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Nach dem Lkw aufs Pferd: Junge Frau fährt einen 40 Tonner

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Von: Thilo Kortmann

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Plettenbergerin Natalie Posner fährt mit 22 Jahren 40-Tonner-Lkw
Die Plettenbergerin Natalie Posner fährt mit ihren 22 Jahren Lkw aus Leidenschaft. © Natalie Posner

Sie reitet, geht mit ihrem Hund wandern oder trifft sich mit Freundinnen zum Disco-Besuch – eben alles das, was junge Frauen gerne in ihrer Freizeit machen. Nur Natalie Posners Job ist außergewöhnlich für Frauen in ihrem Alter: Sie ist Lkw-Fahrerin.

Plettenberg – Mit einer Körpergröße von 1,60 Meter und ihrer schmalen Statur wirkt die Plettenbergerin etwas verloren, wenn sie neben ihrem mächtigen Gefährt steht. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig – sie hat das Fahrzeug fest im Griff, fährt es mit einer spielerischen Leichtigkeit, so als wenn sie bereits seit vielen Jahrzehnten hinter dem Lkw-Steuer sitzen würde.

Hinter der Windschutzscheibe in einer Ecke des Cockpits sitzt ein Stofftier, in der Mitte oben steht „Sunrise Avenue“, der Name ihrer Lieblingsband. Zu dem Song „Dreamer“ fährt sie gerne in den Sonnenaufgang, während Frontmann Samu Haber – dem Finnen, der bei „The Voice of Germany“ in der Jury saß – singt. Mit so einem TV-Glanz, den auch solch eine Serie wie die „Trucker Babes“ ausstrahlt, hat Natalie Posners Arbeitsalltag nicht viel gemein. „Das ist nicht die Realität. Mein Job hat damit wenig zu tun“, sagt sie selber zu Serien wie den „Trucker Babes“. Denn Natalie Posner ist selber als Person eher zurückhaltend und ihre Arbeit ist nicht so actionreich wie sich das viele gerne vorstellen.

Die 22-Jährige wirkt ausgeglichen. Und diese Ausgeglichenheit kommt ihr in ihrem 40-Tonner sehr zugute. Cool bleiben ist klar von Vorteil. Gerade momentan rund um Lüdenscheid. Natürlich ist auch sie vom Verkehrschaos rund um die Brückensperrung betroffen. Auch sie steht zurzeit viel im Stau. Jedoch müsse sie auf die Autobahn, und das erspare ihr viel Stress. Und klar, gebe es auch Zeit- und Termindruck. Aber es helfe ja nicht, sich verrückt zu machen. Generell gilt: „Man sollte als Lkw-Fahrerin nicht hektisch und aufgeregt werden“, erklärt die junge Frau.

Klischees, die widerlegt werden

Gar kein Frustabbau im Fahrerhaus? „Manchmal“, antwortet sie und lächelt. Ab und zu fluche sie mal über andere Autofahrer, „aber wer macht das nicht.“ Ansonsten ist es eher ruhig an Bord. Dass Truckerinnen immer einen deftigen Spruch auf Lager hätten, sei ein Klischee, das sie selber widerlege. Und es gibt auch nicht andauernd Action auf der Straße. „Ich bin viel unterwegs. Aber es passieren jetzt keine großen Abenteuer, größtenteils verläuft der Arbeitstag normal. Im Fernverkehr passiert vielleicht schon eher was“, sagt sie.

Natürlich passierten schon mal lustige und auch unschöne Dinge, „wenn man sich mal verfährt.“ Der größte Unterschied zu einem Großteil der anderen Berufe sei hingen das ständige Unterwegssein. Und das sage ihr sehr zu, „das mag ich lieber als im Büro zu sitzen.“

Täglich frühmorgens um 3 Uhr steht die junge Frau auf, macht sich von Plettenberg auf zu ihrem Arbeitgeber, der Firma Hufnagel in Olpe. Dort steigt sie um 5 Uhr in einen 40 Tonnen schweren Lkw. Anschließend ist sie rund zehn Stunden auf Achse, fährt durchs Volmetal und in andere Regionen des Sauerlandes. Dann transportiert sie Container mit Abfällen wie Schrott oder Bauschutt.

Job als Ausbilderin

„Man muss diesen Job schon lieben, sonst ist es nichts für einen“, erklärt Natalie Posner. Sie liebt diesen Job so sehr, dass sie es anderen junge Menschen beibringen möchte. Momentan lässt sie sich zur Ausbilderin weiterbilden. Auch von ihrem Arbeitgeber, der Firma Hufnagel, gibt es viel Lob. Natalie Posner sei so talentiert und ambitioniert als Lkw-Fahrerin, man traue ihr den Job als Ausbilderin ohne weiteres zu, heißt es aus Olpe.

Apropos Liebe zum Lkw: Wie kommt es, dass man als junge Frau das Lkw-Fahren liebt? „Ich bin da reingewachsen. Mein Vater ist auch Lkw-Fahrer. Ich bin früher als kleines Kind mitgefahren oder habe auch schon selber hinter dem Lenkrad gesessen“, erklärt die Plettenbergerin. So sei die Liebe und die Faszination für das Lkw-Fahren entstanden.

Schon früh habe sie sich für die Technik des Fahrzeugs interessiert. Ohne ein solches Interesse für die Lkw-Technik mache, sagt sie, der Job keinen Sinn. „Wenn man sich dafür interessiert und offen ist, dann kann diesen Job jeder machen“, erklärt sie. Wirklich jeder? Braucht man nicht Kraft? „Ja, schon“, antwortet sie und fügt hinzu: „Die Kraft kommt von selber mit der Zeit. Man erlernt sie und man lernt, wie man sich zu helfen weiß“, erklärt die 22-Jährige.

Auch sie als zierliche Frau habe es geschafft, will auch anderen Frauen in ihrem Alter Mut machen. „Es ist nur eine Frage des Trainings und des Ehrgeizes. Um einen Lkw zu fahren, muss man kein großer, starker Mann sein.“ Zudem habe die moderne Technik diesen Job wesentlich erleichtert, „vieles ist nur noch einen Knopf drücken, auch um den Lkw zu starten.“ Ganz früher haben noch viel mehr anpacken müssen, war alles wesentlich komplizierter. Und trotzdem bleibe es heute auch nicht aus, dass man mal zupacken müsse.

Neben der physischen Kraft erfordert der Job für eine junge Frau auch psychische Kraft. Dieser Job sei immer noch Männerdomäne. Sie als junge Frau mit blonden Haaren werde zwar respektiert und akzeptiert von den anderen Lkw-Fahrern, doch müsse man mit der Sprache der Fahrer umgehen können. „Oft unterhalten sich die Männer nicht ganz jugendfrei, das muss man aushalten können.“

Motorrad und Pferd

Dass Natalie Posner Lkw-Fahrerin ist, sei in ihrem Umfeld kein großes Thema. „Für meine Freundinnen ist der Job gar nicht so etwas Besonderes und deshalb ist es da auch kein großes Thema“, erklärt die Sauerländerin. Sie fahre auch Motorrad, eine 550er Kawasaki, in ihrer Freizeit, „das machen mittlerweile auch viele junge Frauen“. Am liebsten aber kümmere sie sich nach einem harten Arbeitstag um ihr Pferd und reitet aus in die Natur.

Trotz der Leidenschaft zum Lkw interessiert sie sich überraschenderweise nicht für Autos. „Ein Auto muss mich nur von A nach B bringen. Da bin ich ganz typisch Frau“, sagt sie und lächelt. Ob sie den Job als Lkw-Fahrerin bis ins hohe Alter machen möchte, weiß sie indes noch nicht.

Fest steht aber für die junge Plettenbergerin: „Wenn ich nicht mehr selber Lkw fahren sollte, mache ich irgendwas, was mit Lkws zu tun hat“, während sie den Lastwagen in den Sonnenuntergang steuert. Dazu läuft das Lied „Alles neu“ von Peter Fox. Auch das passt – zur Rahmedetalbrücke beispielsweise. „Es wird ja eine neue Brücke geben. Es könnte nur alles etwas schneller gehen“, sagt sie. Für ihren Arbeitsalltag wäre es wichtig.

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