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Wie private Netzwerke helfen: Sichere Unterkünfte für Ukrainer

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Von: Peter von der Beck

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Klaus Giljohann und Christina Klass sind Teil des wachsenden privaten Hilfsnetzwerkes für die Ukrainer.
Klaus Giljohann und Christina Klass sind Teil des wachsenden privaten Hilfsnetzwerkes für die Ukrainer. © von der Beck, Peter

Waldorfschul-Manager Klaus Giljohann ist schon erstaunt, was Menschen möglich machen, um zu helfen. „Da wird auch ein Wohnmobil angeboten oder das beheizte und mit sanitären Einrichtungen versehene Gartenhäuschen.“ Erste Ukrainer sind schon über das Netzwerk der Waldorfschule untergekommen. In Werdohl wohnen nun dankbare Ukrainer bei einer Familie. Dort hat eine Frau mit Kindern im umfunktionierten und schnell hergerichteten Partykeller Aufnahme gefunden. Weitere Ukrainerinnen und Kinder sind in Kierspe, Sundern oder Altena.

Angesichts der sich anbahnenden Dramatik in Sachen Ukraine-Krieg hat man sich bei der Waldorfschule Neuenrade Gedanken zum Thema gemacht. „Wir haben 230 Elternhäuser abgefragt, wer denn Flüchtlinge holen, bringen oder aufnehmen könnte.“ Die Resonanz sei enorm, sagte Klaus Giljohann. 50 Betten, davon inzwischen schon 19 vermittelt, wurden auf dieses Weise organisiert. Auch etliche Fahrten seien unternommen worden. Ärzte stellen ihre Kunst kostenlos zur Verfügung, sogar Traumatherapeuten gibt es im Netzwerk der Schule. Giljohann verwies auf russischsprachige Lehrkräfte, die man habe. Klare Sache auch, dass ukrainische Kinder kostenfrei den Unterricht an der Schule besuchen dürften. Möglicherweise sei auch Platz für ukrainische Lehrkräfte.

Auch Russen sind willkommen

Der Schulmanager betonte, dass die Schule mit dem Aufzeigen all dieser Hilfe, die sich ergeben habe, „andere motivieren möchte, ebenfalls etwas zu unternehmen“. Die privaten Netzwerke würden sehr gut funktionieren. Giljohann betonte, dass es darum gehe, den Menschen zu helfen, egal welcher Nation. Sollten sich Russen melden, die aus ihrem Land fliehen müssten, bekämen auch sie Unterschlupf. Überhaupt verbiete sich die Diskriminierung von Russen. Dem stimmt auch die Altenaerin Christina Klass zu, die in dem sich vergrößernden Netzwerk eine wichtige Rolle spielt.

Die vierfache Mutter mit Wurzeln in Kasachstan, die zudem auf ein freikirchliches Netzwerk zurückgreifen kann, hat enge Kontakte zu Bewohnern eines ukrainischen Dorfs in der Nähe von Lemberg (Lviv). Sie beschreibt die Ukrainer als herzliche und gastfreundliche Menschen. Über diesen Kontakt hat sich im Rahmen des Fluchtgeschehens eben viel entwickelt, auch hier in Deutschland, zumal Christina Klass auch Russisch spricht, das etliche Ukrainer auch beherrschen. Der Kontakt zur Waldorfschule wiederum hat sich über Lehrer Patrick Scholl ergeben.

Klass: „Menschen sind total verängstigt“

Klass ist über die Messengerdienste wie Telegramm und WhatsApp nah dran und hat inzwischen auch Ukrainer zuhause. „Die Menschen sind total verängstigt und müssen jetzt zur Ruhe kommen“, beschreibt sie die Situation. Sie berichtet von viertägigen Odysseen von Müttern mit Kindern, von überfüllten Bahnhöfen, zwölf Stunden ohne einen Tropfen Wasser, von Kindern im Kindergartenalter, die wegen des Kriegs auf Knien beten.

Sie erzählt von den langen Autoschlangen. Sie berichtet vom Treibstoff-Problem der Fliehenden und vom Netzwerk der ehrenamtlich engagierten Ukrainer vor Ort, die mit vollen Benzinkanistern gestrandeten Autofahrern helfen würden. Die Flucht gestalte sich wohl auch schwierig, weil die Straßeninfrastruktur in der Ukraine schlecht sei, und man mit dem Auto für 150 Kilometer vier bis fünf Stunden benötige. Alle paar Kilometer gebe es auch Straßenposten. Nervenaufreibend seien die Nächte mit Sirenenalarm und Wache haltenden Männern. Das ist nur ein Ausschnitt von dem, was Christina Klass sozusagen immer live mitbekommen hat.

Angst um wirtschaftliche Existenz

Zunächst seien die Ukrainer auch zögerlich in Sachen Flucht gewesen. „Alle haben gedacht, dass es nur ein wenig Krieg gibt, aber dass es dann so heftig wurde, hat niemand vermutet.“ Die Flucht sei auch begleitet von Angst um die wirtschaftliche Existenz. Die Angst, den Job durch die Flucht zu verlieren sei groß. „Wenn du in der Ukraine keinen Job hast, dann bist du nichts.“ Alle wollten auch in die Ukraine zurückkehren und irrationale Ängste würden sich bei den geschockten Menschen breit machen. Auch absurde Geschichten machen den Menschen das Leben schwer: So machte das Gerücht die Runde, dass die Deutschen den Ukrainern die Pässe wegnehmen würden. Das stimmt natürlich nicht.

Ukrainer können sich in Deutschland ohnehin visafrei 180 Tage aufhalten, sagte am Mittwoch Kurt Maurer, bei der Stadt Neuenrade für Flüchtlinge zuständig. „Und wer Hilfe benötigt, bekommt die auch.“ Die Ukrainer genießen den humanitären Schutzstatus nach EU-Richtlinie.

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