Schwertransporte rollen nachts

Windräder auf dem Kohlberg: Das erste gigantische Rotorblatt ist da

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Neuenrade/Balve – „Man lernt das, wenn man unterwegs ist“, ruft Maik Reiners gegen den Lärm des Schwertransporters an, den er gerade mit einer Fernbedienung durch den Balver Stadtteil Langenholthausen manövriert.

Eine zweiwöchige Schulung habe er aber schon zuvor absolviert, fügt der gelernte Mechatroniker hinzu. Seit nunmehr acht Jahren steuert er nun schon sogenannte Selbstfahrer über bundesdeutsche Straßen. 

Dieses Mal war der Startpunkt der Sunderner Ortsteil Bruchhausen im Hochsauerlandkreis. Von dort aus lenkte Reiners in der Nacht von Donnerstag auf Freitag die Hälfte eines Rotorblattes über Balve zum Neuenrader Kohlberg. Dort entstehen derzeit sechs Windkraftanlagen. Jedes der fast 200 Meter hohen sechs Windräder wird letztlich über drei Rotorblätter verfügen. Alle werden in zwei Teilen angeliefert. 

Pro Teil dauert die Fahrt rund drei Stunden

Jedes Teil benötigt für die Strecke von Bruchhausen nach Neuenrade rund drei Stunden. So schafft Reiners pro Nacht nur ein Rotorblatt. 18 Tage lang wird er also Nacht für Nacht durchs Sauerland laufen – immer dicht neben dem Selbstfahrer. Der Mann an der Fernbedienung ist beschäftigt bei Enercon, dem Hersteller der Windkraftanlagen aus dem ostfriesischen Aurich. 

Steuerkünste sind gefragt, wenn der Transport Richtung Neuenrade unterwegs ist, denn rechts und links der Straße ist nicht viel Platz.

Betrieben werden die sechs Windräder auf dem Kohlberg in Neuenrade vom Unternehmen SL Naturenergie aus Gladbeck. Firmeninhaber und Bauleiter Klaus Schulze Langenhorst beaufsichtigte in der Nacht von Donnerstag auf Freitag persönlich die Anlieferung des ersten Rotorblattes. Störungen durch Windkraftgegner gab es allerdings keine. 

Maximalgewicht von 240 Tonnen

Der für den Transport genutzte Selbstfahrer kann ein Maximalgewicht von 240 Tonnen tragen. Die Rotorblätterteile sind 13 beziehungsweise 41 Meter lang und wiegen zusammen 27 Tonnen. Über 18 Achsen verfügt der per Fernbedienung gesteuerte Schwerlasttransport. Jede davon kann separat um bis zu 135 Grad gedreht werden. 

So sind auch die schwierigsten Ecken kein Problem für Reiners. Die größte Herausforderung für ihn in dieser Nacht ist die enge Kurve beim Restaurant Haus Habbel in Langenholthausen. Doch auch dies gelingt dem Experten scheinbar ohne größere Anstrengung. Zahlreiche Schaulustige beobachten ihn dabei und fotografieren sowie filmen das ungewöhnliche Schauspiel. 

Maximal 16 Kilometer pro Stunde

Mit einer Geschwindigkeit von höchsten 16 Kilometern pro Stunde lenkt Reiners das Rotorblatt auf dem Lastwagen durch die Nacht. „Kurz vor dem Ziel, wenn es den Kohlberg hinauf geht, werden es nur noch drei Kilometer pro Stunde sein“, weiß Maureen Nauen, Pressesprecherin von SL Naturenergie. Auch sie ist vor Ort und somit Zeugin der Anlieferung des ersten Rotorblatt-Teilstücks. „Sowas sieht man ja nicht alle Tage“, ist sie begeistert. 

Die Bürgerinitiative „Rettet den Kohlberg“ versucht weiterhin den Bau und die Inbetriebnahme der sechs Windrad-Riesen auf dem Kohlberg zu verhindern, klagt gegen das Projekt. 

Hopfen-Spruch an Windrad

Zuletzt hatten sich Sprayer an Teilen eines Windradturmes zu schaffen gemacht und den Spruch „Hopfen und Malz – Gott erhalts.“ darauf hinterlassen. Zudem stellten sie für die Bauarbeiter gleich noch eine Kiste Bier auf die Baustelle. 

„Das ist nicht von uns. Das ist in einer Nacht- und Nebelaktion aufgesprüht worden“, sagte SL-Naturenergie-Sprecherin Nauen dazu Anfang des Monats. Die Täter hatten an einem Wochenende die Rückseite eines Metallrings besprüht, der Teil eines der sechs Windradtürme ist. Nachdem die Schmiererei bemerkt wurde, stoppte der Investor die Arbeiten allerdings nicht, sondern ließ den Ring samt Hopfen-Spruch in luftiger Höhe montieren.

Hinter der SL Naturenergie steckt der Unternehmer Klaus Schulze Langenhorst. Seit Mitte der 1990er-Jahre macht er Geschäfte mit Windrädern und Photovoltaikanlagen. Seine erste Windenergieanlage nahm er 1996 auf dem elterlichen Hof in Betrieb. Schulze Langenhorst ist auch als Lobbyist und Aktivist unterwegs. Er hat eine Führungsfunktion im Landesverband Erneuerbare Energien (LEE). Der Windpark auf dem Kohlberg passt gut in das Portfolio seiner Unternehmensgruppe. So betreiben seine Unternehmungen laut eigener Aussage„85 laufende Anlagen“, verteilt auf 25 Gesellschaften. Das Unternehmen zählt 30 Mitarbeiter.

Mehr zum Windrad-Projekt auf dem Kohlberg lesen Sie hier.


In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Startpunkt für den Schwertransport habe im Olsberger Stadtteil Bruchhausen gelegen. Tatsächlich handelte es sich aber um den Ort Bruchhausen in der Stadt Sundern. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert und bitten diesen bedauerlichen Irrtum zu entschuldigen.

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