Eine Boyband der völlig anderen Art

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Von Paul Potts bis Omar Sharif als Bühnentypen: Die zwölf Tenöre sprachen alle, tatsächlich alle Sinne an, als sie am Sonntag bei ihrer „Millenium-Tour“ in Attendorn ein Adventskonzert der Sonderklasse boten 

Attendorn/Plettenberg - Der Schneesturm tobt draußen, Beifallsstürme wärmen drinnen: Das ausverkaufte „The 12 Tenors“-Konzert begeistert Attendorner und Plettenberger. Das ist eine exzellente Boyband, gar keine Frage.

Die erste Boyband der Musikgeschichte seien die Comedian Harmonists gewesen, das gilt als sichere Erkenntnis. 90 Jahre später kennen wir Boygroups jedweder Art, Beatles, Queen, die „drei Tenöre“ Placido Domingo, Luciano Pavarotti und Jos´e Carreras. Wir kennen Castingshows, die einen Handyverkäufer namens Paul Potts zum gefeierten Bühnenstar machten. Musikgeschichte, alles das. Und dann kommt eine Boyband der anderen Art, stopft das Beste von alledem in einen Mixer und rockt die ausverkaufte Attendorner Stadthalle – ihr Name: „The 12 Tenors“.

 Trotz des tobenden Schneesturms hatten sich die Plettenberger und Herscheider auf den Weg in die Stadthalle gemacht; eine weise Entscheidung, wie sich bereits nach den ersten Tönen erwies.

 Luciano Pavarotti hätte so oder so ähnlich einst die Show der drei Star-Tenöre der 90er Jahre eröffnet: „Funiculi, Funicula“ hieß es als Ode an Neapel, dann „La Donna E Mobile“ aus Rigoletto. Wer damit ein Konzert aufzieht hat schon gewonnen und wer dann noch den „kleinen grünen Kaktus“ der Comedian Harmonists hinterherschiebt, den auch noch mit sorgfältig austarierter Choreografie untersetzt, dem ist ein Riesenbeifall sicher, erst recht, wenn die Arie „Una furtiva lagrima“ folgt.

 Tenöre reißen das Publikum zu größter Beglückung hin, je mehr Tenöre, umso größer die Hochstimmung. In Attendorn zeigte sich mit den zwölf Tenören eine Boyband, die auch optisch überzeugte und jeden Schwiegermuttertest bestanden hätte. Jeder Typ war besetzt, von Omar Sharif über George Michael bis hin zu, ja tatsächlich, Paul Potts. 

Denke niemand, Tenöre müssten oder könnten nur klassisch: Pustekuchen! Die Boyband schaltete um auf die Beatlesmania. „Yesterday“, „Twist and shout“, „Hey Jude“. Wow! Weiter mit dem Stimmungskracher La Bamba von Richie Valens, Hallelujah und Frank Sinatras „My way“. Weiter im Programm mit Tom Jones’ „Delilah“, einem Reißer im eiligen Walzertakt, bei dem geschunkelt werden darf, soll, muss – egal, jeder wills mit. Das ist beim Amazing grace nicht viel anders; da müssen die Herzen mit. Oder um es mit Lena Valaitis zu sagen, die das Kirchenlied einst deutsch sang: „Ein schöner Tag ward uns beschert“. Kontrastprogramm mit dem „King of Pop“, Michael Jackson: „Heal the world“, was wunderbar in die Adventszeit passen wollte. Doch dann wurde es tenörig-schmutziger und eine Spur unanständiger: „Man in the mirror“ und „Thriller“.

Auf "Nessun Dorma" haben alle sehnsüchtig gewartet

 Sodann der Höhepunkt der ersten Hälfte: Das „Nessun Dorma“ aus Puccinis Oper „Turandot“ – darauf bezog sich die Leserfrage, mit der drei ST-Leser Karten für das Attendorner Konzert gewannen. Jetzt aber gewannen alle: Die Arie des Prinzen Kalaf, ausgebreitet vom Dutzend, beschenkte die Plettenberger, Herscheider, Attendorner in großartiger Manier. Das ging nach der Pause in diesem Stil weiter: Die Ouvertüre aus „Carmen“ machte den zweiten Anfang. Und gleich noch so ein million-seller als Dreingabe: Das Trinklied aus „La Triaviata“: „Libiamo ne lieti calici“ – schon lag die Stadthalle den Zwölf zu Füßen.

Alexander Herzog, der feste, stimmgewaltige Pol der Tenöre, empfindet „Nessun dorma“.

 „Granada“, dieses raffinierte Kunstlied über die spanische Stadt, mit rasendem Stierkampf und pulsierenden Kastagnetten, riss zu Jubelstürmen hin. Ein ums andere Mal begeisterten die Zwölf mit der maximalen Wandlungsfähigkeit der Stimmen, der Farbigkeit des Vortrages und auch dem komödiantischen Vermögen, gespeist aus Choreographie, schelmischer Mimik und einer kecken Garnierung mit einer Spur sexappeal. 

„The 12 Tenors“ sind eine Boygroup, die sich in der Attendorner Besetzung aus Amerikanern, Briten, Polen, Deutschen und Österreichern zusammensetzte. Jeder für sich und alle zusammen für das ganze standen sie für die Integrationskraft der Musik rund um die Welt und wurden bei ihrer Vorstellung jeweils mit ihren Heimatländern (!) gefeiert. 

Man darf man auch mit sexappeal kokettieren

So machte sich diese freche Boyband weiter auf ihren Weg um die Welt: „Walking in Memphis“, „Sounds of silence“ mit Simon & Garfunkel einst im Central Park von New York unsterblich geworden.

 Silence? Pah! Die Tenöre rocken unvermittelt los mit Heinz-Rudolf Kunzes „Dein ist mein ganzes Herz“. Die ganze Halle ist textsicher und aus den Tenören wird eine Rasselbande. Dann heißt es „Wake me up“ aus den 80er Jahren. Steht da nicht George Michael auf der Bühne oder ist es doch nur sein Double? Man kommt nicht dazu, die Sache zu untersuchen, weil es so eilig wird. „The Final Countdown“ der schwedischen Hardrocker von „Europe“ ist wahres Tenöre-Hardcore, um dann auf „Stayin alive“ umzuschwenken. Aus drei Bee Gees werden derer zwölf, also, meine Herren!

 Von der Disco in den musikalischen Whirlpool: Robbie Williams’ „Angels“, „Don’t cry for me Argentina“ aus dem Musical Evita und dann das neapolitanische Lied „Oh sole mio“ – kann es überhaupt eine Steigerung in einem solchen Adventskonzert geben? Aber ja, da geht noch was. Die ungewöhnliche Boyband widmet sich Queens „Bohemian Rhapsodie“. Mit Verlaub: Es war für uns die beste Coverversion dieses im Genre Rock angesiedelten, opernartigen Kunstliedes, das jedes Ensemble in höchster Weise fordert.

Hört, hört: "Bohemian Rhapsodie" und "Music"

Danach kann nur noch „Music“ von John Miles kommen – und es kam, perfekt eingekleidet in „Summer of 69“ und „We will rock you“. 

Nein, längst nicht das Ende der Fahnenstange. Tenöre können auch ohne Jackett und Anzughemd. „Kiss“ von Prince ist in einer solchen Performance schon unverschämt sexistisch – und in gleicher Weise nötig. Die Zwölf besorgten es ihrem euphorisierten Publikum. Danach war endgültig „Time to say goodbye“. 

Taschenlampen und Handyleuchten fuhren jetzt rhythmisch durch die Luft und verabschiedeten die internationale, junge Tenöre-Boyband in den Abend – und die gab der Damenwelt noch ein Zückerchen mit auf den Weg: „Kommen Sie zum goldenen Bus, da gibt’s für jede Dame einen Kuss“ . . . von jedem einzelnen Tenor. 

Sage niemand, dass zwölf Tenöre ernst sein müssen: Als jugendliche Boyband rockten die Männer am Sonntag die Attendorner Stadthalle.

Wir wissen nicht, wie das Abenteuer später ausgegangen ist, aber wir wissen soviel: Wenn Luciano Pavarotti am Sonntag auf seiner Wolke gesessen und auf Attendorn heruntergeschaut hat, dann wird er, mindestens mit den Beinen baumelnd, „Amazing grace“ gesummt haben. Wenn er nicht sogar bei „Twist and shout“ in Wallung geraten ist, woll?


Camilla und Stefan Aschauer-Hundt, ST Plettenberg


https://youtu.be/Z_FESHkC1QY

Mit diesem Link geht es direkt zu "Music" von John Miles, hier dargeboten von "The 12 Tenors". Viel Vergnügen! 

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