Zwei Stunden Spott, Schmähgedichte und Lästerei

+
Schmickler schleuderte seine berüchtigten Gedichte ins Publikum wie einst Zeus seine Blitze vom Olymp.

Neuenrade - Ein volles Haus bescherte Wilfried Schmickler am Samstagabend dem Kaisergarten und dem Kulturverein „Neuenrader Forum“, das den Kabarettisten aus dem Rheinland in sein „liebstes Neuenrade“ gelockt hatte. Zwei Stunden spottete und lästerte Schmickler über die Weltlage in einer Art und Weise, die den Zuhörern trotz deutlicher Worte nicht die gute Laune verdarb, sondern sie befreit schmunzeln und lachen ließ.

So sah es jedenfalls eine Besucherin, die sich darüber freute, dass sie nicht mit der dringenden moralischen Frage nach Hause gehen müsse, in welcher Partei sie sich zukünftig zu engagieren wünsche.

Schmicklers Botschaften waren vielfältig: „Seid nett zueinander“ wäre eine mögliche Zusammenfassung gewesen, wenn da nicht – neben vielem anderen Ärgerlichen – die „Alternative für Deutschland“ wäre. „Wer nicht zuhören will – mit dem muss ich auch nicht reden“, wies Schmickler alle Zumutungen zurück, die den Deutschen einreden wollten, sie müssten die Sorgen und Ängste von pöbelnden Kleinbürgern und „neofaschistischen Triebtätern“ ernst nehmen. „Sie können einen Nazi nicht einfach einen Nazi nennen“, bedauerte Schmickler und verdichtete seine Schmähkritik an der AfD zu einem jener berüchtigten Gedichte, die er in den Saal schleuderte wie einst Zeus seine Blitze vom Olymp.

Sprachlich waren diese kleinen Kunstwerke und Wortspielereien hoch komprimiert und aufgrund der Vortragsgeschwindigkeit für die Zuhörer nicht in Gänze erfassbar. Doch die hängen gebliebenen Stichworte und Satzfetzen aus dem „Tagebuch eines Gratwanderers“ reichten für eine beeindruckende Durchschlagskraft. Die größte Wucht hatte dabei ein Gedicht auf die AfD. Bei diesem Stichwort werde sein „Schmähzentrum“ sofort aktiviert, erklärte Schmickler.

Warum pflegten manche Deutsche ihre Ängste, die nie in Aleppo, Kabul oder Ramallah waren? Denen weder Hungersnöte, noch Seuchen, noch Flächenbombardements drohten? „Bevor ich Opfer eines Terroranschlags werde, verrecke ich bei einem Auffahrunfall auf der A4“, rückte Schmickler Gefährdungs-Proportionen gerade und widmete sich einer weiteren neumodischen Grundbefindlichkeit: „Wo kommt die latente Aggressivität her?“ „Alles wird Wut“, titelte das Magazin Spiegel über das „Grundgefühl der verbitterten Kreatur“, die die Wörter „Politiker, Etablierte und Flüchtlinge“ nur noch mit einem vorangestellten „Scheiß“ plus Bindestrich verwende.

Die Probleme seien woanders: Neid, Gier und Hass zerfräßen die Menschen im „real kollabierenden Kapitalismus“. Ihre im weltweiten Netz tief verstrickten Köpfe gäben ihren Geist in der elektronischen Scheinwelt auf. Und selbst die industrielle Landwirtschaft als Totengräber von Bienen und Urwäldern spießte Schmickler satirisch auf die Hörner von Methan-furzenden Rindviechern: „Wir fressen den Planeten leer, dann haben wir wieder Platz“, sang er einen seiner rabenschwarzen Songs.

„Das Letzte“ lautet der Titel seines Programms, mit dem er seit längerem unterwegs ist. Die netten Scherze sind als Grundgerüst deshalb eher zeitlos. Darin eingebettet sind aktuelle Bezüge. Der Druck in Schmicklers „Schmähzentrum“ musste raus, und er schaffte das auf mitreißende und unterhaltsame Art und Weise.

Das Publikum ging auf diesem prophetischen Weg durch die letzten Dinge vor dem Weltuntergang ein gehöriges Stück mit, auch wenn vielleicht nicht jeder bis in die letzte Hölle mitgehen mochte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.