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Als Koch im Olympischen Dorf: Attentat in München 1972 miterlebt

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Von: Christos Christogeros

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Der ausgebrannte Hubschrauber in Fürstenfeldbruck – bis heute ein Symbol für das Attentat von München 1972.
Der ausgebrannte Hubschrauber in Fürstenfeldbruck – bis heute ein Symbol für das Attentat von München 1972. © dpa

Es sollte eine große Feier des Sports werden, doch Olympia 1972 wird in Zukunft auch immer mit Tod und Terror in Verbindung gebracht werden: Vor einem halben Jahrhundert fanden die Olympischen Spiele in München statt, überschattet von der Geiselnahme und der Ermordung israelischer Sportler. Der Plettenberger Hans-Joachim Schulte war dabei. Er war 1972 einer von rund 800 Angestellten in der Küche des Olympischen Dorfes in München.

Plettenberg/München - Olympia 1972 – das sei eine einmalige Erfahrung für ihn gewesen. Jeden Morgen wurden der Plettenberger und seine Kollegen um 4.30 Uhr aus einer nahegelegenen Kaserne abgeholt und zum Olympischen Dorf gefahren. Pro Tag erhielt er zehn Mark Sold. „Ein guter Verdienst, schließlich erhielten wir damals nicht viel als Wehrdienst-Sold“, sagt Schulte. Außerdem durfte er kostenlos bei Trainingseinheiten zusehen und einige Eintrittskarten zu Wettkämpfen wurden ihm zusätzlich geschenkt.

Schulte gewöhnte sich schnell an die Superlative bei Olympia: 24 000 Mahlzeiten wurden den Athleten täglich bereitgestellt. Doch der Appetit eines Sportlers verschlug dann auch ihm die Sprache.

Täglich 20 Spiegeleier und 16 Lammkoteletts

„Vielen, denen ich das erzähle, glauben mir das einfach nicht“, sagt Hans-Joachim Schulte. Chris Taylor, ein rund 200 Kilo schwerer Ringer, bestellte jeden Morgen bei Schulte 20 Spiegeleier und 16 Lammkoteletts zum Frühstück. „Der hatte eine enorme Körpermasse“, erinnert sich Schulte. Doch auch sonst galt für die Olympischen Spiele in München 1972: Alles war größer, bunter und prächtiger als je zuvor.

Der damals 20-jährige Schulte wurde als Wehrdienstleistender nach München geschickt. In der Kaserne Lüneburg hatte er eine Feldkoch-Ausbildung absolviert. Mitten im Olympischen Dorf befand sich seine vorübergehende Arbeitsstelle: in der rund zehn Millionen Mark teuren Küche für die Athleten.

„Wir waren ungefähr 800 Mann, 500 davon waren Studenten, die mindestens zwei Fremdsprachen können mussten“, erinnert sich Schulte. Manche der Küchenhilfen waren auch Teilnehmer an olympischen Wettkämpfen. „Deren Verbände hatten dann eben nicht so viel Geld“, sagt Schulte.

Täglich hatte der Plettenberger an der Herstellung von rund 24 000 Mahlzeiten mitgewirkt. „Die Sportler konnten sich jeden Tag, 24 Stunden lang, etwas zu Essen holen“, berichtet Schulte. In Schichten eingeteilt bewirteten er und seine Kollegen rund 10 000 Sportler. Die Leitung der Küche unterstand damals Kempinski. „Für manche Spitzensportler wurden extra Spitzenköche eingeladen“, erinnert sich Schulte.

„Was damals noch ziemlich ungewöhnlich war: Die nicht verzehrten und nicht so schnell verderblichen Nahrungsmittel wurden von Kühlwagen abgeholt und an soziale Einrichtungen gespendet“, sagt Hans-Joachim Schulte. Es seien hervorragende Spiele mit einer außergewöhnlich guten Stimmung gewesen – bis zum schicksalhaften Morgen des 5. September 1972.

„Plötzlich eine unglaubliche Unruhe“

Jener Tag begann für den Plettenberger und seine Kollegen wie jeder andere Olympia-Tag auch. Um 4.30 Uhr wartete ein Bus vor der Kaserne, in der er untergebracht war, um die Köche in das Herz des Olympischen Dorfes zu fahren. „Wir haben ganz normal angefangen zu arbeiten, als plötzlich eine unglaubliche Unruhe ausbrach“, erinnert sich Schulte und fährt nach einer kurzen Pause fort: „Da kriege ich heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an den Moment denke.“ Schließlich habe er auch einige Schüsse gehört.

Plötzlich stürmten Küchenleitung und Polizei in die Räume. Alle sollten aus dem Gebäude – sofort. „Niemand wusste, was wirklich los war. Erst nach und nach sickerten einzelne Informationen durch“, sagt Schulte im Gespräch mit der Heimatzeitung.

„Wir haben alle Angst gehabt“

Schulte und die anderen Mitarbeiter der Küche, die sich mitten im Olympischen Dorf befand, ließen alles stehen und liegen und folgten den Einsatzkräften. Ohne genau zu wissen, was eigentlich passiert war, wurden die Köche und deren Hilfen in einen Küchentrakt nahe der Anlieferungszone gesperrt. „Wir haben alle Angst gehabt. Gerade wir Bundeswehr-Soldaten waren es ja sonst gewohnt, schwer bewaffnet zu sein. An diesem Tag trug ich aber nur einen einfachen weißen Anzug“, erinnert sich Schulte.

Die einzige Möglichkeit, sich ein Bild von der Situation draußen zu machen, bestand in einem Fernseher. „Und den hatten die Geiselnehmer ja auch. Wir merkten schnell, wie unkoordiniert die Rettungsaktion der Polizei war“, sagt Schulte. Denn auf der Mattscheibe konnten sowohl der Plettenberger als auch die palästinensischen Geiselnehmer verfolgen, wie die Beamten eine Befreiungsaktion vorbereiteten. Doch mehr erfuhren auch die eingesperrten Angestellten der Küche nicht.

„Wir saßen da in einem Loch und wussten nicht, was wirklich los war“, berichtet Schulte. Schließlich hätte es auch eine größere Aktion der Terroristen sein können. „Wir vermuteten nur, dass die vielleicht auch irgendwo Sprengstoff angebracht hatten“, sagt Schulte. Nur rund 300 Meter entfernt fand die Geiselnahme statt.

„Keiner hat gefragt, wie es uns geht“

Fast 24 Stunden waren der Plettenberger und zahlreiche andere Angestellte der Olympia-Küche in diesem Küchentrakt gefangen. Erst gegen 1.00 Uhr seien sie rausgelassen worden. „Da wussten wir noch nichts vom Blutbad in Fürstenfeldbruck“, berichtet Schulte.

Er sei ganz normal in die Kaserne gefahren worden, an der er auch dann pünktlich um 4.30 Uhr wieder zu seiner Schicht abgeholt wurde. „Uns hat keiner gefragt, wie es uns geht, oder ob wir psychologische Hilfe benötigen würden“, erinnert sich Schulte. Erst als er wieder in seine Kaserne nach Lüneburg zurückkehrte, habe man ihm 14 Tage Sonderurlaub zugestanden.

Erst am Morgen des 6. September haben Schulte und seine Kollegen das ganze Ausmaß des Blutbades begriffen. „Natürlich herrschte eine schwer gedrückte Stimmung im Olympischen Dorf. Es war echt sehr schlimm“, erzählt Schulte, dem anzumerken ist, dass ihn die Erlebnisse des 5. September immer noch beschäftigen und traurig stimmen.

Doch die Spiele mussten weitergehen – und damit auch der Einsatz des Plettenbergers in der Küche des Olympischen Dorfes in München.

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