Gespräch bei der Firma Hiby zur aktuellen Lage

Freude am Ausbildungsmarkt: „Handwerk ist wieder sexy“

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Vertreter aus Industrie, Handwerk und der Arbeitsagentur trafen sich am Dienstag bei Hiby und resümierten über das Ausbildungsjahr 2016 / 17 und zeigten sich insgesamt mit der Entwicklung zufrieden.  

Plettenberg - Das Ausbildungsjahr 2016 / 17 war erfolgreich. Das wurde aus der Gesprächsrunde mit Vertretern von Industrie und Handwerk sowie der Arbeitsagentur bei der Firma Elaflex Hiby deutlich. „Handwerk ist wieder sexy“, wie es Dirk Jedan, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, formulierte. 

Aber auch die anderen Branchen sind zufrieden – bemängelt wurde von allen allerdings die zunehmend schlechtere Schulbildung und die Unsicherheit der Jugendlichen bei der Jobsuche.

„2017 war ein sehr gutes Jahr aus unserer Sicht“, schilderte Arbeitsagenturchefin Sandra Pawlas. Es gab mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. 3 211 Jugendliche haben sich im Beratungsjahr 2016 /17 in der Berufsberatung der Agentur für Arbeit gemeldet, um einen Ausbildungsplatz zu finden. Das sind fünf Personen weniger als vor einem Jahr, was allerdings ein nicht nennenswerter Unterschied sei. 282 Ausbildungsplätze blieben im Kreis unbesetzt. 

Dirk Jedan konnte sich den positiven Worten von Pawlas anschließen. „Die Fachbetriebe im Handwerk sind ausbildungswillig; es gibt zehn Prozent mehr Stellen als im Jahr davor und die werden auch genutzt“, erklärte Jedan. Er appellierte aber auch an die Politik: „Die Basics müssen besser werden.“ Bei vielen Schülern scheiterte es schon an den Grundrechenarten. Wie viel Liter Farbe für das Streichen eines Raumes benötigt würden, könnten heute immer weniger Jugendliche ausrechnen. 

Das „Matching“ passt oft nicht 

Kristina Junge, Leiterin der Rechtsabteilung des Arbeitgeberverbandes der Metall- und Elektro-Industrie Lüdenscheid, konnte ebenfalls bejahen, dass die Ausbildungsbereitschaft ungebrochen groß sei. Problematisch sei das sogenannte Matching. Heißt: Bewerber und Ausbildungsplatz passten oft nicht zusammen. Das könne an unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen liegen; teilweise ist aber auch eine lange Anfahrt für eine Entscheidung ausschlaggebend. Der Verband organisiere stets Aktionen, die den Jugendlichen zeigten, wo ihre Stärken liegen. „Die Bewerber sind ja da“, sagte sie. 

„Viele schätzen ihre Stärken und Schwächen falsch ein“, sagte Volker Riecke, Geschäftsführer des Jobcenters im Märkischen Kreis. „Viele gehen lieber zur Schule, weil sie anfangs unsicher sind. Nach der Schule stellen viele dann fest: Diese Schulbildung hätte ich für die Ausbildung gar nicht gebraucht.“ 

Ein in der Zukunft noch größeres Thema als jetzt sei die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Die Bereitschaft der Unternehmen sei da. Allerdings gäbe es ein großes Problem, das von allen Teilnehmern nickend bestätigt wurde: die fehlende Deutschkenntnis. „Die Flüchtlinge sollten mindestens die Voraussetzungen für B1 erfüllen. Viele können das aber nicht“, sagte Riecke. Er regte an, dass Nachschulungsangebote sinnvoll sein könnten. „Wenn die Flüchtlinge gut deutsch sprechen, ist eine nachhaltige Integration möglich.“ 

Falsches Bild von Jobs gezeichnet 

Der Märkische Arbeitgeberverband habe bereits mehrere Projekte für Flüchtlinge organisiert, wie Geschäftsführerin Dr. Bettina Schwegmann erklärte. Eine klassische Ausbildung sei bei manchen Flüchtlingen unbekannt. „Die Menschen haben ihre Familien zurückgelassen. Die gehen davon aus, dass ihnen Geld geschickt wird“, sagte Schwegmann, die vorschlug, die Teilzeitausbildung anzubieten. „Damit werden die Flüchtlinge nicht den ganzen Tag ausgebildet und können nebenbei noch etwas mehr verdienen“, erklärte sie. 

Alle Teilnehmer waren sich sicher, dass die Schulbildung im allgemeinen schlechter wird und dass viele „Basics“ nicht gelehrt würden – vor allem im Fach Mathe. Auch würde in der Schule von einigen Berufen oft ein falsches Bild gezeichnet. „Viele Schüler wissen nicht, was in den Berufen gemacht wird. Industrie heißt bei vielen: das ist dreckig“, sagte Hiby-Personalleiterin Susanne Lange, die das KBOP (Kompetenzzentrum Berufsorientierung Plettenberg) in Böddinghausen lobte. 

„Die haben es verstanden. Das Speeddating gibt den Schülern zum Beispiel einen kleinen Einblick in die unterschiedlichen Berufe. Die Bereitschaft muss an allen Schulen da sein.“ Die Teilnehmer der Gesprächsrunden regten an, im Unterricht mehr über die einzelnen Branchen zu lernen, anstatt wochenlang das Ausfüllen von Lebensläufen zu üben. 

Hiby: „Haben keine Angst vor E-Auto“ 

Gastgeber des Gespräches war die Firma Hiby um Werkleiter (Werk 1) Michael Krämer und Personalleiterin Susanne Lange, die zu Beginn das Unternehmen vorstellte. Das Unternehmen ist auf viele Branchen spezialisiert, vor allem aber für seine Tanktechnik bekannt. Lange nahm aber gleich vorweg: „Wir haben keine Angst davor, wenn irgendwann das E-Auto kommt.“ Überall, wo Flüssigkeiten von A nach B gepumpt werden müssten, sei das Unternehmen vertreten. 

„Wir haben in diesem Jahr zehn Auszubildende. Wir hätten gerne zwei mehr genommen“, erklärte Lange. Aber oft fehlten die richtigen Qualifikationen. Aber auch insgesamt habe sie das Gefühl, der Mittelstand sei bei der Jugend oft unbeliebter als große Konzerne. „Vielleicht sind die Konzerne hipper oder haben den besseren Werbefilm, was dann die Entscheidung beeinflusst“, erklärt Lange. Fakt sei, dass am Beispiel Hiby eigentlich alle Auszubildenden übernommen würden. 

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