Interview mit Dietmar Auner

25 Jahre an einem Ort: Wie ein Pfarrer den Wandel der Kirchengemeinden erlebt

Pfarrer Dietmar Auner ist seit 25 Jahren in Plettenberg tätig.
+
Pfarrer Dietmar Auner ist seit einem Vierteljahrhundert in Plettenberg tätig. Am 12. Mai 1996 trat er seine Pfarrstelle an.

Seit einem Vierteljahrhundert ist Dietmar Auner Pfarrer in Plettenberg. Am 12. Mai 1996 trat er seine Pfarrstelle an. Im Interview erzählt der 63-Jährige, was sich in dieser Zeit verändert hat.

Plettenberg – Der jährliche Rückgang der Gemeindegliederzahl und die Reduzierung von Pfarrstellen fallen ebenso in Auners lange Amtszeit wie die Renovierung der Christuskirche und - was er als seine schwierigste Entscheidung bezeichnet - die Aufgabe der Beteiligung am Plettenberger Krankenhaus. Und auch die Corona-Pandemie ist für die Kirchengemeinde seit über einem Jahr eine große Herausforderung.

Wie sind Sie nach Plettenberg gekommen und was waren Ihre vorherigen Stationen?

Ich hatte sieben Jahre eine Pfarrstelle in Neustadt in Siebenbürgen. Ich habe zehn selbstständige kleine Gemeinden geleitet, die weit auseinanderlagen. Dann kam der Massenexodus der Deutschen in Siebenbürgen in die BRD. Am Ende waren nur noch 20 Prozent der Gemeindeglieder übrig. Durch den Pfarrerüberhang wurde ich in Rumänien nicht mehr gebraucht. Deswegen bin ich dann mit meiner Familie – meiner Frau Brigitte und unseren Kindern Margrit und Matthias – in die BRD ausgewandert. Nach meiner Anerkennungsprüfung Anfang 1993 durfte ich mich bei drei Landeskirchen auf Pfarrstellen bewerben, habe mich dann aber für die Evangelische Kirche in Westfalen entschieden, da mein Bruder im Siegerland Pfarrer war. So hatte ich etwas Nähe zur Familie.

Wie fiel die Wahl dann auf Plettenberg?

Da ich keine der Gemeinden in Westfalen kannte, habe ich den Kirchenrat gebeten, mir einen Vorschlag zu machen. Das hatte der wohl noch nicht erlebt, denn die meisten Pfarrer haben oft klare Vorstellungen, wohin sie möchten. Er hat mir gesagt: „Schauen Sie sich Plettenberg an, da wird jemand gebraucht, da finden Sie noch heile Welt vor.“ Ich bin dann nach Plettenberg gegangen und hatte dort vom Juli 1993 bis Mai 1996 die Stelle eines Synodalvikars und war dabei die unterstützende Hand des langjährigen Superintendenten Wilhelm Ubrig, der auch mein direkter Vorgänger in der Pfarrstelle im Oestertal war. Die habe ich am 12. Mai 1996 übernommen. Die 25 Jahre in Plettenberg sind die längste Zeit, die ich in einer Pfarrstelle verbracht habe. Ich bin dankbar für die guten Erfahrungen in den Gemeinden während meines 35-jährigen Dienstes als Pfarrer.

Gab es denn die versprochene heile Welt in Plettenberg?

Es gab damals noch vier Pfarrstellen. Auflösungsprozesse in den Gemeinden wie zum Beispiel in den Großstädten gab es in den 90er Jahren in Plettenberg noch nicht. Wenn man es so sieht, war es schon etwas heile Welt. Es gab eine große Zahl an Ehrenamtlichen und Mitarbeitern und viele Veranstaltungen in allen Pfarrbezirken. Es gab noch eine richtige Aufbruchstimmung und viel Begeisterung. Es hing auch mit dem sehr intensiven Gemeindeleben zusammen, dass meine Familie so schnell Anschluss gefunden hat und das Sauerland zu unserer Heimat geworden ist.

Wie hat sich die Gemeinde in den 25 Jahren als Pfarrer verändert?

Als ich anfing, hatten wir 9 500 Gemeindeglieder, heute sind es etwa 5 500. Durch die starke Überalterung – mehr Beerdigungen als Taufen – und den Wegzug vieler Jüngerer für Studium, Ausbildung und Beruf hat sich die Zahl der Gemeindeglieder jedes Jahr um mehr als 100 reduziert. Auch die Zahl der Pfarrstellen hat sich ab 2007 verringert, von vier beziehungsweise fünf mit der Pfarrstelle im Hilfsdienst auf erst drei, dann zwei. Ich bin froh, dass wir nach dem Weggang von Pfarrer Hirschberg im vergangenen Jahr die zweite Stelle Pfarrerin Christine Rosner wieder besetzen konnten und freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihr. Nachfolger zu finden wird aber künftig schwierig bleiben, weil es so wenig Theologiestudenten gibt.

Was ist Ihnen aus den 25 Jahren hier vor Ort besonders in Erinnerung geblieben?

Die christlichen Hochfeste und die Freiluftgottesdienste an verschiedenen Orten in Plettenberg haben mir viel Freude gemacht. Auch die Kinderbibeltage, der Kultursommer und die Singspiele und Musicals hatten für mich immer einen hohen Stellenwert. Stark verändert hat sich in den 25 Jahren allerdings die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit der kleiner werdenden Gemeinde. Die Kindergärten in Himmelmert und Holthausen wurden deswegen in städtische Trägerschaft zurückgegeben. Und 2006 haben wir schweren Herzens die Beteiligung am Krankenhaus aufgegeben und den Weg für den Einstieg eines Investors freigemacht. Das war meine schwierigste Entscheidung in den 25 Jahren, aber es ging darum die Arbeitsplätze zu erhalten und die medizinische Versorgung zu gewährleisten. Der Erlös wurde in eine Stiftung eingebracht und dient der Arbeit im Kindergarten. Ein Großprojekt, das mir sehr am Herzen lag, war auch die Renovierung der Christuskirche von 2007 bis 2014. Dabei wurde circa eine Million Euro investiert. Viele haben dafür gespendet, sonst hätten wir das nicht stemmen können. Das war ein sehr schönes Erlebnis.

Eine besondere Zeit für die Kirchen ist auch die Corona-Pandemie. Was wird davon bleiben?

Viele Menschen haben sich durch die Corona-Krise mit Fragen von Leid, Sterben und Auferstehung beschäftigt, die sie sich sonst nicht gestellt haben. Das sind urchristliche Fragen und ich habe in der Corona-Zeit viele positive Gespräche darüber erlebt. Wir haben durch Corona auch ungewollt einen Digitalisierungsschub mitgemacht. Da hat es viel Kreativität gegeben und viele gerade jüngere Leute haben sich eingebracht. Ich bin dankbar, dass wir die Krise so überstehen konnten und auch viele Ältere mit den digitalen Angeboten klargekommen sind. Ich denke, das wird auch bleiben, denn wir müssen für die jungen Generationen erreichbar sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare