Auswirkungen der Coronakrise

Lange Wartezeiten für Medikamente

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So voll sind die Regale momentan selten: Apotheker Ralf Brensel kennt die Probleme.

Herscheid/Plettenberg – Das Coronavirus hat den Medikamentenmangel noch einmal verstärkt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) listet über 400 Medikamente auf, die derzeit alle nicht lieferbar sind. In Ausnahmefällen ziehen sich die Engpässe bis Mitte 2021 oder sogar 2022. Vor Ort ist die Problematik nur allzu gut bekannt.

„Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel“, erklärt Claudia Cramer, Inhaberin der Herscheider Dorfapotheke. Mittlerweile gebe es kaum einen Patienten, der mit Rezepten in die Apotheke kommt und dann nicht von Lieferschwierigkeiten betroffen sei. In vielen Fällen bekäme der Patient davon nichts mit – außer, dass es vielleicht ein wenig länger dauert, bis die Mitarbeiterin eine Lösung gefunden hat. Hinter den Kulissen sieht das anders aus. Denn es gelte, umfangreiche Regelungen zu beachten, die während Corona täglich um neue Sonderregelungen ergänzt würden.

 Es müssten alle Formalien richtig eingehalten werden. Sonst verweigere die Krankenkasse die Erstattung und die Apotheke, die sich zeitintensiv um den Patienten und seine Versorgung bemüht hat, bleibe auf den Kosten für das gelieferte Arzneimittel sitzen, so Cramer. Immerhin: In der Coronakrise gebe es Sonderregelungen, damit nicht für jede Änderung bei der Abgabe ein neues Rezept in der Arztpraxis beschafft werden muss. „Das erspart uns wenigstens diesen Aufwand.“ Die Suche nach aktuell lieferbaren Alternativen erfordere aber viel Zeit. „Die kaufmännischen Angestellten der Apotheken forschen fast pausenlos nach schwer lieferbaren Arzneimitteln, um für unsere Kunden Alternativen zu finden, wenn die gewohnten Arzneimittel nicht zu bekommen sind“, erläutert Cramer.

Falsche Lieferzeiten: Riesiger Mehraufwand Arzneimittelhersteller haben unter ihren Nummern Bandansagen zur aktuellen Liefersituation laufen. So auch der Hersteller Merck, der unter anderem die Schilddrüsentabletten Euthyrox herstellt. Wählt man sich zu den Lieferzeiten durch, werden Tabletten aufgelistet mit der Kalenderwoche, in der sie wieder verfügbar sein sollen. KW 26, KW 29 oder KW 33 – das ist Mitte August – heißt es da unter anderem. Bei vielen anderen Medikamenten ist wiederum gar nicht erst klar, wann wieder geliefert werden kann. „Ohne Termin.“ Und selbst wenn Kalenderwochen angegeben werden, stimmten diese selten. Die Firmen könnten angeblich keine Angaben darüber machen, wann genau mit Ware zu rechnen sei, erklärt Cramer. Das sorge für einen riesigen Aufwand in der Dorfapotheke. Mit zahlreichen Patienten würde durchgerechnet, wie lange der Vorrat zuhause noch reicht. 

Wartelisten und Listen mit Patienten zeigten an, wer als nächstes Nachschub braucht. Dabei verunsichere Corona die Patienten sowieso. Das drücke sich nicht nur über die bekannten Hamsterkäufe beim Toilettenpapier aus. Bei Arzneimitteln sei das nicht viel anders, so die Herscheider Apothekerin. Auch fänden aktuell seltener Arztkontakte statt. Patienten hätten Angst, sich anzustecken, ihre Medikamentenvorräte sollen also länger reichen. Momentan kommen viele Faktoren zusammen. Corona stresse die Versorgungswege auch im Arzneimittelbereich. 

Die großen Lieferländer für Arzneimittel wie China und Indien seien selbst von der Krise gebeutelt, erklärt Cramer. „Gleichzeitig arbeiten viele Großhändler noch sicherheitsweise in getrennten Teams und haben ihre volle Leistungsfähigkeit noch nicht wieder erreicht.“ Cramer äußert gegenüber unserer Zeitung einen Wunsch an die Politik: Hersteller sollten dazu verpflichtet werden, verbindliche Lieferzusagen zu treffen und konsequent bestraft werden, wenn Zusagen nicht eingehalten würden. 

Jedes Paar Socken, das im Internet bestellt würde, könne heutzutage ganz einfach elektronisch verfolgt werden. Man wisse genau, in welchem Paketzentrum das Päckchen gerade umgeladen werde und wann der Bote es anschließend wo hinlegen wird. Cramer könne nicht verstehen, warum sie und ihr Team dann einen Großteil der Zeit damit verbringen müssten, mit Herstellern zu telefonieren, wann es denn wieder Ware geben würde.

In Plettenberg ist die Situation ebenfalls bestens bekannt. Apotheker Ralf Brensel, Inhaber der Engel-Apotheke am Maiplatz, berichtet auf Nachfrage von diversen fehlenden Arzneistoffen, darunter Herz- und Kreislaufmedikamente, Antidiabetika (bestimmte Wirkstoffe), teilweise Antibiotika, Antidepressiva und andere. Das ändere sich laufend. Immerhin: „In den meisten Fällen gibt es Alternativen anderer Hersteller oder es werden vom Arzt vergleichbare Wirkstoffe verordnet“, erklärt Brensel.

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