1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Plettenberg

„Am liebsten gleich was zu trinken besorgen“: Alkohol bleibt Suchtmittel Nummer 1

Erstellt:

Von: Christos Christogeros

Kommentare

Alkohol
Alkoholabhängigkeit bleibt weiter ein großes Problem: Über zwei Drittel der Klienten der Suchtberatungsstelle können nicht vom Hochprozentigem lassen. © Frank May/dpa

„Der Schluck aus der Pulle“ bleibt die Sucht Nummer eins: Noch immer befassen sich die meisten Anfragen in der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werks an der Bahnhofstraße in Plettenberg mit dem Thema Alkohol. Doch die nun veröffentlichten Zahlen lassen auch Positives erkennen: Trotz Corona wagten im vergangenen Jahr wohl mehr Hilfesuchende den Gang zur Beratungsstelle als noch im ersten Corona-Jahr 2020.

Plettenberg - „Als hätte es das Coronavirus gar nicht gegeben“ – so kommentiert Suchtberater Frank Horstmann die Entwicklung im vergangenen Jahr. „Im Jahr 2020, dem ersten Jahr der Corona-Pandemie, bemerkten wir eine gewisse Zurückhaltung potentieller Klientel, mit uns Kontakt aufzunehmen. Das mag mit der allgemeinen Vorsicht verbunden gewesen sein, zwischenmenschliche Kontakte wegen des Infektionsrisikos möglichst zu vermeiden, das ‚Social Distancing‘ wurde allerorts praktiziert“, erklärt Horstmann. Während 2019 insgesamt 402 Hilfesuchende per Telefon, Besuch der offenen Sprechstunden oder per E-Mail Kontakt zur Beratungsstelle aufgenommen hätten, seien es 2020 lediglich 251 Hilfesuchende gewesen. „Das ist die niedrigste Zahl der letzten zehn Jahre“, sagt Horstmann.

Alkoholabhängigkeit bleibt auch weiterhin das am weitesten verbreitete Suchtproblem (69 Prozent der Hauptdiagnosen), mit dem Betroffene zur Beratungsstelle an der Bahnhofstraße kommen. Sieben Prozent der Klienten kamen wegen Spielsucht zur Beratung, zwölf Prozent wegen der Sucht nach illegalen Drogen. Ein Prozent der Klienten berichtete von übermäßiger Mediennutzung, in elf Prozent der Fälle konnte keine Diagnose gestellt werden.
Alkoholabhängigkeit bleibt auch weiterhin das am weitesten verbreitete Suchtproblem (69 Prozent der Hauptdiagnosen), mit dem Betroffene zur Beratungsstelle an der Bahnhofstraße kommen. Sieben Prozent der Klienten kamen wegen Spielsucht zur Beratung, zwölf Prozent wegen der Sucht nach illegalen Drogen. Ein Prozent der Klienten berichtete von übermäßiger Mediennutzung, in elf Prozent der Fälle konnte keine Diagnose gestellt werden. © Christogeros

Doch im vergangenen Jahr habe sich diese Zahl merklich erholt. Insgesamt 356 Hilfesuchende hätten sich mit ihrem Anliegen an die Beratungsstelle gewandt (davon waren 225 Personen sogenannte Kurzkontakte, das heißt, es fand lediglich ein einmaliger, in der Regel ausführlicher telefonischer Beratungskontakt statt). Und das, obwohl auch das Jahr 2021 geprägt war durch die Einschränkungen und Herausforderungen der Corona-Pandemie.

Corona und Alkoholsucht

Die Beratungsgespräche und Gruppenangebote hätten aber im gesamten Jahr in Präsenz angeboten und durchgeführt werden können. „Das war besonders für Klientel, das bereits abstinent war, aber tagtäglich um ihre Abstinenz kämpfen musste, eminent wichtig“, sagt Horstmann.

Wie schwer gerade die Corona-Pandemie für Abhängige wog, berichtet der 51-jährige Manfred, Klient der Suchtberatungsstelle: „Ich bin müde und ungeduldig geworden. Corona hat mir mein ‚Normal‘ gestohlen. Ich weiß ja, dass alle gleichermaßen betroffen sind, aber ich fühle mich dann oft hilflos und alleingelassen. Dann kommt in mir schnell die Frage auf, wozu denn bloß das alles? Dann würde ich am liebsten gleich los und mir was zu trinken besorgen“. Aber dann denke er an die wöchentliche Gruppe in der Suchtberatungsstelle, was dann die anderen dazu sagen würden, wenn er wieder trinken würde. „Und dann denke ich, die anderen schaffen das doch auch, also warum dann nicht ich auch? Das gibt mir Kraft durchzuhalten. Und am nächsten Gruppenabend berichte ich – wie alle anderen auch – von einer weiteren abstinenten Woche. Das macht mich stolz, stolz auf mich, stolz auf uns!“

Und der 51-Jährige ist sicher kein Einzelbeispiel. Denn noch immer ist Alkohol das Suchtmittel Nummer eins. 53 Menschen fanden wegen Alkoholsucht im vergangenen Jahr den Weg zur Beratungsstelle – mit Abstand das häufigste Thema, über das mit den Suchtberatern gesprochen wurde. Der Konsum von Cannabis und die suchtartige Mediennutzung (jeweils 16 beziehungsweise 15 Personen) folgen auf den Plätzen zwei und drei. Zum Thema Glücksspiel kamen elf Personen zur Beratung, der Konsum harter Drogen wurde von zwölf Hilfesuchenden thematisiert.

Suchtberatungsstelle: Corona verändert die Arbeitsweise

Doch die Corona-Pandemie hat nicht nur wesentlichen (negativen) Einfluss auf Suchtpatienten. Das Virus habe auch die Arbeit der Suchtberatungsstelle verändert. Seit November gilt auch in der Suchtberatungsstelle der Zutritt unter Beachtung der 3G-Regel. Durch die Angebote der kostenfreien Bürgertests in den offiziellen Teststellen wurde auch niemand vom Besuch der Suchtberatungsstelle ausgeschlossen.

Der Evangelische Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg habe seinen Mitarbeitern schon frühzeitig ermöglicht, von zu Hause aus zu arbeiten. „Anfangs wurden hauptsächlich Schreibarbeiten zu Hause erledigt“, erklärt Horstmann, „Kontakt zur Klientel fand zunächst lediglich in Form von Telefon-Beratungen statt.“

Ab November konnten aber Suchtberatungs- und Suchttherapietermine auch online per Video angeboten werden. Was zunächst als Option bei einem möglichen weiteren „Lockdown“ organisiert wurde, habe inzwischen die Angebotspalette der Suchtberatungsstelle erweitert. „Ob Klienten in Quarantäne oder erkrankt waren, die Kinderbetreuung ausfiel oder der Anfahrtsweg witterungsbedingt unsicher war, konnten Beratungs- und Therapietermine per Video oder Telefon eine zuverlässige und kontinuierliche Betreuung gewährleisten und teilweise Präsenztermine ergänzen“, führt Schneider aus. Die Übertragung der Videoberatung sei natürlich verschlüsselt erfolgt.

Auch Teambesprechungen, Arbeitskreise und Fortbildungen seien im vergangenen Jahr weitestgehend digital wahrgenommen worden, wobei auch hier vermehrt Routine eingekehrt sei und die digitalen Angebote auch nach Beendigung der Pandemie eine sinnvolle Ergänzung darstellen würden.

Kontakt

Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werkes, Bahnhofstraße 25, 58840 Plettenberg, Tel. 0 23 91 /95 40 - 20.

Auch interessant

Kommentare