1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Plettenberg

 Allein mit Kind in der Fremde: Über 900 Stunden Deutsch gelernt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christos Christogeros

Kommentare

Strahlende Gesichter zum Abschluss des Deutsch-Kurses: Lehrerin Ewa Deren (Mitte) ist stolz auf ihre Absolventen, allesamt alleinerziehende Mütter.
Strahlende Gesichter zum Abschluss des Deutsch-Kurses: Lehrerin Ewa Deren (Mitte) ist stolz auf ihre Absolventen, allesamt alleinerziehende Mütter. © Diakonisches Werk

Es war wohl der längste Kurs, den Deutsch-Lehrerin Ewa Deren jemals gegeben hat: Rund zwei Jahre unterrichtete sie im Auftrag des Diakonischen Werks des heimischen Kirchenkreises Frauen aus den verschiedensten Kulturkreisen in der deutschen Sprache – mit Erfolg: „Ich liebe meine Lehrerin“, erklärte eine Teilnehmerin. 

Plettenberg - „Ich will Deutsch lernen und in Deutschland arbeiten.“

Ob aus dem Irak, dem Iran, Afghanistan, Syrien, Nigeria, Somalia, Marokko oder der Türkei: Die Teilnehmerinnen haben rund 900 Stunden in das Erlernen der deutschen Sprache investiert. Hinzu kamen 100 weitere Unterrichtsstunden, in denen sich die Frauen mit der Geschichte, der Kultur und der Rechtsordnung in Deutschland vertraut machten. So unterschiedlich die Herkunft der Flüchtlinge und Emigrantinnen ist, eins haben sie gemeinsam: Sie haben Kinder und ohne eine entsprechende Betreuung ihres Nachwuchses hätten sie den Kurs nicht durchziehen können. Dabei sei es ohnehin schwer genug gewesen.

Der Lehrgang hatte im März 2020 begonnen. Wegen der Corona-Pandemie habe man den Kurs zwei Mal für längere Zeit unterbrechen müssen. Diese Phasen seien mit Online-Angeboten überbrückt worden. Das sei keine leichte Aufgabe gewesen – weder für die Lehrer noch für die erwachsenen Schülerinnen. „Aber alle sind dran geblieben“, erklärt Ewa Deren.

Seit Januar 2022 sei der Unterricht wieder in Präsenz an fünf Tagen in der Woche gelaufen.

Alleinerziehend und auf der Flucht

Viele der Frauen befänden sich in einer schwierigen persönlichen Lage. Alleinerziehend, auf der Flucht von Somalia über Griechenland nach Deutschland den Partner verloren – jede habe eine schwierige Zeit hinter sich. Und dennoch: Im Kurs hätten sie gemeinsam viele Hürden genommen. Nicht nur so sperrige Wörter wie „Gleichstellungsgesetz“, die ihnen noch holprig über die Lippen kommen. Sie haben gelernt, dass in Deutschland so manches anders ist als in ihren Herkunftsländern.

„Dieser Kurs mit Kinderbetreuung hat mir besonders am Herzen gelegen und ich bin sehr froh, dass er so erfolgreich war“, sagt Gudula Mueller Töwe. Die Pädagogin koordiniert die Sprach- und Integrationskurse, die das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V. anbietet und für deren Durchführung der Fachdienst Migration und Integration des Diakonischen Werks des Evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg zuständig ist.

Die Kinder hätten sich schnell an die Betreuung durch Abeer Al Hamadi und Hanadi Bajbouj gewöhnt. Beide Frauen verfügen über viel Erfahrung mit kleinen Mädchen und Jungen. Abeer Al Hamadi arbeitete in ihrem Heimatland Syrien als Englischlehrerin. Ihre B1- und B2-Prüfungen hat sie schon vor einigen Jahren erfolgreich bestanden.

Zertifikate nicht anerkannt

Als Lehrerin kann sie in Deutschland jedoch nicht arbeiten. „Meine Zertifikate werden nicht anerkannt“, sagt sie. Aber sie sei glücklich, dass sie für die Diakonie arbeiten dürfe.

Abeer könnte ein Vorbild für die Frauen sein, deren Kinder sie über zwei Jahre betreut hat. Sie ist ein Beispiel dafür, dass Zuwanderinnen in ihrer neuen Heimat Fuß fassen können.

Auch die Frauen aus dem Kurs hätten gezeigt, dass sie anpacken wollen. Ihnen gehe es vor allem um die Zukunft ihrer Kinder. Zugleich würden sie am Schicksal der anderen Zuwandererfamilien teilnehmen und ihre Erfahrungen austauschen. „Bei uns ging es nicht immer nur um die Sprache“, bestätigt Lehrerin Ewa Deren.

Zum Abschluss des Kurses setzten die Frauen ein ganz besonderes Zeichen der Anteilnahme. Sie spendeten den Inhalt eines prall gefüllten Sparschweins für Geflüchtete aus der Ukraine.

Woher stammt das Geld? Die Frauen hatten für den Kurs ein eigenes Regelwerk erarbeitet. Nicht lachen, wenn andere Fehler machen, nicht zu spät kommen, im Kurs nur Deutsch sprechen – das zählte zu den insgesamt acht goldenen Regeln im Kursraum. Wer mal eine dieser Regeln vergaß, zahlte freiwillig zehn Cent.

Neue Kurse

Ab Ende Mai werden in den Gemeinderäumen der Martin-Luther-Kirche erneut zwei Sprachkurse mit Kinderbetreuung angeboten. Informationen und Anmeldung über Gudula-Mueller-Töwe, Koordinatorin Sprach- und Integrationskurse, Bahnhofstraße 25-27 (oberer Eingang), Tel. 0 23 92 / 95 40 14, mobil 0 177 - 39 42 852, Mail: g.mueller-toewe@diakonie-luedenscheid-plettenberg.de. Sprechzeit: Montag von 13.30 bis 15.30 Uhr und Mittwoch von 13 bis 15 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Auch interessant

Kommentare