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AquaMagis: Warum aus dem Spaßbad ein Sparbad werden muss

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Von: Georg Dickopf

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Sechs der neun Außenrutschen sollen demnächst zusätzlich isoliert werden, um den Energieverlust zu minimieren.
Sechs der neun Außenrutschen sollen demnächst zusätzlich isoliert werden, um den Energieverlust zu minimieren. © Aquamagis

Um das AquaMagis wurde die Stadt Plettenberg viele Jahre beneidet. Es ist eines der fünf attraktivsten und besucherstärksten Freizeitbäder im Bundesgebiet, das jährlich 400.000 Besucher anlockt und sich dank einer steuergünstigen Quersubventionierung durch die Stadtwerke selbst trägt.

Plettenberg - Zusätzlich beschäftigt es 100 Mitarbeiter, ist ein großer Steuerzahler und steuert noch jährlich gut 800.000 Euro für den Etat der Kultour GmbH bei.

Doch das Vorzeigebad mit seinen spektakulären Rutschen, das jenseits von Plettenberg höchst beliebt ist, in der eigenen Stadt aber einige Kritiker hat, droht in massive Schieflage zu geraten. Erst sorgten die Corona-Krise und eine mehrmonatige Komplettschließung für Einnahmeausfälle. Dann wurde mit der Sperrung der A45 in Lüdenscheid die Anfahrt für die zahlreichen Gäste aus dem Raum Hagen und dem Ruhrgebiet deutlich erschwert. Und nun schlägt die Gaskrise voll durch.

Der Energieträger, der jahrzehntelang gerade für Großabnehmer günstig aus Russland zu haben war, ist jetzt ein Luxusgut geworden. Die Gasmengen müssen gedrosselt werden und falls die dritte Stufe des Gasnotfallplans gezündet wird, müsste das AquaMagis sogar komplett schließen.

Auf Anfrage erklärte Geschäftsführer Dr. Uwe Allmann, dass der Gas-Jahresverbrauch zuletzt bei satten 15 Millionen (!) Kilowattstunden lag. Das entspricht dem Verbrauch von 750 Einfamilienhäusern.

Heute: Zehnfacher Wert des gesicherten Preises

„Wir haben uns das Gas seinerzeit für 2 Cent an der Börse gesichert und haben die Gasmengen glücklicherweise auch für 2023 und ein Stück weit auch für 2024 abgesichert. Ansonsten könnten wir den Schlüssel umdrehen, denn statt gut sechs Cent Brutto mit allen Zulagen und Steuern müssten wir jetzt rund 26 Cent bezahlen“, so Allmann.

Allein von Dienstag auf Mittwoch habe sich der Gaspreis an der Börse ohne Netzentgelte, Umlagen und Steuern von 20,9 auf 21,8 Cent erhöht. „Das ist der zehnfache Wert unseres gesicherten Gaspreises“, so Allmann, der damit statt nun 300.000 Euro rund 3 Millionen Euro bezahlen müsste.

Dramatisch ist auch die Lage im Strombereich, wo Allmann aber dank eines ebenfalls langfristigen Vertrages noch halbwegs gut schlafen kann. Dennoch hat der seit 20 Jahren für die Geschicke des Plettenberger Freizeitbades verantwortliche Geschäftsführer die Zeichen der Zeit erkannt und will massiv investieren, um nach dem Auslaufen der Lieferverträge gerüstet zu sein.

„Bei uns lautet jetzt die Devise Hackschnitzel und Photovoltaik statt Kamikaze-Rutsche“, sagt der Badchef, der rund fünf Millionen Euro in die energetische Aufwertung des Freizeitbades stecken will.

Neue Energietechnik geplant

„Unsere Lüftungsanlage ist knapp 20 Jahre alt und sicher schon modern, aber es gibt heute bessere Arten der Wärmerückführung.“ Ähnlich sehe es bei den noch mechanisch betriebenen Pumpen für die Wassertechnik aus.

„Bei der Installation der Außenrutschen haben wir seinerzeit auf eine zusätzliche Wärmeisolation verzichtet, weil die Amortisationszeit bei zwölf Jahren lag. Jetzt sind es zwei Jahre“, so Allmann, der bei der Rutschenbaufirma Klarer angefragt hat, sechs Rutschen zusätzlich zu dämmen. Ein Problem – das sei bereits erkennbar – könne aber bei der Materialbeschaffung auftreten.

Badchef Dr. Uwe Allmann mit den Plänen für das Hackschnitzelkraftwerk.
Badchef Dr. Uwe Allmann mit den Plänen für das Hackschnitzelkraftwerk. © Dickopf

Ein ähnliches Beispiel sei die Geothermie, bei der über Erdbohrungen Energie erzeugt werde. „Wir haben 70 Geothermiefirmen für eine Probebohrung angefragt und überall nur Absagen bekommen“, bedauert Allmann.

Etwas besser sieht es im Bereich Photovoltaik aus, denn zusätzlich zu den bereits installierten 100 Kilowatt-Peak auf den Dächern von Nebengebäuden und dem Ferienresort soll nun auch das gesamte Dach des Erlebnisbades mit PV-Modulen zur Stromerzeugung in einer Größenordnung von gut 200 Kilowatt-Peak ausgestattet werden. „Die Module selbst sind gut zu bekommen, die Wechselrichter aber nicht“, sagt Allmann, der hofft, die PV-Anlage mit einem Strom-Jahresertrag von rund 200 000 Kilowattstunden (das entspricht dem Jahresverbrauch von 400 Familien) bis zum Jahresende installieren zu können.

Stadt: Keine weiteren PV-Anlagen möglich

„Ich hätte zusätzlich auch gerne unsere vorhandenen Grundstücke neben und hinter dem Freizeitbad für eine große Freiflächen-PV-Anlage genutzt“, sagt Allmann. Doch die Plettenberger Stadtverwaltung habe ihm mitgeteilt, dass der Bebauungsplan eine solche Anlage nicht hergebe und auch der Denkmalschutz der Fischbauchbogenbrücke ein Problem sei. „Als Alternative habe ich sogar überlegt, den Parkplatzbereich mit PV-Modulen zu bestücken, aber das rechnet sich wegen der notwendigen Trägerstruktur nicht“, so Allmann.

Herumplantschen in den Außenbecken ist ab Ende August nicht mehr möglich.
Herumplantschen in den Außenbecken ist ab Ende August nicht mehr möglich. © Aquamagis

Fortgeschritten sind dagegen die Planungen für ein Holzhackschnitzelkraftwerk in Verlängerung des vorhandenen Blockheizkraftwerkes. „Wir haben Förderanträge für ein 200 kW-Hackschnitzel-Kraftwerk gestellt“, berichtet der Geschäftsführer der AquaMagis GmbH. Offen sei allerdings noch, ob man damit über eine Vergasertechnik Strom erzeuge, oder Wärme für die Aufheizung der Becken und der Luft produziere. „Vielleicht wäre es auch möglich, Holzreste aus städtischen Wäldern dort einzusetzen“, sagt Allmann, der den energetischen Umbau des in einem Jahr schuldenfreien Erlebnisbades sehr ernst nimmt.

„Wir haben in dieser Zeit auch ein Stück weit die moralische Verpflichtung, unseren Teil zur Energiewende und zur Reduzierung des Strom- und Gasverbrauches beizutragen“, sagt der Badchef, der ein ehrgeiziges Ziel anstrebt: „Ich möchte den Gas- und den Stromverbrauch im AquaMagis halbieren. Von der dann noch notwendigen Energie soll mindestens die Hälfte durch erneuerbare Energien abgedeckt werden“.

Diese Temperaturen im Sportbecken sind in Zukunft Geschichte. Dort liegt die Temperatur jetzt bei 26,5 Grad.
Diese Temperaturen im Sportbecken sind in Zukunft Geschichte. Dort liegt die Temperatur jetzt bei 26,5 Grad. © Dickopf

Man habe bereits begonnen erste Sparmaßnahmen einzuleiten. So werden sämtliche Leuchtkörper auf LED-Technik umgestellt.

Reduzierung der Wassertemperatur

Merken werden die Gäste im Bad aber vor allem die Reduzierung der Wassertemperatur um rund 1,5 Grad in allen Becken. Im großen Sport-und Panoramabecken werde man mit 26,5 Grad warmen Wasser (statt bislang 28,2 Grad) vorliebnehmen müssen. In den übrigen Becken werde die Temperatur ebenfalls im Schnitt um 1,5 Grad gesenkt. Da das Solebecken innen und außen über den gleichen Wasserkreislauf verfüge und alle Außenbecken ab Ende August geschlossen werden sollen, fällt auch das Sole-Innenbecken dem Sparzwang zum Opfer.

„Als Ausgleich werden wir aber die Temperatur im Erlebnisfluss auf 30 Grad hochfahren“, so Allmann. Zudem werde man nicht mehr tagtäglich alle acht Saunen durchlaufen lassen, sondern die Hälfte ausschalten und nur bei Bedarf zuschalten. Und auch bei den Rutschen werde man nur sieben statt neun Rutschen kontinuierlich betreiben.

Die Wassertemperatur im Aquamagis wird in allen Becken um rund 1,5 Grad gesenkt. Die Solebecken werden ab Monatsende komplett geschlossen.
Die Wassertemperatur im AquaMagis wird in allen Becken um rund 1,5 Grad gesenkt. Die Solebecken werden ab Monatsende komplett geschlossen. © Dickopf, Georg

„Durch dieses Maßnahmenpaket können wir rund 15 Prozent Energie einsparen und verhindern so die ansonsten notwendige Anhebung der Eintrittspreise“, sagt Dr. Allmann, der auf das Verständnis der Besucher hofft.

Grundsätzlich seien fast alle Bürger von den drastisch gestiegenen Energiepreisen betroffen. „Wir werden sehen, ob die Leute im Winter noch zwei Stunden über Umleitungen zu uns fahren, wenn überall das Geld knapper wird“, rechnet der Geschäftsführer mit einem zusätzlichen Besucherrückgang.

Gasumlage kostet 500 000 Euro

Die gerade beschlossene Gasumlage, die nun auch noch um eine Gasspeicherumlage und eine Bilanzierungsumlage ergänzt werde und sich dann auf rund 3,5 Cent pro Kilowattstunde belaufe, sorge im Bad für Mehrkosten von jährlich 500 000 Euro.

Bei allen Bemühungen, das AquamMagis zu einem „nachhaltigen und grünen Erlebnisbad“ zu machen, will Allmann das Thema Attraktivitätssteigerung dennoch nicht ganz aus den Augen verlieren. „Die besagte Kamikaze-Rutsche ist erst einmal vom Tisch, aber natürlich wird man irgendwann auch wieder in die Attraktivität investieren müssen. Jetzt müssen wir aber vorrangig die Weichen stellen, um das AquaMagis ohne Bauchlandung durch die nächsten zwei Winter zu bekommen“, hält Allmann abschließend fest.

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