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Wurde ein Bruch übersehen?: Klinikum schickt Seniorin mit Schmerzen nach Hause

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Von: Carla Witt

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Das Röntgenbild aus dem Plettenberger Krankenhaus zeigt die verletzte Schulter, die operativ versorgt werden musste.
Das Röntgenbild aus dem Plettenberger Krankenhaus zeigt die verletzte Schulter, die operativ versorgt werden musste. © Privat

Eine 83-jährige Neuenraderin ist nach einem Sturz in der Notfallaufnahme des Klinikums Lüdenscheid untersucht und dann nach Hause geschickt worden.Am Folgetag diagnostizierten Ärzte im Plettenberger Krankenhaus eine Oberarmkopf-Mehrfragment-Fraktur. Eine OP folgte.

Neuenrade/Lüdenscheid/Plettenberg – „Erst jetzt ist mir klar geworden, was in Lüdenscheid alles schief gelaufen ist.“ Die 83-jährige Neuenraderin, die vor etwa zwei Wochen unglücklich gestürzt ist, blickt kopfschüttelnd auf ihre Erlebnisse im Klinikum Lüdenscheid zurück.

Nachdem man dort in der Notaufnahme keine Fraktur festgestellt und sie nach Hause geschickt hatte, wurde sie am Folgetag im Plettenberger Krankenhaus stationär aufgenommen. Die Plettenberger Ärzte diagnostizierten eine Oberarmkopf-Mehrfragment-Fraktur. Inzwischen hat die Neuenraderin eine größere Operation hinter sich und befindet sich in einer Reha-Maßnahme. Namentlich möchte die Seniorin nicht genannt werden.

Quasi vor der Haustür, dem Service-Wohnen im Neuenrader Mühlendorf, sei sie am Morgen des 15. August gegen 9.30 Uhr gestolpert – und einfach sehr unglücklich gefallen. Sofort seien Passanten zur Stelle gewesen, um der Seniorin beim Aufstehen zu helfen.

„Aber es durfte mich keiner anfassen. Ich hatte zu große Schmerzen, vor allem in der rechten Schulter“, erzählt sie. Kurzentschlossen verständigten die Helfer einen Rettungswagen, mit dem die Neuenraderin in die Notaufnahme des Klinikums Lüdenscheid gebracht wurde. „Die Sanitäter im Rettungswagen meinten, dort seien die Ärzte sehr kompetent und es könnten sämtliche Untersuchungen gemacht werden.“

So sei es dann auch gewesen. „Ich bin sehr gründlich untersucht worden. Unter anderem wurden Füße, Knie und die Schulter geröntgt. Auch eine Computertomographie von meinem Kopf wurde gemacht“, berichtet die Neuenraderin. Das bestätigt der Notfallbericht des Klinikums Lüdenscheid: „Untersuchung, Beratung, CCT, Röntgen“, heißt es dort. Dass die Patientin „nach den geltenden medizinischen Standards umfassend notversorgt“ worden sei, geht auch aus der späteren Stellungnahme der Märkischen Kliniken hervor.

Ein neues Schultergelenkt ist der Seniorin fünf Tage nach dem Sturz in Plettenberg eingesetzt worden.
Ein neues Schultergelenk ist der Seniorin fünf Tage nach dem Sturz in Plettenberg eingesetzt worden. © Privat

Nach den Untersuchungen habe sie eine Weile warten müssen. „Man hat mir gesagt, dass sich die Ärzte besprechen müssen“, berichtet die Seniorin. Schließlich habe man ihr erklärt, dass sie „Glück gehabt“ habe, alles sei „heile, nichts gebrochen“. Folglich ist im Notfallbericht notiert, dass beim Röntgen weder im rechten Knie noch in der rechten Schulter Frakturen festgestellt werden konnten.

Eigentlich hätte sich die Patientin über diese Nachricht freuen müssen. „Aber weil ich so starke Schmerzen in der Schulter hatte, habe ich noch einmal nachgehakt“, erinnert sie sich. Daraufhin habe man ihr erklärt, beim Röntgen habe man zwar eine alte Fraktur in der rechten Schulter entdeckt, die sei aber längst verheilt. „Ich habe dann deutlich gemacht, dass ich von dieser Verletzung nichts weiß“, unterstreicht die Seniorin.

Trotz ihrer Bedenken habe man ihr mitgeteilt, sie dürfe das Krankenhaus verlassen. „In der Aufregung sind mir die Handynummern meiner Angehörigen nicht eingefallen. Deshalb habe ich gesagt: „Dann muss ich mir ein Taxi bestellen.“ Das habe aber das Krankenhauspersonal erledigt – mit dem Hinweis, dass sie die Fahrt selbst bezahlen müsse.

Das war der Seniorin in diesem Moment egal. Sie hatte Schmerzen in der Schulter und sich zahlreiche Hämatome im Gesicht und am Körper zugezogen. Auch auf ihre Brille musste sie verzichten: die Sehhilfe war bei dem Sturz zu Bruch gegangen. „Ich war so hilflos“, stellt die 83-Jährige fest.

Rückblickend kann sie nicht verstehen, warum die Telefonnummern ihrer Angehörigen nicht einfach vom Bildschirm abgelesen wurden: „Ich bin in Lüdenscheid schon einmal operiert worden. Meine Daten lagen dort vor.“

Letztlich habe sie zwei Stunden auf das Taxi warten müssen. „Das erste ist wohl falsch bestellt worden, es war nur für Rollstuhlfahrer geeignet“, erinnert sich die Seniorin. Niemand habe sich nach den Untersuchungen noch um sie gekümmert, ihr vielleicht ein Glas Wasser angeboten. „Auch ein Schmerzmittel habe ich nicht bekommen.“

Nur wenige Meter vor der Haustür ist die Senioren so unglücklich gestürzt, dass sie in die Notaufnahme nach Lüdenscheid gebracht wurde.
Nur wenige Meter vor der Haustür ist die Senioren so unglücklich gestürzt, dass sie in die Notaufnahme nach Lüdenscheid gebracht wurde. © Carla Witt

Am späten Nachmittag zuhause angekommen, meldeten sich sofort die besorgten Angehörigen. Sie hatten den ganzen Tag versucht, die 83-Jährige zu erreichen. Viele Male hätten sie in der Notaufnahme in Lüdenscheid angerufen – ohne Erfolg. Niemand sei dort ans Telefon gegangen. Schließlich fuhren sie selbst ins Klinikum, wo man ihnen mitgeteilt habe, es sei alles in Ordnung: die Verunfallte sei mit dem Taxi nach Hause gefahren.

Am folgenden Tag ging es der Seniorin eher schlechter als besser. Die Schmerzen in der Schulter quälten sie. „Ich konnte gar nichts – und mir war auch noch schwindelig und schlecht.“ Statt wie geplant am Vormittag zum Hausarzt, brachten die Angehörigen die 83-Jährige schon am frühen Morgen ins Plettenberger Krankenhaus. „Dort angekommen hat man mich sofort in einen Rollstuhl gesetzt, untersucht und mit Verdacht auf Gehirnerschütterung stationär aufgenommen“, berichtet sie.

Nachdem es den Ärzten nicht gelungen sei, die Röntgenbilder aus Lüdenscheid zu bekommen, seien erneut Aufnahmen angefertigt worden. Nach deren Auswertung kamen die Mediziner in Plettenberg zu einer Diagnose, die sich sehr deutlich vom Befund der Notaufnahme unterscheidet: Oberarmkopf-Mehrfragment-Fraktur rechts, erheblich disloziert.

Demnach hat die Seniorin nicht nur einen einfachen Bruch des Oberarmkopfes erlitten, sondern es waren mehrere Bruchstellen erkennbar. Diese waren zudem disloziert, also gegeneinander verschoben. Aufgrund dieser Verletzung setzten die Ärzte der Neuenraderin im Plettenberger Krankenhaus fünf Tage nach ihrem Sturz ein neues Schultergelenk ein.

Stellungnahme der Märkischen Kliniken in Lüdenscheid

Die Märkischen Kliniken beziehen Stellung zur Behandlung und dem Aufenthalt der Neuenraderin in der Notaufnahme in Lüdenscheid.

Folgendes hat der kommissarische Pressesprecher Dr. Norbert Jacobs mitgeteilt:

„Auch bei uns im Klinikum hat die Nachricht große Betroffenheit ausgelöst. Und auch wir sind an einer schnellen und vollständigen Aufklärung sehr interessiert. Wir haben die 83-Jährige in Folge eines häuslichen Sturzes am 15. August nach den geltenden medizinischen Standards umfassend notfallversorgt. Die zahlreichen Röntgenbilder zeigten keine Auffälligkeiten.

Um lebensgefährliche Verletzungen auszuschließen, wurden zudem CT-Aufnahmen erstellt. Auch diese zeigten keine Auffälligkeiten.

Die Rückmeldung der Patientin nehmen wir sehr ernst und haben ihr sofort ein klärendes Arzt-Patienten-Gespräch angeboten, was sie jedoch ablehnte. Das Gesprächsangebot unseres Chefarztes gilt auch weiterhin. Um den Sachverhalt schnell und vollständig aufzuklären, schlagen wir der Patientin vor, diesen durch eine unabhängige, neutrale Stelle überprüfen zu lassen.

Wir sind überzeugt, dass die neutrale Begutachtung des Sachverhaltes eine für beide Seiten eine sinnvolle und faire Lösung darstellt. Ein solches Verfahren bietet zum Beispiel die Schlichtungsstelle der Ärztekammer Westfalen-Lippe seit vielen Jahren an.

Selbstverständlich hält unsere Notaufnahme Wasser bereit, um es Patienten zu reichen. Wir entschuldigen uns in aller Form dafür, dass dieses Angebot die Patientin während ihres Aufenthaltes in der Notaufnahme nicht erreicht hat.

Ihren Hinweis nehmen wir zum Anlass unsere Abläufe zu überprüfen und zu verbessern.

Was die Anforderung der Röntgenbilder betrifft, lässt sich leider nicht rekonstruieren, wo angerufen wurde. Unser Haus ist jedoch teleradiologisch an Radprax angebunden und wir geben Bilder und Befunde auf diesem Wege täglich an zahlreiche Gesundheitseinrichtungen weiter. Selbstverständlich auch an das Krankenhaus Plettenberg.“

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