich einfach nur um Werbung für Ihr Werk?
Es kommt wirklich auf die Veranstaltung und auf den Ort an. Manche Termine sind „Arbeit“ und Werbung fürs Buch, andere Lesungen sind mir ein Anliegen – und ohne Quatsch, Plettenberg gehört dazu. Sobald ich wusste, dass der Roman fertig wird, habe ich Bücherei-Mitarbeiterin Christiane Flick-Schöttler geschrieben und gesagt: Ich will unbedingt wieder in Plettenberg lesen! Das ist für mich – obwohl ich schon zwei sehr schöne Veranstaltungen mit dem Buch in Köln und Halle hatte – der mit Abstand wichtigste Termin.

Ich saß in den Proben beim so tollen Musikzug der Feuerwehr, war überhaupt nicht gut – fühlte mich aber wie der König der Musikszene, ich war ein richtiger Großkotz.

Martin Peter Becker

Was hat sich mit dem Erfolg des ersten Buches für Sie verändert?
Nicht so viel und doch ein bisschen was. Man kannte mich plötzlich in der (kleinen) Literaturszene, es gab damals 2007 sogar die kindliche Hoffnung, plötzlich richtig berühmt zu werden – das hat nicht ganz geklappt, aber seither darf ich eben ein wenig „mitspielen“ in diesem Betrieb – das war wahrscheinlich die Hauptveränderung, von der ich noch heute profitiere.

Hatten Sie immer den Werdegang eines Autoren vor Augen? Oder was war Ihr ursprünglicher Berufswunsch?
Ich wollte unbedingt Musiker werden. Posaunist in den großen Orchestern des Landes. Dafür war ich zwar zu untalentiert und habe zu spät angefangen, aber das Selbstbewusstsein stimmte. Das ist mir heute furchtbar peinlich. Ich saß in den Proben beim so tollen Musikzug der Feuerwehr, war überhaupt nicht gut – fühlte mich aber wie der König der Musikszene, ich war ein richtiger Großkotz, da gibt es auch kein anderes Wort. Das tut mir heute leid, aber der Minderwertigkeitskomplex eines etwas zu klein gewachsenen Jungen sollte mittlerweile bearbeitet sein, für die Schriftstellerei hatte ich offenbar etwas mehr Talent. Abgesehen davon: Es hätte nie zu einem guten Musiker gereicht, nie, nie, nie! Wenigstens konnte ich über dieses Scheitern später dann schreiben – und freue mich bis heute über alles, was ich über den Musikzug im Netz finden kann.

Haben Sie noch viele Verbindungen nach Plettenberg?
In gewisser Weise schon. Meine restliche Familie lebt noch dort, meine Eltern sind gemeinsam auf dem Hirtenböhl beerdigt, ich habe ein ganz inniges Verhältnis zur Familie meines Bruders – und ab und zu treffe ich alte Schulfreunde plötzlich in der Stadt und man quatscht und vergisst die Zeit. Natürlich auch nicht zu vergessen: Ich verfolge sehr intensiv die Arbeit der Werkstatt Plettenberg, wo ich nach wie vor Mitglied bin – und im nächsten Jahr gibt es ein Treffen nach 20 Jahren mit meinen Mitabiturienten, darauf freue ich mich sehr.

Woher stammt Ihre Faszination für Tschechien und Prag im Besonderen?
Ich war 2006 das erste Mal als Tourist dort und habe mich Hals über Kopf in die Stadt verliebt. Ein Wintertag in Prag und ich landete im Krankenhaus mit einer aus Berlin mitgebrachten Lebensmittelvergiftung – das verbindet für immer! Mein bester Freund Jaroslav Rudi ist der derzeit bekannteste tschechische Schriftsteller und hat mir viel von Prag gezeigt damals, als wir uns bei einem Interview kennenlernten – so war ich oft da, habe Bücher über Prag und Tschechien geschrieben, die Sprache ein wenig gelernt und sogar für ein Jahr mal eine Wohnung dort gehabt – es ist einfach ein tolles Land, ich mag die Menschen und ihren Humor, die Moldau, das immer noch sehr industrielle Ostrava an der polnischen Grenze – vielleicht sind es auch einfach die Mittelgebirgslandschaften und eben der unschlagbare Humor dort, die mich wiederum ans Sauerland erinnert haben. Die kurze Antwort wäre also, ganz wagemutig: Prag und Tschechien habe ich lieben gelernt, weil es mich an meine Heimat erinnert.

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