Abschlussrede spaltet das Publikum bei Entlassfeier der Realschule

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Teilweise gab es Standing Ovations nach den Worten der Abschlussschülerin Dafina Bellacerka, die sich nach eigener Aussage trotz einer Angststörung dazu entschlossen hatte, diese Rede zu halten.

Plettenberg - Die einen applaudieren im Stehen, andere reagieren geschockt und entsetzt auf die Worte einer Schülerin bei der gestrigen Entlassfeier der Geschwister-Scholl-Realschule.

Es war ihre Feier. Ihr Abschluss. Ihr Moment. Ein Tag, auf den man stolz sein kann, denn nach sechs Jahren an der Geschwister-Scholl-Realschule konnten die 77 Entlassschüler gestern ihre Abschlusszeugnisse entgegen nehmen. Normalerweise ist das ein freudiges Ereignis, aber die Abschlussrede einer Schülerin warf einen düsteren Schatten auf die Entlassfeier.

Eigentlich sollte Schülersprecher Thomas Penner laut Programm die Rede stellvertretend für die Abschlussklassen halten, doch aus nicht genannten Gründen schritt seine Klassenkameradin Dafina Bellacerka ans Mikrofon und nutzte die Bühne für eine Abrechnung. Sie spreche für die Menschen, die an dieser Schule zerbrochen seien. „Die Schule hat uns psychisch krank gemacht“, sagte sie und erklärte, dass sie selbst davon betroffen gewesen sei. Schule solle einem Spaß und Freude schenken, anstatt sie wegzunehmen, führte Dafina Bellacerka weiter aus. „Niemand sollte Angst haben, zur Schule zu gehen.“ Sie wolle sich nicht länger „runtermachen lassen“ und wünsche sich, dass andere Schüler nicht das durchmachen müssten, was sie erlebt habe.

Ihr explizites Lob ging an ihre Klassenkameraden („früher ward ihr mal fremde Menschen, heute seid ihr wie eine zweite Familie. Wir sind ein großes Team“) und an die Klassenlehrerin Stefanie Fries („ich hoffe, Frau Fries realisiert, wie wichtig sie für uns war“).

Die Reaktion des Publikums war gespalten. Während viele von Dafina Bellacerkas Klassenkameraden aufsprangen und applaudierten, stand anderen Abschlussschülern, Eltern und Lehrern der Schock ins Gesicht geschrieben. Selbst die gelobte Lehrerin Stefanie Fries, die zunächst höflich applaudiert hatte, sagte im Anschluss an die Rede auf Nachfrage: „Das war ein Schlag ins Gesicht für alle Kollegen. Diese Rede hat mich selbst auch sehr traurig gemacht.“

Diverse Abschlussschüler distanzierten sich vehement von der Rede. Heike Biedermann, Großmutter eines Abschlussschülers, suchte auf dem Schulhof sofort den Reporter auf, sagte: „Ich bin fassungslos.“

Jochen Weber, der Leiter der Realschule, hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits ins Lehrerzimmer zurückgezogen. „Ich war ziemlich geschockt“, schilderte er am Nachmittag am Telefon. „Es ist für mich nicht nachvollziehbar; bei mir hat sich nie jemand beklagt oder beschwert“, sagte er.

In seiner Ansprache, die Weber auf der Entlassfeier nach der Schülerrede gehalten hat, war der Schulleiter nicht auf die kurz zuvor geäußerten Vorwürfe eingegangen. Gleichwohl ließ er durchblicken, dass es für die Abschlussschüler oft Veränderungen gegeben hatte. Das fing bereits in der Klasse 5c an, die sechs Wochen nach dem Start mit Kerstin Fischer eine neue Klassenlehrerin bekommen hatte, weil die eigentliche Klassenleiterin Tiska eine neue Stelle angetreten hatte. „Tragisch dann die Ereignisse Anfang Dezember 2014, als die Klassenlehrerin der Klasse 7d, Sabine Klein, völlig überraschend und für uns alle unfassbar, verstarb“, berichtete Weber weiter. In der Jahrgangsstufe neun schließlich wurde die Klasse 9b, die bis dato Manfred Heck als Klassenlehrer hatte, aufgelöst; die Schüler wurden in die Klassen 9a von Stefanie Fries, 9c von Kerstin Fischer und 9d von Margita Meiwald verteilt, wo sie nach den Worten der Lehrer gut aufgenommen worden sind.

Für Unmut unter den Schülern sorgte dann kürzlich die Absage der Mottotage. Jochen Weber begründete diese Entscheidung  damit, dass Schüler betrunken zur Schule gekommen seien und ein ganzer Jahrgang verspätet zum Unterricht erschienen sei, weil man stattdessen durch das Schulgebäude gezogen sei und mit Gesängen andere Klassen gestört habe, die zum Teil Klassenarbeiten geschrieben hatten.

Aber es gab auch viele schöne Momente, an die die Lehrer Stefanie Fries und Margita Meiwald gut gelaunt in einem pfiffigen Zwei-Frau-Theater vor der Schülerrede berichteten. Sie erinnerten zum Beispiel an die erste Klassenfahrt, die nach Norderney führte und an das „erste fliegende Klassenzimmer“ der Schule, weil es mit dem Flugzeug zur Klassenfahrt nach Italien ging.

Die freudige Stimmung, die Worte des Lobes auch von Seiten des Bürgermeisters, die gelungenen Auftritte des Unterstufenchors, des Schulchors und des Lehrerchors rückten schließlich in den Hintergrund, nachdem die für viele unerwartete Schülerrede beendet war.

Weitere Fotos zur Abschlussfeier, die Namen der Entlassschüler und weitere Informationen zur Zukunft der Schulleitung lesen Sie in der Wochenend-Ausgabe des Süderländer Tageblatt.

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