Morgens Homeschooling, nachmittags im Seniorenzentrum

Alleinerziehend mit vier Kindern und Pflegefachkraft: So bewältigt Carmen Jansohn den Corona-Alltag

Familie Jansohn mit Carmen, Wiebke, Lara, Marlon und Charline aus Plettenberg
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Die Familie Jansohn auf dem Wohnzimmersofa: Mutter Carmen, 31, kümmert sich um ihre Kinder Charline (elf Monate), Marlon (zweieinhalb), Wiebke (9) und Lara (14). Sohn Moritz (10, nicht auf dem Foto) wohnt bei seinem Vater, von dem Carmen Jansohn seit Mai getrennt lebt.

Manchmal liegt Carmen Jansohn abends im Bett und denkt sich: „Wann hört das endlich auf?“ Ein Alltag als Alleinerziehende mit vier Kindern, Homeschooling, Arbeit im Altenzentrum - das geht an die Belastungsgrenze. Wir durften uns ein Bild von Carmen Jansohns alltäglichem Wahnsinn machen.

Plettenberg -  Besonders an Tagen, an denen sie sich überschlagen musste, um allen gerecht zu werden, an denen der Tag besser 30 Stunden und sie acht Arme hätte, da wünscht sich die junge Mutter, dass die Corona-Pandemie hoffentlich bald ein Ende hat und der alltägliche Wahnsinn zumindest ein bisschen stressfreier wird. Aber Carmen Jansohn ist keine Frau, die verzweifelt. Augen zu und durch. Irgendwie klappt es immer. (News zum Coronavirus im MK)

Gestatten, das ist die Familie Jansohn: Mutter Carmen, 31, seit Mai letzten Jahres getrennt lebend, alleinerziehend; die älteste Tochter Lara, 14, Achtklässlerin an der Geschwister-Scholl-Realschule; Wiebke, 9, dritte Klasse in der Hallenschule; Marlon, 2, Kindergartenkind am Eschen, höchstanfällig für jedwede Krankheiten, Diagnose nach der Geburt: Herzfehler, nach einer Odyssee durch ganz Deutschland letztes Jahr wegen einer seltenen Lidmuskelschwäche am Auge operiert; und Sonnenschein Charline, fast 1, wenige Tage nach Marlons Augen-OP geboren, ebenfalls Kindergartenkind am Eschen. Die vier Kinder und ihre Mutter leben in einem Haus in Landemert, Carmen Jansohns fünftes Kind Moritz, 10, wohnt derzeit bei seinem Vater. Immerhin eine Sorge weniger für die alleinerziehende Mutter.

Aber Alltagsstress hat sie dank Corona auch so schon genug. Seit letzter Woche ist ja wieder Schulunterricht von Zuhause angesagt. Noch ein Punkt mehr, den Carmen Jansohn irgendwie in ihrem Tagesplan unterbringen muss. Hinzu kommt noch die angespannte Lage auf der Arbeit. Als Pflegefachkraft im Altenzentrum St. Josef hat sie angesichts krankheitsbedingter Ausfälle von Kollegen und einem Corona-Ausbruch rund um Weihnachten zuletzt viel erlebt und alle Hände voll zu tun. Aber auch das muss irgendwie bewältigt werden.

Alleinerziehend, vier Kinder und Pflegefachkraft: So sieht der Alltag von Carmen Jansohn aus

Für die alleinerziehende Mutter sehen die Tage derzeit so aus. Um 4.30 Uhr steht sie morgens auf, macht sich fertig, füttert Baby Charline, bereitet dem zweijährigen Marlon das Frühstück vor und holt danach die beiden Schulkinder Wiebke und Lara aus dem Bett, was gar nicht so einfach ist, weil die beiden letzte Woche noch im Ferienrhythmus steckten und gerne abends länger wach geblieben sind. Wenn dann also alle wach sind, beginnt der alltägliche Wahnsinn.

Dann funktioniert zum Beispiel bei Lara die App nicht richtig, mit der sie die Unterrichtsmaterialien für Zuhause abrufen kann. Oder sie braucht Hilfe bei den Matheaufgaben, in die man sich auch als Erwachsener erst mal wieder hineindenken muss. Dann turnt Wiebke – anstatt ihre Aufgaben zu erledigen – mal im Wohnzimmer herum und klaut dem kleinen Marlon seinen Holzwagen, woraufhin dieser in Tränen ausbricht und getröstet werden muss. Dann schreit plötzlich Charline wie am Spieß, weil sie Hunger bekommt. Dann beginnt es draußen zu regnen und die ohnehin schon mäßige Internetverbindung in Landemert gibt den Geist auf. Und wer muss sich darum kümmern, dass die Technik funktioniert, dass die Kinder ihre Schulaufgaben erledigen und nicht streiten, dass alle ihr Essen bekommen? Carmen Jansohn – eine vierfache Mutter in Corona-Zeiten eben.

Mittags müssen die Kinder abfahrbereit sein, denn um 13 Uhr beginnt für ihre Mutter derzeit der Dienst im Altenzentrum St. Josef. Zuvor fährt sie noch einen Schwenk über den Eschen, um die Kinder zu den Großeltern zu bringen – eigentlich genau die Betreuungsform, vor der Kanzlerin Merkel und Co. in Pandemiezeiten zum Schutz der Großeltern immer gewarnt haben. „Aber wer soll es sonst machen?“, sagt Carmen Jansohn.

Bis 20 Uhr dauert ihr Spätdienst. Normalerweise macht sie nur drei Stunden Frühdienst und kann die Kinder währenddessen in den Kindergarten bringen, aber weil auch die Situation in Seniorenheimen derzeit angespannt ist, wurde Carmen Jansohn gefragt, ob sie vorübergehend den Spätdienst übernehmen könne. Sie arbeitet jetzt seit 14 Jahren in St. Josef. Die Kollegen und die Leitung hängen lassen, die ihr in der Vergangenheit entgegen gekommen sind? Kommt für sie nicht infrage.

Alleinerziehende Altenpflegerin im Corona-Alltagswahnsinn: „Kommen meine Kinder bei alldem zu kurz?“

Statt ihrer kleinen Kinder kümmert sie sich also nachmittags um Senioren. Sie macht es gerne, sagt sie, den Bewohnern zuhören, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern in Zeiten, die für alle nicht einfach sind. Sie sagt, wenn sie auf der Arbeit ist, ist sie gedanklich bei ihren Kindern. Und Zuhause denkt sie an ihre Senioren.

Manchmal kommt ihr aber auch eine andere Frage in den Sinn: „Kommen meine Kinder bei alldem zu kurz?“

Sie nimmt sich nach ihrem Feierabend um 20 Uhr noch einmal Zeit für ihre Kleinen. Manchmal spielen sie abends noch etwas oder sie schauen zusammen auf dem Sofa fernsehen, bevor alle im Bett sind und Carmen Jansohn gedanklich schon den nächsten Tag durchgeht.

Wer auf jeden Fall zu kurz kommt, ist sie selbst. Es gibt Carmen Jansohn wahlweise als Mutter oder als Pflegefachkraft, aber nur noch selten als Carmen Jansohn selbst. Auch das ist eine Folge von Corona: Die Auswirkungen der Pandemie bürdet Menschen so große Belastungen auf, dass von ihrem Privatleben unter der Woche nichts und an den Wochenenden nur noch ein bisschen übrig bleibt.

Wie lange soll das noch so gehen? Die Rede ist davon, die jetzigen Corona-Maßnahmen bis Ostern zu verlängern. Damit scheint der verschärfte Wahnsinn des Alltags so bald kein Ende zu nehmen. „Aber irgendwie werden wir auch das durchhalten“, sagt Carmen Jansohn und schaut dabei die kleine Charline auf ihrem Schoß an. Die Kleine grinst bis über beide Ohren. So, als wolle sie sagen: „Ja, Mama, wir schaffen das.“

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