8160 geradelte Kilometer: Lesung in der Stadtbücherei

+
Anna Magdalena Bössen brachte ihren gelben Koffer mit. 

Plettenberg -  „Der erste Schritt zu so einer Reise ist der Schwerste. Ich habe diesen Schritt gemacht, ich bin ihn gegangen, sonst könnte ich Ihnen heute überhaupt nichts erzählen“, begann Anna Magdalena Bössen am Freitag ihre Lesung in der Stadtbücherei zu ihrem Buch „Deutschland. Ein Wandermärchen“.

"Wenn man diesen Schritt gegangen ist, kommt alles in Bewegung. Man soll seinen Mantel nicht zu lange an den gleichen Nagel hängen. Weil es so oft dieser Nagel nur ist, der uns am Ende noch hält,“ geht es mit Anna Magdalena Bössens Lesung weiter, oder nein – Berichterstattung oder nein – Rezitation, ja, was war es eigentlich? Ein ungewöhnlicher Reisevortrag über eine ungewöhnliche Radtour durch Deutschland mit einer „ungewöhnlichen“ Protagonistin.

Anna Magdalena Bössen ist eigentlich diplomierte Gedichte-Sprecherin (Rezitatorin) und Sprecherzieherin, zudem Dozentin für Sprechen an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt. An einem besonderen Moment im Winter 2013 stand sie mit ihrem Rad am Elbdeich und verspürte Sehnsucht nach Aufbruch, jedoch nicht nach Ausstieg. „Ich wollte aufbrechen, ich wollte los. Und wen habe ich mitgenommen? Meinen gelben Koffer voller deutscher Dichter und Denker. Warum? Würden Sie sagen, dass wir noch das Land der Dichter und Denker sind?“ stellte Bössen die Frage an das Plettenberger Publikum, welches ein entschiedenes „Nein“ entgegen brachte. Damit lagen die Plettenberger nach Angaben Bössens in der Tradition des ganzen Landes. „Das Land der Dichter und Denker ist selbst der Meinung, es ist nicht mehr das Land der Dichter und Denker“, beruhigte Bössen. Sie selbst habe dieses Gefühl gehabt, wollte dies überprüfen und habe deshalb Gedichte eingepackt und sich mit ihnen auf die Reise begeben. Neben Dichtern und Denkern habe sie auch große Fragen, wie „Bin ich Deutschland?“ mit sich geführt. Keine einfach zu beantwortende Frage, die sie im ganzen Land einfach mal so weitergab. Im Norden, Osten, Westen und Süden gab es sehr unterschiedliche Antworten.

Viele Gäste waren zur Lesung gekommen.

Das Schwierigste auf dieser Reise sei für Anna Magdalena Bössen der Anfang gewesen. Sie schilderte anschaulich aus ihrem Buch über dieses Problem Bequemlichkeit und Sicherheit gegen Unsicherheit einzutauschen. „Die Anfrage eines TV-Teams über das Projekt zu berichten, habe ich gerne angenommen, denn ich konnte jede Art von öffentlicher Aufmerksamkeit gebrauchen, um Einladungen zu erhalten. Am Anfang hatte ich 18 Stück bekommen, davon zwölf von meiner Familie“, amüsierte Bössen die Zuhörer. Die anderen sechs habe sie besucht und die weitergehende Route von den weiteren Einladungen abhängig gemacht.

Die Dreharbeiten hätten sie somit auch vor vollendete Tatsachen gestellt: Es gab kein Zurück. „Ich soll jetzt abfahren. Das schaffe ich nicht, denke ich laut.“ Gutgemeinte Ratschläge ihrer Freunde führten sie in Versuchung den Abreisetermin zu verschieben: „Hey, ich fahr dich morgen zum Auftritt und dein Rad und deinen gelben Koffer, dann bleibst du halt noch einen Tag hier. Gute Freunde nehmen den Druck raus, können aber nicht die Entscheidung abnehmen.“ Die Mutter (gebürtige Plettenbergerin) gibt folgenden Rat: Heute wird es nicht leicht, aber morgen wird es schwerer. In vier Etappen, zwölf Monaten Reisezeit, 100 Auftritten, 92 Gastgebern und 8 160 geradelten Kilometern sammelte Bössen viele Geschichten, Erfahrungen und knüpfte neue Freundschaften. Daraus entstand das Buch „Deutschland. Ein Wandermärchen.“

In der Stadtbücherei erzählte sie von ihren persönlichen Erfahrungen, las aus ihrem Buch markante Stellen, ließ Gedichte eindrucksvoll und gefühlvoll einfließen. Unterschiedliche Mentalitäten habe sie auf ihrer Reise kennengelernt, stellte Fragen wie: Wie entsteht Gemeinschaft? Was ist Heimat? Sie erfuhr vieles über die Leidenschaft der Deutschen. Amüsant verlief der Erzählabend in der Plettenberger Stadtbücherei. Mit viel Geschick verband Bössen Lesung, Erzählung und Rezitation, fesselte mit ihrer Stimme, sodass die Zeit im Nu verflog. Neben ihrem Buch, das im vergangenen Jahr herauskam, gibt es jetzt übrigens auch ein Hörbuch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare