1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Plettenberg

„Vielseitig und bereichernd“: Warum Therapeuten aufs Land ziehen

Erstellt:

Von: Sabrina Jeide

Kommentare

Annika und Alexander Schwitalla bieten in ihrer Privatpraxis Verhaltenstherapie an. Das Ehepaar hat sein Studium gemeinsam in den Niederlanden absolviert.
Annika und Alexander Schwitalla bieten in ihrer Privatpraxis Verhaltenstherapie an. Das Ehepaar hat sein Studium gemeinsam in den Niederlanden absolviert. © Jeide, Sabrina

Fachtherapeutenmangel auf dem Land? Annika und Alexander Schwitalla schwimmen gegen den vermeintlichen Strom: Sie eröffnen in Plettenberg eine Privatpraxis für Psychotherapie. Was hat sie zu diesem Schritt bewogen? Und was macht ihre Arbeit so besonders?

Plettenberg - Wenn wir irgendwann im Alter auf unser Leben zurückschauen: Welche Erinnerungen werden uns kommen? Können wir dann sagen: Das Leben war schön? Es sind zwei einfache, grundsätzliche Sinnfragen und doch beschreiben sie beispielhaft auch den Sinn in der Arbeit von Psychotherapeuten. Denn sie möchten den Menschen dazu verhelfen, schöne Erinnerungen zu schaffen, schöne Momente zu erleben, wieder Lebensfreude zu haben. Annika und Alexander Schwitalla sind psychologische Psychotherapeuten, die im Oktober in Plettenberg ihre erste eigene Praxis eröffnen und Verhaltenstherapie für Erwachsene anbieten.

Und es ist ein durchaus spannender Weg, der sie nach Plettenberg verschlagen hat, ist er doch das genaue Gegenteil von dem, was so gerne propagiert wird, warum Ärzte und Therapeuten eben nicht aufs Land kommen (wollen).

Sie – geboren in Hamm – lernt ihn – geboren im Münsterland – beim Studium in den Niederlanden vor gut zehn Jahren kennen. Über weitere berufliche Stationen kommen sie mit dem Sauerland in Berührung und verlieben sich direkt in diese Region. Sie finden in Plettenberg ein Eigenheim hoch oben auf der Wieckmerth mit wunderbarem Ausblick ins Grüne, das zu ihnen und zu ihren beruflichen Plänen passt. 2019 ziehen sie ein, aber erst drei Corona-Jahre und einige bürokratische Hürden später, kann es endlich losgehen. Nicht als Kassenpraxis (siehe Infotelegramm), dafür als Privatpraxis, wagen sie den Schritt in die Selbstständigkeit.

Die Rahmenbedingungen für Patienten, die eine Therapie in Anspruch nehmen möchten, sind derzeit allerdings alles andere als einfach. Termine erst in einem halben bis einem Jahr; Praxen, die Patienten aufgrund der Vielzahl an Anfragen erst gar nicht mehr auf Wartelisten setzen können. „Wir sehen, dass es nicht gut läuft“, zeigt sich das Therapeutenpaar durchaus frustriert über die äußeren Gegebenheiten. Eigentlich sollte Patienten in dringenden Fällen schnell und langfristig geholfen werden können.

Doch wenn das Gespräch auf die eigentliche Therapie-Arbeit kommt, dann blühen Annika und Alexander Schwitalla förmlich auf und berichten, welch große Freude die Arbeit bereite, wenn man gemeinsam mit den Patienten eine Verbesserung der Lebenssituation erreichen könne. „Unser Beruf ist sehr vielseitig und es ist unglaublich bereichernd, wenn sich Menschen öffnen“, berichtet Alexander Schwitalla. Das Therapeutenpaar ist sich dabei durchaus bewusst, dass ihnen ein enormer Vertrauensvorschuss seitens der Patienten entgegengebracht werde.

Sie bieten in ihrer Praxis Verhaltenstherapie für Erwachsene an. Doch wann ist eine Therapie überhaupt nötig? Die klare Antwort: Wenn der Leidensdruck für den Menschen einfach zu groß werde und die Lebensqualität sinke. Oftmals finden sich Probleme in ungünstigen Lernerfahrungen begründet – beispielsweise können sich soziale Ängste ergeben, weil in der Schule vermehrt Mobbingerfahrungen gemacht wurden. Und diese Ängste setzen sich im weiteren Lebensweg fort. Sorgen, in der Ausbildung abgelehnt zu werden oder nicht gut genug zu sein, können sich beispielsweise auf körperlicher Ebene äußern, zum Beispiel in Form von Herzrasen, Zittern, Stottern oder Ähnlichem.

In depressiven Episoden können Patienten eine niedergeschlagene Stimmung, Schlaf- oder Appetitstörungen entwickeln. Bei einem Patienten sei es der soziale Kontaktrückzug, bei einem anderen Patienten können es extrem hohe Leistungsansprüche sein, die denjenigen regelmäßig (zu oft) über Grenzen gehen lassen.

Ob Leeregefühl, Freudlosigkeit oder zu hoher Leistungsdruck – gerade die Corona-Pandemie habe vieles verschlimmert, mussten auch Annika und Alexander Schwitalla feststellen. Weniger positive Erlebnisse – sei es der Besuch eines Tanzkurses, die Tasse Kaffee mit der Freundin oder der Spielplatzbesuch mit den Kindern: All diese Erlebnisse fielen für viele völlig unerwartet weg. Entsprechend habe sich die Waagschale zwischen Anforderungen, zum Beispiel im Job oder eben im Familienalltag, und dem Ausgleich, beispielsweise durch soziale Kontakte, verschoben. Aber eben dieser Ausgleich, den schon Kleinigkeiten im Alltag bieten können, sei enorm wichtig, „um die Batterien wieder zu füllen“.

„Ich muss an meinen eigenen Werten arbeiten“, sagt Annika Schwitalla, wenn es darum geht, mit sich selbst „im Reinen“ zu sein. Dazu gehöre es aber eben auch, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und zu erkennen, „was für mich wirklich wichtig und sinnhaft ist. Wie lerne ich es, den Alltag so zu gestalten, dass ich den eigenen Werten entsprechend leben kann?“

Ein Gefühl dafür zu entwickeln, helfe, auch das eigene Verhalten besser zu verstehen. Gerade bei einem Rückzugsverhalten bleibe oft die Erkenntnis, dass kurzfristig zwar alles besser erscheint, es aber langfristig nicht die Lösung sein kann.

Ängste, Zwänge oder Verhaltenssüchte: Es gibt viele Bereiche, die die Menschen in ihrer Lebensqualität einschränken können. Gerade bei Ängsten bringe die Therapie „total schöne Erlebnisse mit sich, wenn jemand wieder freier werden kann“, berichtet Annika Schwitalla. Die Behandlung von Ängsten erfolge dabei in aller Regel über so genannte Konfrontationsübungen – man stellt sich also der Angst. Gemeinsam begegne man dann einer großen Menschenmenge oder geht vielleicht zusammen einkaufen. Wichtig sei aber auch die Erkenntnis: „Ich kann die volle Kontrolle und Sicherheit nicht haben, Risiken gehören zum Leben immer dazu“. Aber wie frei kann ich leben, wie sehr schränkt mich ein Rest-Risiko ein – hier wirksame Strategien zu entwickeln, sei das A und O.

Ein nicht zu unterschätzendes Problemfeld sind auch psychosomatische Erkrankungen, bei denen psychische Faktoren auf körperliche Abläufe einwirken können, so zum Beispiel beim Reizdarmsyndrom. Auch beim Long-Covid können psychische Faktoren eine Verschlimmerung bewirken, wenn Menschen durch andauernde Erschöpfungszustände oder Schmerzen immer gereizter werden und sich zurückziehen.

„Wohin führt mich mein innerer Kompass schließlich?“ Dieser grundlegenden Frage gehen die psychologischen Psychotherapeuten in ihren Therapiestunden nach. Ohne zu bagatellisieren, soll den Patienten das nötige Rüstzeug an die Hand gegeben werden, um gewünschte Veränderungen in eigenen Denk- und Verhaltensweisen wirksam umsetzen zu lernen. Aber, und das ist beiden sehr wichtig: „Wir machen nur Angebote“. Letztendlich entscheide immer der Patient selbst, wie weit er gehen möchte oder kann.

Privatpraxis am Wieckmerther Weg

Das Ehepaar Schwitalla eröffnet seine eigene Praxis am Wieckmerther Weg und bietet Verhaltenstherapie für Erwachsene an. Termine können ab sofort vereinbart werden. Beide absolvierten ihr Bachelor- und Masterstudium in klinischer Psychologie an der Radboud-Universität in Nijmegen in den Niederlanden. An der Akademie für Verhaltenstherapie (AVT) in Köln wurden sie zu Psychologischen Psychotherapeuten für Erwachsene im Bereich Verhaltenstherapie mit Approbation ausgebildet. Weitere Stationen führten sie über Kliniken (z. B. Hans-Prinzhorn-Klink in Hemer) und Lehrpraxen schließlich in die Selbstständigkeit.

Annika Schwitalla ist beispielsweise seit fünf Jahren für die Awo-Beratungsstelle Meinerzhagen tätig, Alexander Schwitalla im psychologischen Liaison-Dienst bei der Märkische Reha-Klinik, Lüdenscheid. Gerne hätten Annika und Alexander Schwitalla einen Kassensitz übernommen – allerdings herrsche im Märkischen Kreis zurzeit eine Überversorgung. Sollte ein Kollege im MK seine Praxis aufgeben, müssten sie sich darauf bewerben. „Wir werden da die Augen offen halten“, sagen die Psychotherapeuten.

Bis dahin kann über private Krankenversicherungen abgerechnet werden oder können Leistungen auf Selbstzahlerbasis beglichen werden, wobei sich die Summe nach der Gebührenordnung für Psychotherapeuten richtet. Eine 50-minütige Therapiesitzung kostet 100,55 Euro.

Auch interessant

Kommentare